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Die 24. Duisburger Filmwoche (2000)

Duisburg, 6. - 12. November 2000
Der Boxprinz von Gerd Kroske porträtiert Norbert Gruppe alias »Prinz von Homburg«

Durchhaltefilme

Von Natalie Lettenewitsch Viel Sitzfleisch und Durchhaltevermögen war in Duisburg gefragt, im durchaus positivsten Sinne. Denn wer Geduld mitbrachte, konnte mit zuweilen ungewohnten Einblicken rechnen. Geduld zum Zusehen und Zuhören, wo man es üblicherweise kaum länger als drei Minuten täte; zum Beispiel dem Theaterregisseur Jack Garfein in Pieces of dreams von Michael Pilz, wie er sich in einem Hotelzimmer einem Beckett-Text nähert, seine inneren Bilder unsichtbar für die Videokamera und den Zuschauer, der sie so gleichfalls selbst erahnen, erschaffen muß (andernfalls eben gelangweilt bis wütend rausgeht).

Oder dem prolligen österreichischen Krankenträger Peter Haindl und seinen selbstaufgezeichneten, selbstausstülpenden und rechtsdralligen Wortergüssen, von Rainer Frimmel als Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre zur 90 Minuten-Kompilation montiert. Oder: Manfred Zapatka respektive dem zitierten Heinrich Himmler gleich drei Stunden lang. Romuald Karmakars eigenwilliges »Himmler-Projekt«, exponiert als Sonderveranstaltung mit geschichtswissenschaftlicher und germanistischer Begleitung, publiziert eine 1941 an die SS-Führungsriege gehaltene Geheimrede als Lesung/Performance eines Schauspielers, ungekürzt und in »ursprünglicher Gestalt«, gedreht an einem einzigen Tag in einem Fotostudio auf Digi-Beta – eine so schlichte wie mit komplexen ideologischen Reflexionen hinterfütterte Idee, einstimmig belohnt mit dem 3sat-Dokumentarfilmpreis für solch zermürbend »analytischen« Zugang zum faschistischen Sprechen.

Alle prämierten Filme kreisten in irgendeiner Weise, direkt oder indirekt, um NS-Zeit und/oder Rechtsextremismus - überraschenderweise »sogar« der Publikumspreis: Abschied ein Leben lang von Käthe Kratz. Der Nachwuchspreis: Dreckfresser von Branwen Okpako, die sich den Fall des inhaftierten schwarzen (Ex-)Polizisten und Medienlieblings Sam Meffire vorgenommen hat. Und in gewisser Weise auch der den Betroffenheitspreisen vorgeschaltete Glamourpreis der arte-Jury: Die Königin. Als solche porträtiert Werner Schroeter seine Jugendgöttin Marianne Hoppe, huldigt ihr in opulenten, farbsatten, hochstilisierten Bildern und ließ die eigens anwesende alte Dame vom sonst wenig glamourverwöhnten Duisburger Publikum abfeiern. Schauspielerische Präsenz, der sich in der Tat (ähnlich und doch ganz anders als bei Zapatka) schwer entziehen ließ; die NS-Zeit ist dabei, fast ohne im Dialog konkret thematisiert zu werden (Hoppe hat nur ein Wort für sie - »Schweigen«), doch ständig im Hintergrund präsent, ihre Bilder werden Teil der theatralen Gesamtinszenierung Schroeters.

Neben weiteren Primetime-Filmen zu historischen und/oder aktuellen Faschismen wie Stanislaw Muchas Mit Bubi heim ins Reich (siehe Schnitt Nr.13) oder der sozialpädagogischen Milieustudie Neustadt (Stau - der Stand der Dinge) von Thomas Heise hatte es der zweite explizit politische Schwerpunkt fast schwer sich zu behaupten, da er nicht mehr so im Mittelpunkt öffentlichen Interesses steht: Alternative (Rück-)Blicke auf den Balkan-Konflikt wie in Draga Liljana von Nina Kusturica und The Punishment von Goran Rebic (und indirekt auch Yugodivas von Andrea Staka). Dafür noch ein bißchen Glamour: Was mit der Königin endete, begann mit einem Prinzen, wie Vorab-Presseberichte gerne die geschickte Duisburger Titelprogrammierung paraphrasierten: Der Eröffnungsfilm Der Boxprinz von Gerd Kroske porträtiert Norbert Gruppe alias »Prinz von Homburg«, Boxer-Popstar mit St.Pauli-Halbwelt-Touch und diversen Filmnebenrollen, und führte damit die Reihe der insgesamt stark vertretenen Männerbiographien an. Auffällig die Tendenz unter den biographischen Filmen, selbstinszeniertes Material der Protagonisten als »Found Footage« zu apropriieren, wie in den beiden »Jugend«-Studien Die Anderen von Johanna Rieseneder / Gerald Hötzeneder und Hand aufs Herz von Oliver Schwabe oder, schon erwähnt, bei Rainer Frimmel.

Duisburg-Tage: Morgens schwergängiges Essay-Kino über den Abschied vom Bundesdorf, Ein kleiner Film für Bonn von Dokudinosaurier Klaus Wildenhahn; abends knackig konsumierbarer Oberflächenrausch wie das L.A.-Portrait Enter von Veit Bastian. Von Harun Farocki diesmal kein Film, sondern eine Installation; und eine Podiumsdiskussion zwischen Kathrin Resetarits und Christoph Draeger über das Dokumentarische als Genre- und Film-Grenzen überschreitendes Prinzip. Die Duisburger Filmwoche pflegt weiterhin einen offenen Diskurs, in dem immer wieder mehr oder weniger traditionalistische »Dokumentaristen« auf Filmemacher prallen, die sich frei von Spartenzuordnung eben schlicht als »Filmemacher« verstehen – oder auch: nicht mal mehr nur als das. Gerade dieser Diskurs macht den Rang und die (trotz eines stets leicht inzestuösen Branchentreffencharakters sowie tendenziell rückläufiger Diskussionsbegeisterung) einzigartige Stimmung des Festivals aus, denn auf keinem der großen, meist doku-armen Filmfeste wird noch immer so intellektuell und zugleich leidenschaftlich über das Medium gestritten wie hier. 1970-01-01 01:00
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