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26. Duisburger Filmwoche 2002

Duisburg, 4. - 10. November 2002
 

Spaßgesellschaft

Von Mark Stöhr Die Duisburger Filmwoche rieb sich in diesem Jahr mal wieder in aufgeregten Authentizitätsdebatten auf, die weniger einer ernsthaften inhaltlichen Verständigung dienten als dem performativen Mehrwert konkurrierender Rhetoriken. Das brachte zwar kaum Erkenntnisgewinne, machte dafür aber umso mehr Laune. Da sage noch mal einer, Dokumentarfilm habe nichts mit Spaß zu tun.

Alle paar Jahre serviert die Duisburger Filmwoche ihrem Publikum eine veritable Schlachtplatte. Immer dann, wenn ein Fernsehsender ein neues abstruses Doku-Format auf den Markt schmeißt. 1999 war das die Diät-Soap »Abnehmen in Essen«, in diesem Jahr wurde die Living-History-Kakophonie »Schwarzwaldhaus 1902« zum Gegenstand circensischer Quällust.

Da saßen also die wacker fightenden Projektverantwortlichen auf dem Podium – Regisseur Volker Heise, SWR-Wissenschaftsredakteur Rolf Schlenker und Christoph Hauser von der Hauptabteilung Kultur beim SWR – und wurden nicht müde, die Zeitreise der Berliner Familie Boro zurück zum Anfang des letzten Jahrhunderts als seriöse Form zeitgenössischen Bildungsfernsehens zu verkaufen. Erstes Gelächter. Davon unbeeindruckt legten die Fernsehmacher nach: Es sei ihnen darum gegangen, die von diffusen Mythen und Klischees aufgeladene Schwarzwald-Szenerie zu entauratisieren. Indem man arglose Mitbürger in Kartoffelsäcke steckt und die Milch in den Eutern nicht weniger argloser Kühe sauer werden läßt?

Soviel Dreistigkeit war selten. Aber: Gut gebrüllt, mehr davon. Außerdem, so Christoph Hauser weiter im Text, sollte anhand des Schwarzwaldes die beispielhafte Entwicklung von einer Agrar- zu einer Mittelstandsgesellschaft nachgezeichnet werden. Das schreit doch nach einer zeitgemäßen Aufarbeitung des Ruhrgebiets im ähnlichen Format – warum nicht eine launige Runde unerschrockener Familienväter vier Wochen lange in eine Sauerstoffblase tausend Meter unter Tage setzen?

Jetzt aber gut, ein bißchen Spaß muß immerhin sein. Das sei ja, rieb ein Zuschauer also der noch frohgemuten Runde oben unter die Nase, noch »beknackter« als »Big Brother«, und setzte wenige Minuten später, als die Lippen sich auf dem Podium schon gen weiß färbten, noch einen drauf: »Beknackt« sei der falsche Ausdruck, dafür wolle er sich entschuldigen, »verseucht« von gängigen Reality TV-Formaten träfe die Sache genauer. Tumulte, Schlachtgesänge, die Löwen waren los: Verhunzter Geschichtsbegriff, Familien-Gameshow, Family-Survival unter neoliberalen Vorzeichen – die ganze Palette des in solchen Fällen zum Einsatz kommenden Daumen-runter-Arsenals wurde verbraten. Wer freute sich da nicht auf die nächsten 50 Jahre Fernsehen?

Ein fader Beigeschmack bleibt aber doch, bei aller lustvoller Kontroverse. Wohin sollen Debatten führen, deren Fronten von vornherein klar sind? Warum wird in Duisburg überhaupt ein Fernseh-Format in solcher Ausführlichkeit und Vehemenz diskutiert, das mit Sport und Entertainment mehr zu tun hat als mit irgendwelchen Subformen von Dokumentarismus? Der Trend zum seriellen TV-Doku-Prinzip ist jedenfalls bekannt und wird noch weitere groteske Ausformungen finden. Die unbestrittenen Verdienste des Fernsehens um den Dokumentarfilm liegen in anderen Feldern und vor allem in anderen Redaktionen.

Daß es jedoch auch ganz ohne Fernsehbeteiligung geht, und das mit Bravour, bewies Volker Sattel mit seinem Film Unternehmen Paradies, der schönsten Entdeckung der diesjährigen Filmwoche. Über ein Jahr lang sammelte er im Zentrum und in der Peripherie Berlins Bildfragmente und montierte sie zur pulsierenden Symphonie eines urbanen Körpers. Gleich Arterienbahnen füllen sich Straßen und Plätze mit Menschen und werden wieder menschenleer – ein audiovisueller Dronenflug durch eine Stadt der erblindeten Spiegel. Wer hätte gedacht, daß es darin noch etwas zu sehen gibt? 1970-01-01 01:00
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