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2. Berlinale Talent Campus

Berlin, 7. - 12. Februar 2004

Investition in die Zukunft

Von Jutta Klocke Optimismus ist gefragt im gebeutelten Bildungs-Deutschland. Woher soll aber die Motivation der Jungen kommen, wenn immer noch versucht wird, die gepriesene internationale Wettbewerbsfähigkeit mit Geld allein – oder besser mit dessen Einsparung – zu erreichen? Die kreative Branche machte den nötigen Denkwechsel in diesem Jahr schon zum zweiten Mal vor. Der sechstägige Talent Campus wagt nicht nur zögerlich das ansonsten vermißte Vertrauen in den Nachwuchs, sondern erklärt es zum Programm.

Die Schweizerinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond stehen auf der Bühne im Haus der Kulturen der Welt, um ihren Beitrag für den »Berlin Today Award« vorzustellen. Den Kameramann ihres Kurzfilms »Berlin Backstage« haben sie letztes Jahr beim Talent Campus kennengelernt. Matthias Grunsky ist Österreicher, jetzt Wahlberliner und ein Beispiel dafür, daß die Idee, die hinter der Parallelveranstaltung der Filmfestspiele steht, tatsächlich aufgeht. Platz für Austausch sollte geschaffen werden, nicht nur für den Dialog zwischen den »Lehrmeistern«, den Großen der verschiedensten filmischen Disziplinen, und dem Nachwuchs, sondern eben auch für den Dialog zwischen den »Talenten« selbst, 520 jungen Filmschaffenden aus 84 Ländern.

Um eine solch heterogene Gruppe zu einen, bedarf es mehr als einer reibungslosen Organisation. So ist es vor allem der Offenheit von Veranstaltungsort und -team anzurechnen, daß der Slogan »Let's get passionate about film« keine leere Worthülse blieb. Und der Appell erreichte nicht nur die anwesenden Talente. Die Begeisterung des letzten Jahres ob der überzeugenden Art der Nachwuchsförderung hat auch außerhalb Deutschlands Früchte getragen. Die Unterstützung durch Partner wie die Goethe- und andere Kultur-Institute oder den französischen Sender TV5 macht den Campus zum internationalen Gemeinschaftsprojekt.

In all ihrer Passion hatten die Gäste die Qual der Wahl angesichts des vielfältigen Programms, das fast alle Facetten des Filmemachens abdeckte. Der diesjährige Schwerpunkt »The Sound and Music« rückte überdies einen gern vernachlässigten Arbeitsbereich in den Vordergrund und präsentierte Sound Designer wie den Campus-Paten und Apocalypse Now-Editor Walter Murch oder die Filmkomponisten David Holmes und Zbigniew Preisner. Auch die übrige Prominenz kam zur Abwechslung mal nicht, um für den eigenen Marktwert oder den eines aktuellen Projektes zu posieren. Obwohl zum Teil auch vom Berlinale-Programm »ausgeliehen«, standen die Gäste hier doch ganz im Dienste des Nachwuchses: Alan Parker, Stephen Frears und Mike Leigh boten Workshops an zum Verhältnis zwischen Regisseur und Akteur. Der Set Designer Ken Adam sprach über seine berühmt gewordenen Settings von Kubricks »Dr. Strangelove«. Praxisnah und, nachdem dreimal alle Karteikarten zu Boden gefallen waren, auch bewiesenermaßen flexibel erläuterte die Editorin Susan Korda die Probleme ihrer Profession, die auftreten, wenn im Schneideraum all das gerichtet werden soll, was im vorherigen filmischen Prozeß schiefgelaufen ist.

Kordas Vortrag wie auch die spontane Gesprächsrunde mit der Juryvorsitzenden der Berlinale, Frances McDormand, lassen erkennen, was den Talent Campus trotz des enormen Programms so entspannt wirken läßt: die Befreiung von der ähnlichen Veranstaltungen anhaftenden Last des Formellen. Das Prinzip dabei könnte simpler kaum sein, wurde doch einfach dem Zuschauerraum dieselbe Bedeutung zugemessen wie der Bühne. Besonders der Vortrag von Peter Broderick zu neuen Strategien des Filmemachens auf Low Budget-Niveau verriet, daß dieses Prinzip auch von den Branchen-Etablierten beherzigt wurde.

Broderick blieb dicht an den Themen und Fragen, die für den Nachwuchs relevant sind, und gab konkrete Ratschläge für all jene, die sich ihren Weg in eine professionelle Karriere erst noch bahnen müssen. Ein solches Interesse an den jungen Kreativen beantwortet denn auch die Frage nach der deutschen Bildungsmisere. Die landläufige Strategie, den Hoffnungsträger von morgen nur mit Ach und Krach durch die Lehrjahre zu bringen, ist beim Campus ins Gegenteil verkehrt. Hier wird der Nachwuchs ernstgenommen, und Talente dürfen sich endlich auch mal als solche fühlen. 1970-01-01 01:00
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