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53. Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlin, 6. - 16. Februar 2003
 

Offene Türen

Von Oliver Baumgarten Zum zweiten Mal präsentierte die Berlinale ihre Sektion »Perspektive Deutsches Kino«, und zum zweiten Mal spielten sich teilweise tumultartige Szenen vor dem Kino ab, wo Menschentrauben dicht an dicht Einlaß begehrten. Vorrangig hier blühten die Hoffnungen des deutschen Films und die pleomorphen Orthomyxoviren der Influenza, die Berlinale-Besucher neben den positiven Eindrücken gerne auch noch mit nach Hause nahmen.

Das Infektionsrisiko wurde billigend in Kauf genommen – ein besseres Signal für den deutschen Film kann es wohl kaum geben, wenn man auch sagen muß, daß nicht selten die gesamte Crew nebst Verwandtschaft die Vorführungen bevölkerte. Die meiner Empfindung nach größten Entdeckungen machte Alfred Holighaus in diesem Jahr mit Stefan Krohmers Sie haben Knut und Franz Müllers Science Fiction.

Man könnte meinen, die 80er erlebten seit Januar 1990 ein nicht abebbendes Revival, ungezählt die Filme, in denen sie thematisiert wurden. Zumeist geschah dies in Deutschland allerdings durch Musik und grelle Ausstattung, selten durch wirklich exakte Figurenzeichnung und Milieustudien (Hans-Christian Schmids 23 mal ausgenommen). Ein solches ist nun wieder einmal Stefan Krohmer gelungen. »Sie haben Knut!« – ein Aufschrei geht durch die Skihütte, in der eine Gruppe aktiver junger Antiimperialisten Urlaub macht. Wie ein McGuffin zieht sich diese leicht paranoide Feststellung durch die erste Stunde und dient immer wieder indirekt zur Charakterisierung der wunderbar gespielten Figuren. Mit Krohmers Gespür für komische Momente und Benedict Neuenfels' nah an den Figuren geführter Kamera gelingt dem Film eine sehr liebevolle Nachbildung des Lebensgefühls zwischen Liebe und Politik, zwischen Toleranz und Tollerei, zwischen Demo und Amor. Trotz Pistenaufnahmen und Bergpanoramen bezieht Sie haben Knut seine Dichte aus der Kammerspielstruktur. Wenn hier Türen fliegen, dann trägt das zum Zwischenmenschlichen bei.

Wenn in Science Fiction die Türen fliegen, dann sind die Existenzen der beiden Hauptfiguren für die Personen jenseits der Tür vergessen. Eine irre Grundidee, die Regisseur Franz Müller in seinem Abschlußfilm der Kölner Kunsthochschule für Medien entwirft und die ein wenig an die Grundstruktur von »Groundhog Day« erinnert. Während eines Motivationsseminars ärgert sich der hochnäsige Seminarleiter Marius mit seinem Eleven Jörg herum. In Marius' Augen ist Jörg nicht nur uneinsichtig, sondern eine komplett hoffnungslose Niete, eine Persönlichkeitsnull. Und ausgerechnet diesen beiden geschieht etwas recht Wahnwitziges: Schließt sich eine Tür hinter ihnen, so sind beide in dem Raum hinter der Tür komplett vergessen, ausgelöscht, nicht mehr existent. Gibt dies als Grundkonstellation allein Gelegenheiten für filmischen Schabernack, so baut Müller als dramaturgischen Motor eine Frau ein, in die sich beide verlieben. Sie zu erobern, ohne daß eine Tür zufällt, praktisch in einem Take also, wird den beiden zur Aufgabe.

Mit einem minimalen Budget haben Franz Müller und Team eine wirklich große Komödie geschaffen. Arved Birnbaum und Jan Henrik Stahlberg in den Hauptrollen unterstützen das zum Teil hohe Tempo bravourös, und selbst die im deutschen Film nach »Knockin' on Heaven's Door« offenbar unvermeidliche Fahrt ans Meer macht in diesem Zusammenhang auf mehreren Ebenen Sinn. Es bleibt nur zu hoffen, daß – wie angekündigt – mindestens zehn der 112 Minuten der Festivalfassung noch gekürzt werden. Denn zum Ende hin geht Science Fiction massiv die Puste aus, was absolut nicht nötig wäre. Trotzdem bleibt Franz Müllers Werk einer der überzeugendsten Abschlußfilme der letzten Zeit, dem sich die Türen nach seiner Aufführung auf der Berlinale in der Branche weit geöffnet haben. Er muß halt nur einen Fuß reinstellen. 1970-01-01 01:00
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