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Manno Lanssens

Lanssens' Epilogue

Mit dem Tod umgehen

Von Dieter Wieczorek Der Belgier Manno Lanssens begleitete über ein Jahr hinweg eine Familie, deren an unheilbarem Krebs erkrankte Mutter Neel von ihrem Recht gebraucht machte, den Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen – ein in Belgien mögliches Verfahren. Alle Etappen dieser wohl schwierigsten aller Entscheidungen samt deren Konsequenzen werden von Lanssens unter Einbezug aller Familienmitglieder aufgezeichnet. Der Film Epilogue wurde auf dem Dokumentarfilmfestival »Visions du Réel« in Nyon mit einer speziellen Ehrung ausgezeichnet.

Wie war es möglich, der Familie so nahe zu sein in derart prekären und intimen Situationen?

Ein Schlüssel ist wohl die mit Neel und ihrer Familie miteinander verbrachte Zeit, zunächst ohne Kamera, dann mit der Kamera, aber ohne stets zu drehen. Mehrere Monate lang hatte ich eine Familie gesucht, mit der es möglich war, über Krankheit und Tod zu sprechen. Ich wollte den Film auf jeden Fall mit einer Familie machen, nicht mit einer isolierten, kranken Person. Oft war dann aber die Person einverstanden ist, gefilmt zu werden, nicht aber ihre Familie, die mehr Schwierigkeiten mit diesen Emotionen hatte. In Neels Fall war es anders. Ich traf sie unter ganz anderen Umständen, als Betroffene im Rahmen einer Dokumentation über das Recht auf Euthanasie, das seit sechs Jahren in Belgien existiert. Ich war mir schnell sicher, mit dieser Familie offen sprechen und den Film machen zu können. Auch sie waren schnell bereit dazu. Neel wollte ein Dokument für ihren Enkel schaffen, der erst drei Jahre alt war. So begann es. Alles Weitere ergab sich nach und nach. Wir arbeiten zwei oder drei Tage jede Woche zusammen. Ich begann mit Interviews, die später nicht in den Film integriert wurden. Es war für mich wichtig, auf derselben Wellenlänge zu sein. Daher fühlte ich mich auch nie als Voyeur. Auch das Filmteam, das ich brauchte, um nicht aus technischer Unzulänglichkeit wichtige Momente zu versäumen, ein Kameramann und Toningenieur, beide jung und sehr diskret arbeitend, wurden bald in die Familie integriert.

Wieviel Zeit verging zwischen der ersten Begegnung und der letzten Szene?

Ein Jahr. Wir begannen etwa drei Monate nach der ersten Begegnung zu drehen.

Was war der Grund für die anderen Familienmitglieder, den Film zu befürworten?

Neel hat eine sehr starke Persönlichkeit. Wie ihre Tochter gegen Ende des Filmes sagt: »Mama regelt und organisiert alles«. Neel arbeitete im Sozialdienst mit Behinderten, mit diesem Film glaubte sie, selbst noch am Ende ihres Lebens ein Beispiel sein zu können für andere. Das gab ihr einen Wert, der vielen Gebrechlichen in unserer Gesellschaft nicht mehr zugesprochen wird, die nur noch als Kranke wahrgenommen werden, selbst wenn sie noch viele Fähigkeiten haben. Kein Mitleid erheischen, sondern eine Botschaft formulieren war wichtig für sie.

Gab es für sie eine Regel oder Grenze, bestimmte Szenen nicht zu zeigen?

Eigentlich nicht. Die Entscheidung, die Todesszene selbst in den Film aufzunehmen, war nicht von Anfang an getroffen. Ich war weder sicher, sie zu drehen, noch sie zu zeigen. Das geschah nach und nach im Austausch mit der Familie. Ich habe immer gesagt, sie können jederzeit abbrechen, es ist ihr Raum, wir sind in ihrer Intimität. Ich selbst war nicht sicher, wie weit ich gehen kann. Aber niemand hat jemals verlangt aufzuhören. Es mußte auch viel improvisiert werden, es gab kein Drehbuch, wir wußten nicht, wie lange Neel leben wird. Daher begann ich mit sehr vielen Interviews, um dann den Stil zu wechseln zu einer Darstellung ohne Interviews und Off Stimme, die sich selbst erzählt.

Ich stelle die Frage auch, weil Neel immer stark wirkt vor der Kamera. Sie muß diese Stärke zeigen, um das Recht zu haben, zu sterben wie sie will. Trotzdem gab es vielleicht zweifelnde und scherzvollere Momente?

Das ist eine gute Frage. Ich hab mich sogar oft mit Neel gestritten. Ich war fast frustriert und sagte ihr, Neel, du bist immer stark, bist du so, um ein Bild zu schaffen, machst du das für uns, verbirgst du nicht etwas, warum zeigst du dich nicht mehr? Sie sagte nur: Was willst du? Soll ich weinen vor der Kamera? Auch mit ihrer Familie und ihren Freunden sprach ich darüber. Aber sie sagten mir dasselbe, Neel hatte diese sehr starke Personalität, die auch sie irritierte. Aber es gab einen Moment im Film, als sie von der Todeskrankheit ihres Mannes erfährt, da adressiert sie sich direkt an uns, mit gebrochener Stimme. Ihre Selbstkontrolle, um die sie stets bemüht ist, brach einen Moment lang ein. Es war eine gewisse Obsession, sie wollte gut und gelassen sterben, die Dinge so gut wie möglich ordnen, koste es was es wolle. Doch am Ende erkennt sie: das Leben ist unvorhersehbar und Kontrolle nur eine Illusion. Das ist der Moment, wo etwas in ihr zerbricht. Und ab da an ging es auch körperlich sehr schnell mit ihr bergab.

Hat die Präsenz der Kamera ihr nicht doch geholfen, stark zu sein?

Ich denke nicht, denn mit ihrer Familie, die auch die gleichen Fragen hatte, ging sie ebenso um. Es ist ihre Personalität. Die Präsenz der Kamera hat daran nichts geändert.

Wie sind sie zu diesem Thema gekommen? Gab es einen persönlichen Auslöser, waren es eher theoretische Reflexionen?

Einen Auslöser gab es, der Tod meiner Großmutter, die bereits ein hohes Alter erreicht hatte. Ihr letztes Jahr war sehr hart und würdelos. Sie starb schließlich an einer Überdosis, wie ein Junkie. Man hat ihr Morphin verabreicht, ein häufiges Verfahren bei alten Menschen, denen man recht früh und immer mehr davon verabreicht. Sie starb allein in einem Krankenhausbett, ohne schwerkrank zu sein, lediglich mit den üblichen Altersproblemen. Vielleicht hab ich mich auch ein wenig schuldig gefühlt, denn ich war nicht präsent. Natürlich kommen Lektüren und Recherchen dazu und die Konstatierung, daß in Flandern niemand dieses Thema behandelt hat. Ich hatte auch schnellen Zuspruch, aber auch eine gewisse Angst, ein solches Thema anzugehen. Meine Vorbereitungen haben mich in viele Krankenhäusern geführt. Die Gespräche mit dortigen Pflegern und Ärzten zeigten mir, daß hier noch ein großes Tabu herrscht, ein Schweigegebot, unter dem sie litten. In unserer Gesellschaft spricht man nicht über den Tod, da dies unserer Verpflichtung zum dauernden aktiv und dynamisch sein hemmt. Den Schmerz verbirgt man nach Außen, um dann so schnell wie möglich zur Tagesordnung zurückzukehren. Ich denke aber, man muß mit dem Tod umgehen, nicht ihn verbergen. Dies kann eine sehr starke und bereichende Erfahrung sein. Darin war ich ganz einig mit Neel.

Der Film hat eine doppelte Tragödie, denn ihr Ehemann Mark erfährt ebenfalls von seiner Todeskrankheit, die ihm nur wenig Zeit läßt. Seine Situation ist vielleicht noch tragischer. Er sieht seine Frau sterben und ist mit seinem eigenen Tod konfrontiert als die Person, auf die sie all ihre Hoffnungen für den Schutz der Familie setzt. Hat er sich von seiner Frau überzeugen lassen, es ihr nachzutun und seinen eigenen Tod zu wählen?

Marks Tod vollzog sich auf ganz unterschiedliche Weise. Neel liebte es zu kommunizieren und zu teilen. Als Mann hatte er sehr viel mehr Schwierigkeiten, über seine Gefühle zu sprechen. Er wusste, nur noch ein bis drei Monate Zeit zu haben und versuchte noch alles zu regeln, als Arbeitsgeber und für seine Familie. Nach Neels Tod wollte er niemand mehr sehen, außer seinen Kindern. Er hat mir nur einmal zugestanden, nachdem er Neel habe sterben sehen, seine Angst vor dem Tod verloren zu haben, da er erfahren hat, wie schnell der Tod eintritt, fast mild. Auch er hat die Euthanasie gewählt, allein umgeben von seinen Kindern.

Ein Alltagsspruch sagt, jeder stirbt für sich allein, aber ihr Film widerspricht dem im hohen Grade, zeigt er doch einen Tod, der besser und menschlicher sich nicht vollziehen kann.

Man sagt auch, jeder stirbt so, wie er gelebt hat. Neel hatte viele Freunde, sie liebte es zu teilen. Es war eine Art Bestätigung für mich, keine Trauer zu empfinden. Ich wußte von Anfang an, daß sie sterben wird. Für mich war wichtig, dass sie unter Bedingungen hat sterben können, die für sie ideal waren und von den anderen akzeptiert wurden.

Warum wählten sie für ihr Thema eine Person mit Familie und keine Alleinstehende?

Mich interessierte, wie eine extreme Situation von einer Familie erlebt und behandelt wird. Ich suchte nach einer Familie der Mittelklasse, in der sich jeder wieder erkennen kann, eine solide Familie mit Kindern, Haus und Garten. Ich wollte die Beziehungen zeigen, nicht allein die sterbende Person.

Welche Reaktion erhoffen sie sich auf ihren Film?

Natürlich habe ich den Film gemacht, um ihn zu zeigen. Ich weiß, um welch schwieriges Thema es sich handelt. Viele haben Angst davor und werden blockieren. Es ist ein harter Film, aber kein deprimierender. Ich wünschte mir, daß man sich mit ihm auseinandersetzt. Es ist in der westlichen Gesellschaften wichtig, den Tod nicht zu fliehen. Wenn es mir gelingen könnte, die Angst vor dem Tod etwas zu mindern, wäre ich schon recht zufrieden. Auch wollte ich zeigen, daß in Belgien diese Möglichkeit der Selbstbestimmung besteht. Daher wäre eine Vertreibung des Filmes in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien usw. so wichtig. Es ist nicht an den anderen, für uns zu entscheiden. Die Würde ist entscheidend, gerade in derart schwierigen Situationen. Ich traf viele Menschen die mir sagten, es vorzuziehen bei ungetrübtem Bewußtsein zu sterben und nicht diminuiert durch Morphium oder künstliche Lebensverlängerungsmaßnahmen. Für dieses Recht gilt es sich einzusetzen.

Sie haben ein Tabu überschritten, den Sterbensmoment selbst zu zeigen. Warum war das wichtig für sie?

Ich wählte einen diskreten Filmstil, aber ich wollte auch nichts verbergen. Neel war einverstanden damit. Ich wollte diesen Moment zeigen, weil er sich sehr in Würde vollzieht. Ich wollte zeigen, daß eine Person noch sehr lebhaft und präsent und zwanzig Sekunden später tot sein kann. Warum wollen wir das immer verbergen? Ich denke, in meinem Film ist der Zuschauer vorbereitet, alle sind vorbereitet. Ich wollte weder schocken noch provozieren, sondern einen Weg finden, den Tod zu akzeptieren.

Es ist verblüffend zu sehen, wie schnell und schmerzlos man sterben kann. Ist es auch möglich, sich legal und im privaten Kreis das letale Mittel selbst zu applizieren, um die Hilfe einer anderen Person nicht zu beanspruchen.

In Belgien ist das nicht möglich. Dort, wie in den Niederlanden und mit einigen Differenzen der Schweiz sowie einige Statten in den USA ist Euthanasie legalisiert. Doch die Präsenz eines applizierenden Arztes ist obligatorisch. Ein belgischer Arzt geht hier recht. Er akzeptiert, daß einige alte Menschen, die ihren Partner verloren und keine Familie und Freunde mehr haben, sich entscheiden, aus dem Leben scheiden zu möchten. Er appliziert das letale Mittel nicht, aber er verschreibt es der Person. Auch filmt er seine Gespräche, um sich juristisch abzusichern. Auch in Belgien war der assistierte Tod sehr viele komplizierter, aber nun wird es in die Artzausbildung einbezogen. Es hat auch bereits eine Diskussion begonnen, ob jüngere deprimierte Menschen das Recht auf den selbst gewählten Tod haben.

Werden sie bei diesem Thema bleiben in ihren weiteren Filmen?

In der Behandlung dieses Themas bin ich bereits sehr weit gegangen. Mein nächster fiktionaler Film hat damit nichts zu tun. Auch dort geht es um den Tod, aber in einem anderen Kontext. Mein nächster Dokumentarfilm dagegen wird von den Beginen handeln, der solidarischen Lebensgemeinschaft unverheirateter Frauen im 12. Jahrhundert zur Zeit der Kreuzzüge, eine Frauenbewegung, die sehr frei begann, sich dann immer mehr organisierte und zur Konstruktion der Beginenhöfe führte, in deren Räumen Frauen alleine oder zusammen lebten und gemeinsam arbeiteten. Später wurde die Bewegung von der katholischen Kirche vereinnahmt und zu Frauenklöstern umstrukturiert, eine unvermeidbare Transformation, wenn die Frauen nicht unter Häresieverdacht fallen wollten. Im aktuellen nördlichen Deutschland gibt es eine Bewegung, die sich direkt auf diese Tradition beruft. In zehn Jahren sind dort ungefähr fünfzehn Beginenhöfe entstanden. Dieses Gesellschaftsphänomen interessiert mich, da es eine Reaktion auf die Einsamkeit ist, der man oft ausgeliefert ist, wenn man keinen fixen Partner hat. Zusammen leben und teilen, aber auch soziales Engagement kennzeichnet diese Bewegung, die in gewisser Weise eine Alternative gegen die dominierende wettbewerbsorientierte kapitalistische Gesellschaft ist

Ihren letzten Film haben sie 1998 realisiert.

Ich habe Ökonomie studiert, aber nie einen Beruf daraus gemacht. Dann habe ich als Journalist gearbeitet, bis ich zu einer Filmschule kam, wo ich einige fiktive Kurzfilme realisierte. Dann entstand Avant la Nuit (Vor der Nacht), ein 30 Minuten langer Film, der einige Preise gewann und von Arte ausgestrahlt wurde. Danach war ich ein wenig besessen von einem Spielfilmprojekt, für das ich nie das nötige Budget fand. Ich war so enttäuscht, daß ich mich umorientierte und als TV-Journalist arbeitete, bis mir dieser Dokumentarfilm als Möglichkeit erschien, wieder ein eigenes Projekt zu realisieren, ein Wunsch, der bei mir jetzt wieder sehr ausgeprägt ist.

Was war Thema und Intention in Avant la Nuit?

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der einen Liebesschock erleidet, eine andere Frau kennenlernt, ohne seine erste Liebe wirklich verarbeitet zu haben, wieder zurück gestoßen wird und einen Selbstmordversuch begeht. Aber er überlebt! 2011-05-04 10:40
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