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30. Duisburger Filmwoche

Duisburg, 6. - 12. November 2006
»Il palazzo« von Katharina Copony

Unter Freunden

Von Thomas Warnecke Zum Wiegenfeste nur das Beste! Im Falle der 30. Duisburger Filmwoche sind das »Zeitbomben«: 30 Texte von ebenso vielen Festivalteilnehmern aus ebenso vielen Jahren.

Ansonsten ist das Schöne an Duisburg wie jedes Jahr nicht nur, daß es – die nötige freie Zeit vorausgesetzt – spielend möglich ist, sämtliche Filme des Programms anzuschauen, sondern daß sich das Festival an sich so überschaubar und gemütlich darstellt. Von der Arbeit am Bild über die Arbeit am Begriff bis zum nächtlichen teilweisen Verlust des Erarbeiteten bewegt sich der Gast hier unter vertrauten Gesichtern, und die Filme kommen einem auch schon bekannt vor. Weswegen die zum Katerfrühstück verabreichten fröhlichen Bilderstürmer aus dem Vertov-Klassiker Entuziazm (Sinfonija Dombassa) von 1930 getrost zu den Entdeckungen der Woche gerechnet werden dürfen, auch wenn sich so früh am Tage kein rechter Diskurs in Gang setzen wollte, der über Fachfragen der Filmrestauration hinausging.

Überhaupt, die Diskursmühle Duisburg: Das Zermahlen und Zerfasern, das lustvolle Abwatschen der gezeigten Filme fiel zum 30. Geburtstag reichlich altersmilde aus, was vielleicht daran lag, daß eine der Moderatorinnen ihre Aufgabe zu erfüllen glaubte, indem sie nachgerade ostentativ Unvorbereitetheit zur Schau stellte (beim Gespräch zu Il palazzo); daß Josie Rückers nicht nur orthographisches Scheitern an und in »über das regie führen« zu offensichtlich war und sich nur am Sujet, dem Leipziger Gewandhausorchester und seinem Chefdirigenten, einige antihochkulturelle Affekte entluden; daß Nikolaus Geyrhalter sich einfach ausklinkte und bei Bedarf den einzigen vermeintlich substantiellen Satz, der ihm zu seinem Unser täglich Brot eingefallen war, wiederholte, daß er nämlich nicht mit einer Botschaft daherkommen wollte, was doch angesichts der Komplexität internationaler Lebensmittelerzeugung viel zu einfach gewesen wäre. Und nach Romuald Karmakars Hamburger Lektionen fürchtete vermutlich jeder, bei einem falschen Satz würde hier und jetzt der Kulturkampf ausbrechen. So blieb es wie meistens bei Umkreisungen der Form. Wie schon im Himmler-Projekt ist Manfred Zapatka beim Vortrag eines Textes zu sehen, der Übersetzung von Predigten des Hamburger Imams Mohammed Fazazi, womit Karmakar den Standort des Dokumentarischen bei der Arbeit am Text und seiner Übersetzung im doppelten Sinne fand.

Auf ganz andere Weise wurde die Relevanz von Text bzw. Sprache von Thomas Heise in Im Glück (Neger) thematisiert (siehe Schnitt Nr. 43), dessen Protagonisten statt eigener Worte vom Regisseur ausgesuchte Texte sprechen, um zu verhindern, daß sie in medial vorgeprägte Ausdrucksformen verfallen. Am lustigsten waren die fröhlichen Selbstbespiegelungen von Jan Peters, jeweils eine Super8-Rolle lange Monologe, immer am Geburtstag gehalten und gefilmt und zusammengefaßt unter dem Titel Aber den Sinn des Lebens hab’ ich immer noch nicht herausgefunden. Peters machte deutlich, daß den Bildern zu mißtrauen sei, nicht aber der Rede, weshalb er hier mit den beiden Vorgenannten um der einfachen Dichotomie willen der diesjährigen Text-Fraktion zugeordnet sei, die der Bild-Fraktion gegenüberstand: Neben dem erwähnten Geyrhalter zeigte z.B. Stefanie Gaus’ Stilleben aus einem Kölner Großpuff in Laufhaus, daß Bilder ohne Sprache gefahrlaufen, nichtssagend zu sein (oder zumindest auf die Aussagekraft eines Bildbandes beschränkt zu werden).

Doch spricht es für die Duisburger Filmwoche, daß sich die wenigsten Filme so einfach abhaken ließen und insgesamt der Maßstab eher die Bewältigung eines Themas war, die im besten Fall, bei Katharina Coponys Il palazzo, so gelang, daß Form und Inhalt kaum zu trennen waren: Der Sozialwohnungsbunker Corviale vor den Toren Roms, so gefilmt, wie es seine moderne, funktionale Ästhetik nahezulegen scheint, und doch wird mit jeder Einstellung immer mehr von den Verheerungen der Architektur und gleichzeitig dem Kampf der Bewohner um ihr Gebäude sicht- und hörbar, denn die Kommentare bringen tatsächlich mit den Bildern das Gebäude selbst zum Sprechen. In Anlehnung an die Unterscheidung in Bistümer und Erzbistümer hatte Papst Johannes Paul II. beim Besuch Corviales von einem »Erzgebäude« gesprochen. Ob es an dieser respektgebietenden Formulierung lag, daß keiner der Zuschauer das Wort »Abrißbirne« in den Mund nehmen wollte, sondern lieber weiter an große avantgardistische Bautraditionen sogar unter Mussolini erinnert wurde? Und damit unausgesprochen darum betete, daß nach ihrem Verlust die Utopien und Avantgarden doch wenigstens im Ästhetischen fortbestehen mögen? Ein Vorschlag fürs nächstjährige Motto: »Feindbilder«. Und Werner Ruzicka und seinem Team nachträglich alles Gute zum 30. Geburtstag. 1970-01-01 01:00
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