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19. Interfilm

Berlin, 4. - 9. November 2003

Zwischen Talentschuppen und Kunstform

Von Christoph Pasour Anfang November stand Berlin ganz im Zeichen des Kurzfilms. So ging am 10. des Monates die Verleihung des Deutschen Kurzfilmpreises über die Bühne eines Filmtheaters am Berliner Prenzlauer Berg. Daß man sich nicht etwa am Potsdamer Platz traf, mag nicht näher bekannte organisatorische Gründe haben. Man kann das aber auch als Geste verstehen: daß man zwar Heerscharen von Besuchern mobilisiert und ein bißchen Oscar spielt, aber eben auch darum bemüht ist, einen eigenen Ort zu finden. Nicht dort, wo sich das »große Kino« normalerweise inszeniert. Und mit dieser Ortsbestimmung wären wir bereits beim Kernproblem des Kurzfilms. Gert Scobel, Moderator des Abends und ehedem prominentes Gesicht von 3sat »Kulturzeit«, wies sehr deutlich auf den Spagat hin, den der Kurzfilm hierzulande zu bewältigen hat: Einerseits ist der Kurzfilm der Talentschuppen des Langfilms und erfüllt damit eine Art Zubringerfunktion, was sich oft als äußerst zwiespältig erweist. Publikumsverbunden, aber als Fließbandproduktion von Visitenkärtchen der Filmschulen mit dem Willen zum »Großen Kino im kleinen Rahmen« durchdrungen. Alles wartet auf das »Ja« für den ersten »richtigen« Film, und man möchte die Entwicklungsstufe Kurzfilm bald hintersichbringen.

Um aber aus dem Schatten des langen Films zu treten, will und muß es der Kurzfilm andererseits schaffen, auf sein Wesen als ganz eigene Kunstform aufmerksam zu machen. Doch die Kunstform Kurzfilm ist ökonomisch kaum von Interesse. Auf einen kleinen Zirkel von Machern und Liebhabern beschränkt, führt der Kurzfilm immer noch ein Schattendasein und bemüht sich um Einfluß, indem man mit viel Geschick einen Ausgleich zwischen »Kunst« und »Kommerz« sucht.

Daher muß man dankbar sein, daß es einige Kurzfilmfestivals verstehen, schon seit Jahren mit ungeheurem persönlichen Einsatz der Beteiligten und ungebrochenem Enthusiasmus diesen Ausgleich zu fördern.
Das Internationale Kurzfilmfestival Berlin, das vom 4. bis 9. November nun zum 19. Mal stattfand, hat sich in der Riege der nationalen Kurzfilmfestivals mittlerweile fest etabliert und ist im Laufe der Jahre zu beachtlicher Größe gewachsen: Nicht nur, daß aus weit über 3.000 international eingereichten Filmen ein Programm von 400 Filmen präsentiert wurde – eine Anzahl, die als Zuschauer nicht einmal mehr theoretisch zu bewältigen ist. Das Festival unterteilt sich zudem in unterschiedlichste Sektionen, die den Kurzfilm in all seinen Facetten beleuchten. Neben dem Internationalen, dem Deutschen und dem Kinderfilm-Wettbewerb, insgesamt mit Preisgeldern von 40.000 Euro ausgestattet, hatten die Besucher die Chance, aus den Länderschwerpunkten Großbritannien, Spanien, Australien und Italien auszuwählen und sich in eines der zehn Sonderprogramme zu vertiefen.

Daß etwa Großbritannien nach wie vor eine wahre Fundgrube des Kurzfilms ist, ist hinlänglich bekannt. Weniger hingegen, daß Spanien in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen hat, den Kurzfilm zu fördern. Ob rabenschwarzer Humor, surreale Fantasien oder Animationen – die ausgefallenen und technisch durchweg perfekten Filme waren ein voller Publikumserfolg, der noch dadurch gekrönt wurde, daß zwei der vier Preise im Internationalen Wettbewerb an spanische Produktionen gingen. Den Preis für den besten Film erhielt der sensible Debütfilm des jungen Spaniers Aitzol Aramaio, Terminal, eine Geschichte ohne Dialog über die unerfüllte Zuneigung zwischen einer Prostituierten und einem Ticketverkäufer. Für den besten Ton wurde Raúl Diez' brillanter Animationsfilm »Sr. Trapo« ausgezeichnet. Aber nicht nur für das Spanien-Programm stand man dieses Jahr Schlage: Die Eröffnung füllt das riesige Haus der Kulturen der Welt, und fast ausnahmslos war der Zuspruch des Publikums enorm. Unterhaltsamer Höhepunkt diesbezüglich war auch dieses Jahr wieder die »Lange Nacht des abwegigen Films« in der Volksbühne, ein »Publikums-Event«, bei dem übernächtigte Festivalgänger über den skurrilsten Ausschuß der eingereichten Filme entscheiden können.

Die Rezeptur stimmt also, und der Erfolg spricht für die gute Arbeit des Interfilm Teams, die das ganze Jahr über mit unterschiedlichsten Kooperationen und eigenen Initiativen Kurzfilm und das Label »Interfilm« in Berlin präsent halten. Interfilm hat sich über das eigentliche Festival hinaus zu einer Plattform für Präsentation und Distribution von Kurzfilmen entwickelt, und wie sehr dies mittlerweile in den Köpfen der Entscheidungsträger der Region angekommen ist, beweist die enge Kooperation mit dem Filmboard Berlin Brandenburg.

Daß aber generell ein steigendes Interesse am Kurzfilm auszumachen ist, zeigt auch der erfreuliche Zuspruch zu den Sonderprogrammen. Einreichungen für das Berliner Medienkunstfestival Transmediale beispielsweise, wichtigstes Ereignis seiner Art in Deutschland, waren ebenso vertreten wie Arbeiten der französischen Eliteschmiede der Computeranimation, der Supinfocom. Architektur fand hier seinen Platz wie Osteuropäischer Film oder die großartigen Musikclips von Chris Cunningham, Michel Gondry oder Spike Jonze. Und mit Präsentationen in der Festival Lounge im Roten Salon der Volksbühne und in einem nahegelegenen »Hot-Spot« der Clubszene Berlins übersetzte man die grenzüberschreitenden Qualitäten des Formates Kurzfilm konsequent in andere Präsentationsorte als dem Kino. Was übrigens auch mit dem »Going Underground« Festival Ende Januar praktiziert wird, einem Kurzfilmfestival in der seit einigen Jahren mit Monitoren in jedem Wagen bestückten Berliner U-Bahn.

Eine Schlußfolgerung scheint nach Ende des Festivals deutlich hervorzutreten: Daß ein Publikumsfestival zu machen eben auch bedeutet, der Heterogenität des Publikums und des Gegenstandes Kurzfilm gerecht zu werden. Die Aufteilung in den bisweilen gefälligen Wettbewerb und spezielle Sonderprogramme gewährt die dafür notwendige Balance. So ehrenhaft es ist, dem Kurzfilm große Publikumssympathie zu ermöglichen, so wichtig ist der Mut, hier und da den Zuschauer zu brüskieren, denn anders wird kein Neuland betreten und keine Sehgewohnheiten hinterfragt. Darin aber besteht die Chance des Kurzfilms. Zudem ist der Zuschauer oft weit aufgeschlossener als man vermutet. Es ist zu hoffen, daß Interfilm seinen eingeschlagenen Weg weiter geht und alle seine Sparten in den nächsten Jahren in gleicher Qualität aufrechterhalten kann. Und, dem Format Kurzfilm sei's gedankt, jede verspielte Sympathie läßt sich schließlich innerhalb der nächsten 10 Minuten wieder einfangen. 1970-01-01 01:00
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