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55. Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlin, 10. - 20. Februar 2005

Gefühl, Metapher, Elend

Von Kyra Scheurer Daß der deutsche Film auf der Berlinale unter Dieter Kosslick gut dasteht, ist seit zwei Jahren eine Selbstverständlichkeit – in diesem Jahr wurde die Rekordzahl von 64 deutschen Produktionen gezeigt. Überraschend allerdings die Konformität der meisten deutschen Spielfilmbeiträge, ganz im Gegensatz zu den deutschen Koproduktionen, die sowohl im Fiktionalen als auch im Dokumentarischen Horizonte erweitern konnten.

2005 war das Berlinale-Jahr des Dokumentarfilms, da macht auch der deutsche Film keine Ausnahme, im Gegenteil. Er bestimmte den Ton der Perspektive-Reihe, sowohl im Motto ("Willkommen in der Wirklichkeit") als auch in dem Eröffnungsfilm »Dancing With Myself«, in dem Judith Keil und Antje Kruska drei Menschen porträtieren, die auf der Flucht vor sozialem Elend und Schicksalsschlägen ihr Glück auf der Tanzfläche suchen.

Auch im Panorama hält der Dokumentarfilm mit 18 von 34 Beiträgen seinen bisherigen Berlinale-Rekord. Die starke Tendenz deutscher Dokumentarfilmer, jenseits hiesiger Alltagswirklichkeit Problemfeldern in anderen Ländern nachzuspüren, spiegelt sich u.a. in den internationalen Koproduktionen »Den Tigerfrauen wachsen Flügel« und »Massaker«. Letztere, eine inhaltlich mutige und formal-ästhetisch eigenwillige Dokumentation des in Beirut wohnhaften Regie-Duos Monika Borgmann und Hermann Theissen, zeigt die Täter – und nur die Täter – des Massakers von Sabra und Shatila, die im Interview erstmals über das Erlebte sprechen, während die Kamera über Arme, Beine, im Halbdunkel verborgene Profile und Hände der Mörder kreuzt. Ein sicher nicht mehrheitsfähiges Filmexperiment, dessen überzeugende Autorenhaltung mit dem FIPRESCI-Preis gewürdigt wurde. Beliebiger ist da die Position von Monika Treuts Porträt dreier Generationen taiwanesischer Frauen, das im Zuge der jüngsten politischen Entwicklungen noch aktueller geworden ist. Treut zeigt lebendig, wenn auch manchmal arg folkloristisch, wie die Frauen Taiwans alles daran setzen, mit der ökonomischen Entwicklung des Tigerstaates Schritt zu halten und im Zuge der Demokratisierung hinweg erkämpften, was für die jüngste der Drei heute selbstverständlich ist: durchlässigere Familienstrukturen und somit die Voraussetzungen zur eigenständigen Lebensgestaltung.

Und der Spielfilm? Die Debüts deutscher Filmhochschulabsolventen, die die »Perspektive deutsches Kino« versammelte, wollen in der Fiktion fast alle das ganz Große – Gefühl, Metapher, Elend. Das strengt an. Da ist jeder Held ein bißchen Psycho, jeder Film Coming-of-age, jeder Plot soll transportieren, was der Protagonist in Till Endemanns »Das Lächeln der Tiefseefische« wörtlich zum symbolträchtigen 18. aufs Brot geschmiert bekommt: »Das Leben ist kein Picknick«. Besonders im direkten internationalen Vergleich beginnt der Hang des jungen deutschen Films zur visuell klischierten Darstellung psychischer Krankheit und Jugenddissozialität zu nerven. In den oft dürftigen, absehbaren Plots ist allerdings erstaunlich viel Raum für bemerkenswerte Schauspieler, von der wunderbaren Lavinia Wilson in Allein bis hin zur besten, berührendsten und authentischsten Vater-Sohn-Beziehung der letzten Filmjahre: Milan Peschel und sein Filmsohn Sebastian Butz in Robert Thalheimers Netto. Diese tragikomische Education sentimentale eines großmäuligen Imbißbudenabhängers und hoffnungslosen Loser-Vaters durch die lakonischen Kommentare seines Sohnes hat völlig zu Recht den Preis der Perspektive-Reihe erhalten – daß der bemüht dokumentarische Stil der Unschärfenphilosophie gelegentlich überstrapaziert wird, verzeiht man angesichts der Leichtigkeit und Konsequenz der Inszenierung gerne.

Bleibt zu wünschen, daß mehr deutsche Filmer weniger um sich selbst kreisen und sich an universelle Geschichten wagen – mit mehr Mut und Inspiration als es Hannes Stöhrs belanglos-netter Wettbewerbsfilm One Day in Europe zeigt. 1970-01-01 01:00
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