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50. Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlin, 9. - 20. Februar 2000

Beachtenswertes aus Panorama und Forum: Entdeckungen auf der Berlinale

Von Frank Brenner Auf der diesjährigen Berlinale vom 9. bis 20. Februar quoll das Programm über von US-Filmen großen Zuschnitts, die längst eine allgemeine Kinoauswertung erfahren haben oder unmittelbar vor einer solchen stehen. Viel interessanter sind indes die kleinen Entdeckungen, die man abseits des Mainstream- oder Festivalprogramms im »Panorama« oder »Forum« machen konnte. Aufgrund ihrer thematischen oder stilistischen Unkonventionalität haben es solche Filme schwer, einen Verleih zu finden. Frank Brenner über einen japanischen Dogmafilm, Shiro – The White, der im Forum zu sehen war, und über zwei unabhängige Produktionen mit schwuler Thematik aus dem »Panorama«-Programm, Paragraph 175 und Zurück auf Los!

Shiro – The White

Jetzt haben die Japaner also auch so etwas wie einen Dogmafilm gedreht. Verrückt waren sie ja schon immer. Schließlich sind sie die Erfinder von Godzilla und Karaoke, und daß sich daran in jüngster Zeit nichts geändert hat, kann man immer wieder in Auszügen aus dem japanischen Fernsehprogramm bei TV total bestaunen. Hier nun also Dogma auf japanisch. Auch wenn nicht alle Regeln befolgt werden, drängt sich der Vergleich auf. Verantwortlich ist eigentlich nur ein Einziger, Regisseur und Hauptdarsteller Hirano Katsuyuki. Er hat die übermenschlichen Strapazen auf sich genommen, mit dem Fahrrad bei klirrender winterlicher Kälte mehrere Monate ca. 2500 Kilometer zurückzulegen, um den nördlichsten Punkt Japans zu erreichen. Die Pein des Zuschauers ist kürzer, aber auch sie dauert geschlagene zwei Stunden.

Dabei entbehrt der Beginn, als der wackere und auch im wirklichen Leben führerscheinlose Regisseur seine Reisevorbereitungen trifft, nicht eines gewissen naiven Charmes. Überhaupt spielt Hirano mit diesem Trashappeal, den ein Einmann-Dokumentarfilmunternehmen zwangsläufig ausstrahlen muß. Auf die Dauer ödet das aber genauso an wie die Diashow oder das Homevideo eines Wildfremden, der zudem noch nicht einmal ein Gespür für gute Bilder hat. Shiro – The White ist mit Hi-8 auf einem Fahrrad gedreht oder bei schummriger, grobkörniger und verwackelter Handkamera im täglich neu aufgeschlagenen Einmannzelt.

Die Langeweile breitet sich so rasant aus, daß es nicht verwundert, wenn im Publikum über ein Niesen des Darstellers oder einen pfötchengebenden Hund laut gelacht wird: schließlich sind das Momente, in denen man mal etwas anderes zu Gesicht bekommt als die endlose Weiße der japanischen Berglandstraßen. Dabei gibt es solch dramatische Momente wie eine akute Blinddarmoperation, die den Zeitplan gehörig durcheinander bringt und die Verdauung unseres Helden nachhaltig beeinflußt. In seiner zunächst sympathischen, doch zunehmend nervenden Art der Selbstdarstellung erläutert Hirano nicht nur seine Hygienegewohnheiten bei Minus 15° Celsius, sondern führt für sein Publikum auch Schattenspiele und Dialogfetzen mit verstellter Stimme auf. Der Regisseur war früher Comiczeichner und Pornofilmer. Shiro – The White ist der dritte Teil seiner Cycling Across Hokkaido-Trilogie. Wie gut für ihn, daß er das nun geschafft hat. Ich weiß nun jedenfalls, daß ich mir die anderen beiden Teile schenken kann.


Paragraph 175

Rob Epstein und Jeffrey Friedman haben in diesem erschütternden Dokumentarfilm ein Thema der deutschen Geschichte ausgegraben, das unseren Filmemachern bislang noch nicht die nötige Inspiration lieferte. In der Tat weiß die Allgemeinheit nicht allzu viel über die Greuel, die das nationalsozialistische Regime zum Schutz der Reinheit der deutschen Rasse eben auch an Homosexuellen begangen hat. Mehr als 50 Jahre nachdem Schwule aufgrund ihrer Sexualität in Arbeits- und Konzentrationslagern leiden mußten, haben sich die beiden amerikanischen Filmemacher auf die Suche nach Überlebenden gemacht. Noch nicht einmal zehn haben sie gefunden, darunter immerhin auch eine Frau. Letztere erzürnte die Nazis allerdings vorrangig wegen ihres jüdischen Glaubens und der Tatsache, daß sie bei der Landarbeit hebräische Lieder sang, nicht so sehr wegen ihrer Homosexualität. Diese wurde damals bei Frauen nämlich noch als vorübergehende Verfehlung eingestuft, wohingegen die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern eine Gefahr für die ganze Nation darstellte.

Nicht alle Überlebenden waren in der Lage, ihre schwersten Zeiten für die Nachwelt vor der Kamera noch einmal zu durchleben. Das halbe Dutzend, das sich dazu bereiterklärte, präsentiert sich dann auch auf ganz unterschiedliche Weise dem Filmteam. Viele von ihnen sprechen zum ersten Mal überhaupt über ihre grauenvollen Erfahrungen. Wut bricht wieder hervor, wie bei einem elsässischen Zeitzeugen, der sich mit den Interviewern auf französisch unterhält, in seinem Zorn dann aber in die deutsche Sprache verfällt. Andere Opfer durchleben noch einmal die Trauer und den Schmerz oder fühlen sich vollkommen hilflos im Angesicht dieses Kapitels ihres Lebens, für das sie sich zu unrecht schämen.

Um diese Zeit auch optisch zu rekonstruieren, greifen Epstein und Friedman auf Archivmaterial, aber auch auf zahlreiche private Fotos der Zeitzeugen zurück. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Interviewpassagen, die die Gesprächspartner meist auf recht konventionelle, aber dennoch höchst effektive Weise in Nahaufnahme zeigen und somit deren Emotionen unmittelbar erfahrbar machen.


Zurück auf Los!

Wieder einmal ein Schwulenfilm aus deutschen Landen. Die Erfahrung lehrt, daß es sich entweder um eine polternde Beziehungskomödie à la Stadtgespräch oder um einen bedeutungsschwangeren Problemfilm à la Coming Out handeln muß. Das ist dann mal nervig, mal gar nicht so schlecht, aber auf jeden Fall nicht sonderlich repräsentativ, lediglich die erneute Aufwärmung bekannter Stereotypen, die sich todlaufen und irgendwann wirklich niemand mehr interessieren.

Pierre Sanoussi-Bliss aber ging gottseidank endlich einmal ganz anders an das Thema »Homosexuelle im deutschen Film« heran. Sieht man davon ab, daß sämtliche zentrale Charaktere schwule Männer sind, könnte die Geschichte wirklich jedem passieren. Sie ist trotz oder gerade wegen mancher sehr dramatischer Momente durchaus realitätsnah. Im Prinzip geht es um die Beziehungen und die damit verbundenen Probleme eines Freundespaares.

Daß die von Regisseur Sanoussi-Bliss verkörperte Hauptfigur HIV-positiv ist, rückt den Film aus zweierlei Gründen nicht gleich in die Sparte schwuler Problemfilme ab. Mittlerweile ist es nämlich medizinische Realität, daß der Anteil der unter Heterosexuellen auftretenden Neuinfizierungen mit dem HI-Virus prozentuell die der homosexuellen überschritten hat. Zum anderen geht der Regiedebütant nicht mit dem moralischen Zeigefinger oder gar prätentiösem Selbstmitleid an diese Thematik heran. Zurück auf Los! ist eine lebensbejahende Komödie, die neben AIDS auch Behinderung, Rassismus und Tod zum Thema hat, ohne in Sentimentalitäten abzugleiten oder den Realismus aus den Augen zu verlieren.

Der Zuschauer verfolgt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben einer Gruppe von Freunden, bei dem es viel zu schmunzeln und zu lachen, aber auch einiges zum grübeln oder nachdenken gibt. Wie im richtigen Leben also. Man könnte dem Regisseur vorwerfen, daß er so sehr darauf bedacht war, seine Geschichte »allgemeingültig« und »schwulen-unspezifisch« zu erzählen, daß sie mitunter ein wenig belanglos wird. Aber das wäre ungerecht. Im deutschen Kino war es an der Zeit, homosexuelle Beziehungen als das zu präsentieren, was sie sind: eine Spielart der Sexualität, die sich nur minimal von der Norm unterscheidet.

Ein großes Lob gebührt Sanoussi-Bliss auch für seinen Mut, nicht davor zurückgeschreckt zu sein, Männer beim Zungenkuß und beim Sex zu zeigen. Elemente, die in jedem einschlägigen »heterosexuellen« Film gang und gäbe sind und im kommerziellen Schwulengenre bislang eher ausgespart blieben. Da der Regisseur hier auf eine unaufdringliche und sehr sinnliche Weise mit dieser Problematik umgeht, ist das Ergebnis weder peinlich noch geschmacklos. Sanoussi-Bliss hat seinen Film zwar thematisch vollgepackt ohne wirklich viel Handlung zu transportieren; dennoch hat er die richtige Richtung eingeschlagen und es bleibt nur zu hoffen, daß es in Zukunft mehr solche Filme aus Deutschland geben wird.

Shiro – The White
Shiro. JP 1999. R, B, K, D: Hirano Katsuyuki. 118 Min.

Paragraph 175
Paragraph 175. USA 1999. R: Rob Epstein, Jeffrey Friedman. B: Sharon Wood. K: Bernd Meiners. M: Tibor Szemzö. P: Telling Pictures. D: Gad Beck, Heinz Dörmer, Pierre Seel, Heinz F., Albrecht Becker. Erzähler: Rupert Everett. 81 Min.

Zurück auf Los!
D 2000. R, B: Pierre Sanoussi-Bliss. K: Thomas Plenert. S: Gudrun Steinbrück. P: ö Filmproduktion, Katrin Schlösser. D: Pierre Sanoussi-Bliss, Matthias Freihof, Dieter Bach, Paul Gilling, Bart Klein, Doris Dörrie u. a. 100 Min. 1970-01-01 01:00
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