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3. Berlinale Talent Campus 2005

Berlin, 12. - 17. Februar 2005

Die Welt zu Gast

Von Jutta Klocke Wen vor allem die Aura der Internationalität zu den Berliner Filmfestspielen treibt, der muß seit nunmehr drei Jahren nicht mehr vorm Berlinale Palast frieren. Das Haus der Kulturen der Welt machte seinem Namen auch 2005 wieder alle Ehre als Herberge des Berlinale Talent Campus. 90 Nationen waren vertreten, und mit etwas Glück konnte man unter den 530 Talenten erstmals auch Gäste aus Äthiopien, Togo oder Bangladesch entdecken. Weshalb sie alle da waren, brachte Campus-Pate Walter Salles auf den Punkt: »Wir brauchen euch; ihr seid unsere Zukunft.«

Die Aufrichtigkeit, mit der diese Botschaft dem Nachwuchs selbst noch im dritten Jahr vermittelt wurde, bestimmte wieder einmal die Atmosphäre des sechstägigen Begleitprogramms der Berlinale. Wer hierher eingeladen worden war, durfte, sollte sich angesprochen fühlen. Leiterin Christine Dorn und Talent Manager Thomas Struck erweckten den Eindruck, als kennten sie tatsächlich jeden der Jungfilmer bei Namen und Gesicht. Ein solch vertrauter Umgang war auch bitter nötig für all jene, die sich angesichts des erschlagend vielseitigen Programms ein wenig verloren fühlten.

Zwischen bis zu sechs parallelen Veranstaltungen hatte man bisweilen zu wählen, und deren Zuordnung zu den einzelnen filmischen Disziplinen machte die Entscheidung wohl nicht immer einfacher. Schließlich ist der Blick über den Tellerrand der eigenen Profession bei dem Gemeinschaftsprojekt Film nicht nur förderlich, sondern geradezu erforderlich. Ein Workshop zum erfolgreichen Teamwork beim Dreh wie auch DOP Christopher Doyle machten die Wichtigkeit einer funktionierenden Kommunikation am Set zum Thema. Im Gespräch mit Kostümbildnerin Emi Wada und Production Designerin Anna Asp übernahm Doyle gern kurzzeitig die Moderation, um herauszufinden, wie weit die beiden Kolleginnen darin gehen würden, ihre eigenen Vorstellungen denen des Regisseurs unterzuordnen. Über ein gesundes Maß an Standhaftigkeit beim Vertreten der eigenen Vision hinaus wünschte er sich einen engeren Kontakt und direkteren Austausch zwischen den einzelnen Projektbeteiligten.

Auch Regisseur und Komponist Mike Figgis betonte den Gemeinschaftsaspekt des Filmemachens, wobei er zugab, daß ihm der Teamworkgedanke, wenn es um die Vertonung geht, manchmal schwerfalle. Und man verstand, welche potentielle Gefahr er meinte, als er den Regisseur mit einem Schriftsteller verglich, der sein fertiges Manuskript einem Fremden in die Hand legt und ihm die freie Verfügung über Änderungen an Stil und Aussage des Textes überläßt. Während Figgis zu den Glücklichen zählt, welche die Musik zum eigenen Film selbst beisteuern können, sind die anderen auf einen intensiven Dialog mit dem Komponisten ihres Vertrauens angewiesen.

Den vielfach heraufbeschworenen Austausch zu praktizieren, dazu gab der Talent Campus wieder in den -unterschiedlichsten Formen und mit einem Aufgebot an namhaften Experten Gelegenheit. Zum diesjährigen Schwerpunkt, der sich parallel zur Berlinale-Retrospektive dem Production Design widmete, waren neben Emi Wada und Anna Asp auch Dante Ferretti, Art Director von Pasolini, Fellini und Scorsese, Roland Emmerich, Ridley Scott und Sir Ken Adam vor Ort.

Welch unterhaltsame Früchte der Gemeinschaftsgedanke tragen kann, hat die internationale Kurzfilmkompilation Shoot Goals! Shoot Movies! bewiesen. Sie ist das Ergebnis eines offiziellen Wettbewerbs zur FIFA WM 2006, zu dem der Talent Campus aufgerufen hatte. Ehrengast Franz Beckenbauer mußte für die abendliche Premiere zwar kurzfristig absagen, den Verlust machten aber die 45 mitunter äußerst einfallsreichen Filme aus 29 Ländern schnell vergessen. In all ihrer qualitativen, visuellen und inhaltlichen Divergenz fügen sie sich dennoch zu der Einheit einer 90-minütigen Liebeserklärung an den Fußball und machen so die optimistische Grundidee des Campus auf der Leinwand sichtbar. Wieder einmal hat das Nachwuchsforum dem Begriff der Globalisierung eine positive Dimension gegeben, indem es deren oft vergessenen Möglichkeiten der kulturellen Verständigung und Annäherung nicht nur erahnt, sondern schon längst aus ihnen schöpft. 1970-01-01 01:00
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