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Wenn die Musik spielt…

Daniela Schulz: Wenn die Musik spielt… Der deutsche Schlagerfilm der 1950er bis 1970er Jahre. Bielefeld 2012. Transcript, 338 Seiten. 29,80 Euro

Das Phänomen Schlagerfilm

Von Oliver Baumgarten Die Dissertation von Daniela Schulz, die in der durchweg interessanten »transcript- Film«-Reihe des Bielefelder transcript Verlages erscheint, widmet sich einem viel geschmähten Phänomen der deutschen Kinogeschichte: dem Schlagerfilm. Viel geschmäht natürlich nur seitens der seriösen Filmgeschichtsschreibung und -kritik, denn die deutschen Zuschauer selbst haben ihn ja stets sehr verehrt – gerade so wie die meist sehr ähnlich strukturierten Musical- und Revuefilme aus Hollywood auch. Das übersichtliche Überblickskapitel zum Forschungsstand des deutschen Schlagerfilms macht denn auch schnell deutlich, in welch geringem Maße tatsächlich je über ihn publiziert wurde: Angesichts dessen darf Schulz fortan die Pionierleistung auf dem Gebiet der »nichtdenunziatorischen Auseinandersetzung« mit dem deutschen Schlagerfilm mit Fug und Recht für sich selbst beanspruchen. Einen Hauptgrund für diese Mißachtung glaubt Schulz darin gefunden zu haben, daß der Schlagerfilm in der Literatur stets als Subgenre des Heimatfilms gesehen und deswegen auch ausschließlich in diesem Kontext analysiert worden ist. Der deutsche Schlagerfilm aber ist weit mehr als das, und Daniela Schulz beschreibt ihn im weiteren als durchaus komplexes eigenes, gar selbstreflexives Genre. Vor allem aber – und darin besteht die eigentliche Leistung der Arbeit – weist sie ihm die Eigenschaft zu, wichtiger Teil eines frühen »intermedialen Systems« zu sein. Schulz legt den Fokus auf die eigentliche Blüte des Schlagerfilms, also auf die Zeit zwischen den 1950er und 1970er Jahren, als in Deutschland, weitaus langsamer als anderswo, der Umbruch hin zum Fernsehzeitalter vonstatten ging. Der Schlagerfilm fand sich damit eingebunden in eben ein solches intermediales System aus Kino, Fernsehen, Hörfunk und Schallplatte, das seine Stars von Peter Alexander bis Roy Black auf unterschiedlichen Ebenen und in gegenseitiger Befruchtung zu Prägung und Erfolg verhalf. Dieses heute geradezu selbstverständliche Marketingmodell nahm in Deutschland seinen Anfang also mit der Blüte des Schlagerfilms – plump zwar manchesmal noch, aber doch so effektiv, daß es trotz beginnender deutscher Kinokrise Anfang der 1960er für Künstler und Produzenten zu äußerst lukrativen Ergebnissen führte. Anhand von Analysen einzelner Filme sowie von zentralen Elementen wie dem für das intermediale System wichtigen Vorspann bereitet Daniela Schulz so dem geneigten Leser ein schönes Entrée in die faszinierende Halbwelt des populären deutschen Kinos. 2012-11-23 14:56

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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