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29. Duisburger Filmwoche 2005

Duisburg, 31. Oktober - 6. November 2005
»Between the Devil and the Wide Blue Sea« von Marion Hänsel

Freunde der Sonne

Von Thomas Warnecke Die 29. Duisburger Filmwoche: ein Durchfahrtsland für den deutschsprachigen Doku-Film.

»Ist das noch Fußball?«, fragt die Textzeile unter einem Bild von Bernd Pfarr, auf dem ein gewichthebender Mann mit Skiern an den Füßen vom 5-Meter-Sprungturm ins Becken springt. Alles, was im Museum hängt, ist Kunst – alles, was auf der Duisburger Filmwoche läuft, ist Dokumentarfilm. Die Moderatoren der Publikumsgespräche mußten sich gelegentlich solch apodiktischer Erklärungen bedienen, wenn der Diskurs vom konkreten Film dokumentarfilmtheoretisch zu Adam und Eva wegzudriften drohte. Natürlich ging es trotzdem immer darum, was dokumentarisch oder gar Realität genannt zu werden habe, deren Freunde die Anwesenden nach dem Motto der Filmwoche ja sein sollten und wollten.

Um sich nicht im Grundsatzstreit über das Sub- oder Objektive des Dokumentarischen zu verlieren, hatte die Festivalregie nach Alexandra Sells mauem Eröffnungsfilm Durchfahrtsland am zweiten Tag mit »Moskatchka« und »Es sollen rote Tulpen blühen« quasi die Alternativen vorgegeben, an denen sich ein Geschmacksurteil, meinetwegen auch eine Haltung, zu bilden hatte. Sprachen Ingeborg Jacobs und Hartmut Seifert schon im Titel einen Wunsch an die angeblich schmutzigste Stadt der Welt aus, ließ ihr Film kein Zweifel daran, ehrlich gut gemeint zu sein – und machte sozusagen gemeinsame Sache mit den gezeigten und eifrig befragten Bewohnern.

Annett Schütze dagegen stellte für »Moskatchka« in drei Metern Entfernung von sich im gleichnamigen Rigaer Stadtteil ihre Kamera auf, verzichtete darauf, Menschen interviewend zu Leibe zu rücken und fängt die Wirklichkeit damit ein, daß sie auf das Außerhalb des Bildkaders verweist. Um sich eine Vorstellung von der Schönheit dieses Films zu machen, sei an z.B. Stummfilmkomödien erinnert, deren beste Gags häufig darin bestehen, daß etwa Charlie Chaplin den Bildrahmen verläßt und das Geschehen außerhalb des Bildes der Vorstellung des Zuschauers überläßt. Der Unterschied besteht in der Manipulation, mit der eine Komödienhandlung diese Vorstellung des Zuschauers bestimmt, während Schützes formal rigide Entscheidung dem Zuschauer größtmögliche Freiheit läßt. »Moskatchka« hätte einen Preis bekommen müssen, denn hier wird augenfällig, daß Abbildung der äußeren Wirklichkeit nur im Zusammenfall von Sehen und Imaginieren gelingen kann.

Das unbewußte Dispositiv, das den Betrachter das Bewußte mitdenken läßt – neben der weiterhin hochgehaltenen Autoren – sitzt in Duisburg immer auch die Apparatustheorie mit auf dem Podium. Manchmal sogar in persona, Thomas Heise z.B. brachte den Kameramann seines Films »Mein Bruder. We'll Meet Again« (Preis des Goethe-Instituts) mit. Die atmosphärische Dichte seines offenen, wie eine einzige Ellipse sein Thema eher aussparenden Films liegt wesentlich an der Verwendung von 35mm (s. Schnitt Nr. 39, S. 66). Viel mehr als bei den vermeintlich weltpolitisch relevante Themen bearbeitenden Beiträgen wie »Weiße Raben« (der den 3sat-Preis bekam) oder »Es sollen rote Tulpen blühen« interessierte sich das Publikum bei den intimeren Filmen wie »Mein Bruder« oder »Katharina Bullin«, was denn aus den Protagonisten geworden sei, wurde eben nicht nur nach der filmischen Aufbereitung, sondern auch nach dem Gegenstand selbst gefragt. Sicher liegt das am Fokus aufs sog. Zwischenmenschliche, aber gerade weil diese Filme im Wortsinne etwas dokumentieren wollten und nicht etwa beweisen, anmahnen oder bloßstellen, war das lebhafte Interesse auch Lohn guter Arbeit bzw. Kunst.

Trotz Abwesenheit des Regisseurs erzeugte Michael Glawoggers Workingman's Death die heftigste Diskussion bei überwiegender Ablehnung. Mit seiner Überwältigungsästhetik lieferte er bewegte Geo-Fotographien zum globalen Zustand von Arbeit quasi in Ernst Jünger-Manier; angesichts der makellosen Fahrt durch die indonesische Schwefelhalde möchte man sich Glawogger vorstellen, wie er mit seinem Glas Burgunder mit Erdbeere drin dem Steadycam-Operator hinterherstiefelt und nur daran interessiert ist, keinen Tropfen zu verschütten. Um in Duisburg eine dandyhafte Haltung zur Wirklichkeit zu etablieren, waren die einzelnen Episoden von Workingman's Death in ihrer Zusammenstellung schlicht zu nichtssagend.

Ein anderer Film sollte mit Plansequenzen triumphieren. Romuald Karmakars »Between the Devil and the Wide Blue Sea« verweigerte sich bei seiner Dokumentation elektronischer Musik der Clipästhetik. Sein Plädoyer für lange Einstellungen unterstrich die wunschgemäß hochgedrehte Tonanlage aufs ohrenbetäubend-ste und bekam verdient den arte-Preis. Den Förderpreis der Stadt Duisburg gab's für Bernd Schochs »Slide Guitar Ride«, der eine spaßige One-Man-Show zeigte, sowie für Janna Ji Wonders' und Korinna Krauss' »Kinder der Schlafviertel«, einen Film über Moskauer Punks im selbstbeschädigten Idyll. Dazu lobende Worte von Festivalleiter Werner Ruzicka, die er als Lehrbeauftragter und an die Zukunft denkender Veranstalter mit der Aufforderung zu »noch besseren« Filmen verband. Nächstes Jahr wird 30. Jubiläum gefeiert, in der Hoffnung, daß die Filme trotz des Grundes zur Freude nicht »saccharinartig konsumabel« sein mögen, wie es Ruzicka ausdrückt, wenn er überzuckert meint. 1970-01-01 01:00
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