— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Nippon Connection 2011

11. Japanisches Filmfestival. D 2011. L: Marion Klomfaß.
Frankfurt am Main, 27.4. – 1.5.11
Visuell beeindruckend: Milocrorze – A Love Story (Yoshimasa Ishibashi, 2011)

»Das wirft einen immer wieder aus der Bahn«

Von Jens Dehn Als Marion Klomfaß im Jahr 2000 zusammen mit einem Kommilitonen beschloß, ein paar japanische Filme an der Uni zu zeigen, hatten die Frankfurter Studenten ihre kleine Filmreihe eigentlich als einmalige Veranstaltung geplant. Mittlerweile geht Nippon Connection bereits in seine elfte Ausgabe und hat sich dabei längst zu einem der weltweit wichtigsten und angesehensten Filmfestivals über das japanische Kino gemausert. Neben dem Filmprogramm bekommt das Publikum dabei dank eines breit gefächerten Rahmenprogramms – von der klassischen Teezeremonie über den Origami-Workshop bis zum Kendo-Unterricht – auch einen umfangreichen Einblick in die japanische Kultur.

In diesem Jahr ist jedoch alles anders: das Erdbeben im März mit dem darauf folgenden Tsunami und dem GAU im Atomkraftwerk Fukushima hat auch das Festivalteam schockiert. Nippon Connection 2011 wird vom 27. April an unter besonderen Vorzeichen stattfinden, auf die die Organisatoren angemessen reagieren wollen. Über die Auswirkungen der Naturkatastrophe für das Filmfest hat sich Schnitt Online mit Festivalleiterin Marion Klomfaß unterhalten.

Das Erdbeben in Japan am 11. März hat Euch mitten in den Vorbereitungen zum Festival getroffen. Inwieweit hat es Eure Arbeit beeinflußt?

Wir hatten tatsächlich gerade begonnen, das Programmheft zu machen. Als ich dann von der Katastrophe erfahren habe, hat das natürlich erstmal alles über den Haufen geworfen. Wir haben drei oder vier Tage lang alle nur die Nachrichten verfolgt, deutsches und japanisches Fernsehen, und waren natürlich stark betroffen.

Gab es Überlegungen, das Festival abzusagen?

Ja, das war eine sehr starke Diskussion. Aber sowohl bei Leuten in Japan, mit denen wir gesprochen haben, als auch bei Kooperationspartnern hier vor Ort war die Meinung einhellig, daß wir es auf jeden Fall machen müssen. Nicht zuletzt, weil Nippon Connection auch eine großartige Plattform ist: für den Informationsaustausch, um Spenden zu sammeln und um Japan auch in ein anderes Licht zu setzen, unabhängig von den ganzen Katastrophenbildern.

Ist es für Dich persönlich im Moment überhaupt möglich, sich auf das Festival zu konzentrieren, ohne dabei zwangsläufig an die Situation in Japan zu denken?

Es ist sehr schwierig. Einerseits ist es »business as usual«, was ja auch die Japaner selbst betreiben. Am Anfang haben wir natürlich viel mit Japan telefoniert und uns auf persönlicher Ebene ausgetauscht. Mittlerweile machen wir aber wieder unsere normale Arbeit: arrangieren Material, das wir bekommen, und Infos, die wir noch brauchen. Ich glaube, es ist auch für die Leute in Tokio wichtig, daß dieser Alltag wieder läuft. Bei uns ist das ähnlich, da wir natürlich schon in Verzug gekommen sind mit unseren Sachen. Aber trotzdem sehen wir immer die Nachrichten, bekommen Berichte von Leuten, die gerade in Japan waren. Über Facebook läuft natürlich auch sehr viel an Austausch. Das wirft einen dann schon immer wieder aus der Bahn. Wir müssen da auch aufpassen, schließlich machen wir das ja ehrenamtlich und sind sowieso schon überlastet bis zum Anschlag. Und wenn dann noch so eine Katastrophe hinzukommt, ist das schon eine ganz schöne Herausforderung.

Ihr habt einige Tage nach dem Beben eine Pressemitteilung herausgegeben, in der Ihr auf Eure tiefe Verbundenheit mit Japan verweist, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. Sind von der Katastrophe auch Leute betroffen, die Ihr persönlich kennt?

Nein, zum Glück nicht. Wir kennen niemanden, der dort war oder dessen Familie betroffen ist. Aber wir haben fünf Japanerinnen im Team. Eine ist Studentin, die eigentlich ab April in Japan studieren wollte. Das Semester wird zwar normal anfangen, aber sie überlegt natürlich schon, ob sie nicht doch lieber hier bleibt und ihr Auslandssemester um ein Jahr verschiebt.

Ein Festival lebt ja immer auch von den Begegnungen des Publikums mit den Schauspielern und Regisseuren. Ist da etwas Besonderes geplant, um der Situation im Moment gerecht zu werden?

Wir haben das Programm soweit belassen, wie es vorgesehen war. Dazu gibt es noch eine Zusatzveranstaltung, die wir eingeschoben haben. Hierfür wird Hitomi Kamanaka anreisen, eine Regisseurin, die in der japanischen Anti-Atombewegung sehr aktiv ist. Wir zeigen ihren Dokumentarfilm Rokkashomura Rhapsody aus dem Jahr 2006 über eine Wiederaufarbeitungsanlage in der Kleinstadt Rokkasho. Dazu wird es auch eine Diskussionsveranstaltung geben, in der sicher auch thematisiert werden wird, wie das in Japan mit der ganzen Anti-Atombewegung ist. Das wird sicher sehr interessant und spannend, weil sie das Thema schon sehr lange verfolgt und auch für das japanische Fernsehen dazu gearbeitet hat. Aber ansonsten möchten wir natürlich schon, daß der Film im Mittelpunkt steht. Denn das kann sonst auch schnell ausarten. Wir sind ja immer noch und in erster Linie ein Filmfestival und möchten es auch gar nicht so sehr als politische Plattform nutzen.

Gab es auch Filmemacher, die ihre Teilnahme nach dem Unglück abgesagt haben?

Nein, gar nicht. Im Gegenteil: dieses Jahr kommen sehr viele Gäste, über 40. Auch für die wird es natürlich sehr wichtig sein zu sehen, wie die Deutschen auf ihre Filme reagieren und mit ihnen zu diskutieren. Allerdings hab ich auch ein etwas mulmiges Gefühl, weil hier ja momentan auch so eine Panikmache ist. Ich hoffe, daß da nicht so viele Konflikte auftreten. Auf der einen Seite dann die Deutschen, voll in der Atomangst, und auf der anderen die Regisseure, die versuchen, ruhig zu bleiben und mit der Sache umzugehen. Wir hatten den Leuten auch angeboten, daß sie früher kommen können, das wollte aber keiner. Es ist ja bei uns ohnehin so, daß wir nur bei ganz wenigen die Flüge und Hotels zahlen können. Die meisten tragen ihre Reisekosten selbst und wir versuchen, Privatunterkünfte zu besorgen. Vielleicht darf ich da auch noch drauf hinweisen: wir suchen noch Privatunterkünfte! (lacht) Weil wir halt einfach ein sehr kleines Budget haben im Vergleich zu anderen Festivals können wir es uns nicht leisten, alle einfliegen zu lassen. Deswegen ist es auch so bemerkenswert, daß so viele Gäste ihre Flüge selbst zahlen. Weil das Festival einfach wichtig ist für sie, und um ihre Filme hier präsentieren zu können. Wir haben daher auch sehr viele Premieren und Filme, die zum ersten Mal außerhalb von Japan laufen.

Ihr habt auch eine Spenden-Initiative gestartet. Wofür genau wird das Geld eingesetzt?

Wir arbeiten mit der Aktion »Deutschland hilft« zusammen. »Deutschland hilft« ist sehr renommiert und arbeitet seriös, die werden das Geld dann entsprechend einsetzen. Wir geben 50 Cent von jeder verkauften Eintrittskarte weiter. Auch die Festivalparty am Samstag wird im Zeichen dieser Aktion stehen. »Help Japan!« heißt sie. Da werden wir das Eintrittsgeld komplett spenden.

Jetzt haben wir die ganze Zeit über die Folgen des Erdbebens gesprochen, kommen wir zum Abschluß mal zum regulären Programm von Nippon Connection – was sind Deine Highlights 2011?

Oh, schwierig. Ich finde, wir haben wirklich ein sehr starkes Programm dieses Jahr. Wirklich viele tolle Filme sind dabei. Ein Film, der mir sehr gut gefällt, ist Abraxas von Naoki Kato, eine Romanverfilmung nach einer wahren Begebenheit. Es geht um einen ehemaligen Punkmusiker, der Mönch geworden ist. Aber seine Dämonen wird er nicht los und greift deshalb wieder zur Gitarre. Der Film ist übrigens in der Präfektur Fukushima gedreht, teilweise in der Gegend, die jetzt Sperrgebiet ist. Visuell überragend finde ich Milocrorze – A Love Story von Yoshimasa Ishibashi, der auch zum Festival kommt, und natürlich auch Heaven's Story, der auch auf der Berlinale lief. Und selbstverständlich unsere Retrospektive über Sion Sono, die sehr klasse wird. Da haben wir auch drei Filme dabei, die noch nie außerhalb Japans gelaufen sind und die wir extra haben untertiteln lassen. 2011-04-22 11:46

Gesprächspartnerin

Marion Klomfaß
© 2012, Schnitt Online

Sitemap