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58. Edinburgh International Film Festival

Edinburgh, 18. - 29. August 2004

Highlights in den Highlands

Von Theresa Valtin Mit seinen 58 Jahren ist es das älteste kontinuierlich stattfindende Filmfestival der Welt: das Edinburgh International Film Festival. Als es 1947 ins Leben gerufen wurde, war es auf Dokumentarfilme spezialisiert, doch seitdem hat sich einiges getan. »We have everything«, verkündet der Festival-Intendant Shane Danielsen heute stolz. »Wir lieben das Kino so sehr, daß wir alles haben wollen: den Multimillionen-Blockbuster, den französischen Arthouse-Film, die witzige Teenager-Komödie und das langsame taiwanesische Epos.«

Tatsächlich standen dieses Jahr Lang- und Kurzfilme der unterschiedlichsten Genres und aus 28 Ländern auf dem Programm. Der Eröffnungsfilm Diarios de Motocicleta von Walter Salles hatte bereits in Cannes den Preis der Ökumenischen Jury erhalten und wird ab Oktober in den deutschen Kinos zu sehen sein. Das Road-Movie basiert auf den Tagebuchaufzeichnungen Ernesto Guevaras und erzählt von einer Reise, die er als 23jähriger (gespielt von Gael García Bernal), also bevor er »Che« wurde, mit seinem Freund Alberto Granado (Rodrigo de la Serna) durch Südamerika unternimmt. Unterwegs beginnt – oftmals ein wenig plakativ – beim Anblick von Armut und sozialer Ungerechtigkeit Guevaras politisches Bewußtsein zu erwachen. Neben der Initiationsreise Che Guevaras beschreibt der Film mit seinen beeindruckenden Bildern aber auch eine Geschichte über die Freundschaft und nicht zuletzt über den südamerikanischen Kontinent und entkommt auf dieser Ebene übertriebenem Pathos.

Edinburgh konnte in diesem Jahr mit vielen großen Produktionen und bekannten Namen aufwarten – Ken Loachs Ae Fond Kiss, Jim Jarmuschs Coffee & Cigarettes, Morgan Spurlocks Super Size Me oder Zhang Yimous Hero, die jedoch schon auf anderen Festival uraufgeführt und ausgezeichnet wurden und zum Teil sogar schon in deutschen Kinos zu sehen waren.

Trotz der internationalen Orientierung des Festivals stellten erwartungsgemäß fast ausschließlich britische Filme Weltpremieren dar. So auch Pawel Pawlikowskis »My Summer of Love«, der von der Jury mit dem Michael-Powell-Award ausgezeichnet wurde. In einem englischen Dorf lernen sich zwei ungleiche 16jährige Mädchen kennen. Mona stammt aus der Arbeiterklasse, lebt in einem Pub, den ihr gerade aus dem Knast entlassener Bruder zu einem spirituellen Zentrum für Christen umwandeln will. Tasmin dagegen kommt aus einem reichen Elternhaus, zitiert Nietzsche und ist nur für die Sommerferien zu Besuch, bevor sie ins Internat zurückkehrt. Genau wie Mona, deren Mutter an Krebs gestorben ist und die nun ihren Bruder an Gott zu verlieren fürchtet, kennt Tasmin das Gefühl des Verlustes durch den Tod ihrer magersüchtigen Schwester. Für eine Zeitlang sind die Mädchen in einer Art hypnotisiertem Schwebezustand miteinander verbunden und schwören sich ewige Treue. Man ahnt, daß ihr gemeinsamer Sommer ein Ende haben wird, ein schockierendes und die Unschuld zerstörendes Ende. Dennoch schafft es Pawlikowski, bis dahin einen Film der Momente zu schaffen, schwerelos durch eine traumartige Visualität.

Auch Terry Loanes »Mickybo and Me« handelt von der Freundschaft zweier ungleicher Jugendlicher. John Jo und Mickybo wachsen in den 70er Jahren im geteilten Belfast auf. Herzerwärmend stehen sie unwissend über die Probleme der Erwachsenenwelt füreinander ein und leben, nachdem sie sich heimlich in eine Kinovorstellung von »Butch Cassidy and the Sundance Jr.« geschlichen haben, ganz in der abenteuerlichen Welt ihrer Idole. Der Film ist wie auch Billy Elliot von Stephen Daldry koproduziert und schlägt einen ähnlichen Ton an. Zwar muß auch hier die Freundschaft der beiden Jungen vor ihrem politischen Hintergrund ein Ende haben, doch hinterläßt die Geschichte durch ihre direkte Inszenierung einen unbeschwerteren Nachgeschmack als »My Summer of Love«.

In »Dead Man's Shoes« von Shane Meadows kehrt Richard (ein weiteres Mal ein Paddy Considine) in seinen Heimatort zurück, um die Mißhandlung seines Bruders durch die ansässige Kleinkriminellen-Gang zu rächen. Obwohl der Film wenig vom bekannten Humor Meadows' bietet, trägt er doch seine Handschrift, mit der er die verstörende Atmosphäre wahrt und nie ins Lächerliche oder Unglaubwürdige gleitet. Die narrative Struktur ist meisterhaft klassisch: In Erinnerungssequenzen aus Sicht der Gang-Mitglieder wird dem Zuschauer in den Schwarzweiß-Bildern einer Handkamera nach und nach das Verbrechen an Richards Bruder vorgeführt, bevor am Schluß mit dem letzten Puzzleteil schockartig das Rätsel der Vergangenheit aufgelöst wird. Ein gleichsam spannender wie grausamer Film.

Der Publikumspreis ging an die irische Tragikomödie »Inside I'm Dancing« von Damien O'Donnell über Michael und Rory, beide an den Rollstuhl gefesselt, die trotz ihrer Behinderung ein selbstbestimmtes Leben führen wollen und aus ihrem wohlbehüteten Heim ausbrechen. Leider wird die Botschaft, daß wir alle, mit oder ohne Behinderung, Menschen sind, ein wenig zu stereotyp verfolgt, so daß der Film besonders zum Ende hin eher auf die Tränendrüse drückt als wirklich ergreift.

Edinburgh mag kein Cannes oder Berlin sein, kein Toronto oder Venedig, doch bot es ein weiteres Mal eine Vielzahl liebevoll ausgewählter und hervorragender Filme. Die fehlende Konzentration auf ein Filmgenre oder Filmland kann keineswegs als Mangel, sondern geradezu als Bereicherung ausgelegt werden. 1970-01-01 01:00
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