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54. Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlin, 5. - 15. Februar 2004
Von Kyra Scheurer 2003 war das Jahr des deutschen Films – sein Marktanteil auf 17,5 Prozent gestiegen, fünf deutsche Besuchermillionäre, der Oscar für Nirgendwo in Afrika, weltweite Beachtung für Rosenstraße und ein beispielloser internationaler Siegeszug in puncto Zuschauer wie Auszeichnungen gleichermaßen für Good bye, Lenin!. Dieser Siegeszug begann – damals nicht abzusehen – auf der Berlinale 2003. Dann, ein Jahr später, wurde im Vorfeld des Festivals erneut ritualhaft die bange Frage nach der Zukunft des deutschen Films laut: »nur« zwei deutsche Beiträge im Wettbewerb. Würde sich die gepriesene Genrevielfalt, die neue Einbindung der älteren Zuschauersegmente und die »Gabe, das Populäre mit dem Ambitionierten zu mischen« auch 2004 fortführen lassen? Wäre also endlich ein Erfolgsrezept für den lange kränkelnden Patient »Deutscher Film« von Dauer?

Angesichts von 58 in den verschiedenen Sektionen des Festivals vertretenen deutschen Produktionen konnte von Unterrepräsentanz oder gar Krise von vornherein keine Rede sein. Doch was einen beim konkreten Hineinsehen in dieses Kaleidoskop deutschen Filmschaffens als Fazit erwartete, erstaunte dann doch: Ein Charakteristikum, das diametral den Erfolgsfilmen des letzten Jahres entgegenzustehen scheint und lange nicht mehr mit heimischen Kinoproduktionen in Verbindung gebracht wurde. Radikal. Das sieht man auf der Leinwand, das spürt man in den Äußerungen der Filmschaffenden am Rande des Festivals und in Pressekonferenzen. Vielleicht hätte man diesen neuen Trend, wenn es denn einer ist, ahnen können. Denn Junge wie auch nicht mehr ganz so Junge hatten sich das Wilde schon im Vorhinein auf die eifrig hochgereckten Flaggen geschrieben. Da waren z.B. auffällig harte, dynamisch-trotzige Filmtitel: Gegen die Wand, Die Spielwütigen, Was nützt die Liebe in Gedanken, Schußangst. Oder öffentliche Bekenntnisse wie das Andres Veiels, in seiner psychologischen Langzeitstudie über die harten Lehrjahre eines Schauspielschüler-Quartetts vor allem den Passionen und Obsessionen der Porträtierten nachzuspüren und in extremen Momenten die Erkenntnis zu suchen – nichts weniger als die Frage »Was ist wesentlich im Leben« sollte hier behandelt werden, und dieser Anspruch, der trotz aller Überinszenierung spürbar bleibt, war es wohl, der mit dem Panorama-Publikumspreis gewürdigt wurde.

Oder, im Fall Romuald Karmakars, die wiederholte Ankündigung eines »radikalen Experiments«. Gut, Karmarkars Film ist gescheitert, aber immerhin auf hohem Niveau. Und ein radikales Wagnis ist die minimalistisch-hermetische Psychostudie allemal, allerdings auch eine blutleere Zumutung und daher zu recht durchgefallen. Umso größer war da die Erleichterung, bei Fatih Akins Wettbewerbsbeitrag auf Wucht und Wirklichkeit zu stoßen – endlich ein deutscher Film mit Eiern. Der zudem eine heimliche Sehnsucht bei Journalisten, Publikum und wohl auch der Jury erfüllte: nach all den feel-bad-movies des Wettbewerbs endlich physisches Kino mit Herzenswärme. Denn gegenüber dem düsteren Karmakar bleibt Akin bei allen kinotauglich überhöhten Brutalschlägereien, Vollräuschen und Fickereien ein Sonnenkind, das seine Figuren mit Wut, Verve und Leidenschaft in Freiheit und zum Unbedingtlebenwollen jagt.

Symptomatisch zeigt aber vor allem die kaum gezügelte Aggression, mit der Karmakar und seinem Film bei der Berlinale begegnet wurde, wie groß hierzulande das Bedürfnis nach der wilden, dynamischen Seite der Radikalität ist. Ob Gegen die Wand, dieser vitale wenn auch unfertige und durchaus angreifbare Film eines Deutsch-Türken, tatsächlich dem Deutschen Film einen nachhaltigen Modernisierungsschub im Denken und Inszenieren verpassen kann, darf leider bezweifelt werden, ein Kassenerfolg nach den Festivalweihen ist ihm mit Sicherheit eher zu wünschen als der ins Manierierte changierenden Wildheit von Was nützt die Liebe in Gedanken, dessen Stärken eher in Stimmungen und Gesten liegen als im proklamierten Pathos der Geschichte.
Aber auch der Wille zu eigenen Handschriften jenseits des Mainstreams bei den jungen, in der fast immer ausverkauften Reihe »Perspektive deutsches Kino« vertretenen Regisseuren macht Mut. Erstmals durften diese übrigens dafür auf eine Auszeichnung hoffen: TV5 lobte den Preis »Dialogue en Perspective« aus, der an Flammend' Herz von Andrea Schuler und Oliver Ruts ging. Konsequent werden in dieser Sektion Geschichten aus dem Hier und Heute erzählt, die – vom klugen Eröffnungsfilm Mitfahrer bis zum Max Ophüls Gewinner Muxmäuschenstill – sich Konstruktion und Reflexion trauen und doch mit ihren Figuren ganz nah an der Realität und den Gefühlen des Zuschauers bleiben. Ein neues »Erfolgsrezept«? In jedem Fall viele engagierte, interessante und autarke Filme. 1970-01-01 01:00
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