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20. Edmonton International

Edmonton, Kanada
29. September – 7. Oktober 2006
»The Journals of Knud Rasmussen«

Spurensuche

Von Jutta Klocke Vom Internationalen Filmfestival in Edmonton, Kanada, wird wohl hierzulande noch niemand etwas gehört haben. Woher auch – die Veranstaltung hat weder ein medienträchtiges Staraufgebot vorzuweisen noch vergibt sie eine nennenswerte Trophäe, die über das weitere Schicksal jenes Films entscheiden könnte, dem sie zugesprochen wird. Selbst Premieren sind eher eine Seltenheit, der Großteil des Programms war schon auf anderen, größeren, wichtigeren Festivals zu sehen.

Um all das geht es aber auch gar nicht. Festivalleiterin Kerrie Long freut sich statt dessen, Anregungen wie das Jugendprogramm »14plus« der Berlinale entdeckt zu haben und für sich nutzen zu können. Gerade weil man sich der eigenen Position im Branchenzirkus bewußt ist, bleiben hier die Filme selbst die Attraktion, und der wichtigste Gast ist immer noch der Zuschauer. Und der nimmt, das bewiesen die durchgehend gutbesuchten Vorstellungen, die ihm präsentierte Auswahl dankbar an. Schließlich sieht er sich im regulären Jahresprogramm hauptsächlich mit US-Produkt(ion)en konfrontiert. Europäische oder asiatische Filme sind mit etwas Glück noch in einem der tapferen Programmkinos zu sehen. Eine wahre Herausforderung ist es aber kurioserweise, einen umfassenderen Einblick in die aktuelle heimische Kinolandschaft zu erhaschen. Das mag zum Teil mit der kommerziellen Dominanz des südlichen Nachbarn zu erklären sein, aber mit diesem Problem hat man auch andernorts zu kämpfen. Eine selbstauferlegte Bürde ist sicherlich die notorische Trennung der eigenen Filmnation in englisch- und französisch-kanadisches Kino und deren unterschiedliche Erfolgsquote im In- und Ausland. Statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen, sind die Englisch-Kanadier neidisch auf die heimischen Besucherzahlen des »Québecois cinema«, während wiederum die Frankokanadier auf die im Ausland besser dastehenden, weil englischsprachigen und damit international leichter zu vermarktenden Filme der Kollegen schielen.

Sosehr in dem regionalen Wettstreit durchaus ein Funken Stolz auf das Eigene mitschwingt, sowenig dient er dem eher kümmerlichen Selbstbewußtsein vornehmlich des englisch-kanadischen Kinos. Zu sehr duckt man sich vor der Übermacht der Hollywoodmaschinerie – eine Haltung, die selbst einer der Festivalmoderatoren in Worte faßte, als er sich geradezu überrascht darüber zeigte, wie professionell doch der kanadische Film zuweilen sei. In mancher Videothek sucht man vergeblich zwischen amerikanischen und britischen Titeln nach heimischen Produktionen, um dann schließlich in der Sektion »World Cinema«, zwischen B wie Brasilien und D wie Dänemark, über sie zu stolpern.

Umso wichtiger ist daher die Rolle eines solch kleinen Publikumsfestivals, das Independent-Projekten des eigenen Landes eine Plattform und ein Publikum gibt. So waren in Edmonton neben internationalen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen auch und vor allem kanadische Beiträge jeglicher Form zu sehen. Die Suche nach einem Selbst-Bewußtsein, nach der eigenen Identität oder den eigenen Wurzeln steht in vielen von ihnen im Vordergrund. Und selten ist diese Suche die eines Einzelnen; in das Persönliche ist fast immer auch die Frage nach einer allgemeinen (kulturellen, ethnischen oder moralischen) Identität eingeschrieben. Einer allgemein-kanadischen, wohlgemerkt. Regisseur Paul Fox etwa hat in seiner Verfilmung eines Douglas Coupland-Romans das persönliche kleine Drama des Protagonisten mit dem seiner Heimatstadt Vancouver verwoben und erzählt so seine Geschichte von Identitätskrise und Selbstfindung auf zwei verschiedenen Ebenen. Everything’s Gone Green spielt humorvoll mit dem Selbstbehauptungsversuch der kanadischen Filmmetropole, die als Drehort zahlreicher US-Serien ständig ihr Gesicht verschleiern muß, um eine authentische amerikanische Kulisse abzugeben. In einer Mischung aus Trotz und Ironie geben Fox und sein Kameramann David Frazee Vancouver den Raum eines zweiten Protagonisten, dessen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem »großen amerikanischen Bruder« sich in der Mimikry-Architektur spiegelt, der sich aber trotzdem bemüht, seine eigene Identität zu bewahren.

Auf der Suche nach Antworten oder zumindest nach Verständigung beziehen die meisten Filmemacher nicht nur das Publikum, sondern auch sich selbst mit ein in den Diskurs um die eigene Herkunft oder Nationalität und das, was man als Ballast mit ihr herumschleppt. Diese Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstanalyse ist es denn schließlich, die genau jene Einheit erzeugt, welche angeblich gar nicht vorhanden ist. Das Wir-Gefühl erwächst aus der Ratlosigkeit und dem gleichzeitigen Bemühen zu verstehen, die Produzent und Rezipient miteinander teilen.

Dieses Phänomen offenbarte sich wohl am deutlichsten im Publikumsgespräch mit Nilesh C. Patel, Regisseur des Dokumentarfilms Brocket 99: Rockin the Country. Die im Film eröffnete Diskussion um anonyme Tonbandaufnahmen, die sich vor Jahrzehnten wie ein Lauffeuer und ganz ohne Marketing bis über die Landesgrenzen hinaus verbreiteten und so zu zweifelhaftem Ruhm als allgemeinbeliebte Partyunterhaltung kamen, fand im Kinosaal eine rege Fortsetzung. Fast jeder hier hatte schon einmal von den »Brocket 99«-Tapes gehört, einer fiktiven Radiosendung weißer Kanadier, die sich als indianische Moderatoren eines Reservatssenders ausgeben und zwischen Wetterberichten und Beerdigungsterminen hauptsächlich über den eigenen Trunkenheitsgrad informieren. Patel hat sich auf den Weg gemacht, um mit Hörern von einst, Weißen wie Indianern, darüber zu sprechen, weshalb die Aufnahme so populär wurde und wie weit man in der Kombination von Komik und Diskriminierung gehen darf. Dabei klopft er weder den »Brocket«-Kritikern auf die Schulter noch straft er die einstigen (und heutigen) Fans mit Verachtung. »Es war rassistisch, aber lachen mußte ich trotzdem«, das ist die im Film am häufigsten fallende Aussage. Die zusammengetragenen Kommentare fügen sich zu keiner einheitlichen Antwort; Patel läßt sie ohne Wertung nebeneinanderstehen und öffnet so den innerfilmischen Rahmen der (Selbst-)Reflexion, um den Zuschauer an ihr teilhaben zu lassen. Die Tonbandaufnahmen sind dabei nur der Anstoß für die viel allgemeinere Frage nach dem Verhältnis zwischen Weißen und First Nations, und Film wie Publikumsgespräch ließen erkennen, daß es hier noch so einiges aufzuarbeiten gibt.

Brocket 99 war nicht der einzige Festivalbeitrag, der sich mit der Ureinwohner-Thematik auseinandersetzte. Wie komplex diese ist, weil sie nicht nur die an sich schon vielfältige ethnische Minderheit der Indianer umfaßt, sondern auch die der oft in den Hintergrund des öffentlichen Bewußtseins rückenden Inuit, bewies Regisseur Zacharias Kunuk mit gleich zwei Filmen sehr unterschiedlicher Art. In seiner Dokumentation Kiviaq versus Canada stellt er Kanadas ersten Inuit-Anwalt vor – eine Personenbeschreibung, die im doppelten Sinne zutrifft. Wie Kunuk selbst ist auch Kiviaq ein Inuk, der seinen Beruf nun nutzt, um für die politische Anerkennung seiner Volksgruppe zu kämpfen. Anders als die Indianer besitzen die Inuit nämlich bis heute keinen gesetzlich verankerten Status – juristisch gesehen existieren sie damit also gar nicht. In das Porträt des ehemaligen Boxers und Footballspielers fließt auch immer wieder Kunuks eigene Wahrnehmung seines ethnischen Hintergrundes ein. Der Regisseur hält sich nicht als anonymer Dokumentarist im Hintergrund, sondern wird dank der selbstreflexiven Momente selbst zum Dokumentationsobjekt. Und während Kiviaq in seiner Entschlossenheit wirkt, als sei er sich trotz eines bewegten Lebenslaufes über die eigene Identität vollends im Klaren, erscheint Kunuk zuweilen noch auf der Suche. Er versteht sich damit weniger als Aufklärer, sondern bleibt auf einer Ebene mit dem Zuschauer, sowenig dieser auch mit ihm und seiner Herkunft gemein hat.

Kunuks Spielfilm The Journals of Knud Rasmussen ist wie sein Vorgänger, Cannes-Gewinner Atanarjuat the Fast Runner, im Inuit-Territorium Nunavut entstanden und hauptsächlich mit einheimischen Laiendarstellern in Originalsprache gedreht worden. Der Eröffnungsfilm des Festivals folgt den Spuren des Dänen und Halb-Inuit Rasmussen, der in den 20er Jahren ins ewige Eis Nordkanadas reist, um dort seine eigenen Wurzeln zu ergründen. Als Gast des Schamanen Ava und dessen Familie wird er Zeuge, wie das zunehmende Eindringen der »zivilisierten Welt« dem traditionellen Leben der um ihre Existenz kämpfenden Nomaden ein schleichendes, aber unaufhaltsames Ende setzt. Der Blick auf die ebenso unwirtliche wie betörende Weite und ihre Bewohner verschwimmt, bleibt mal dokumentarisch sachlich und ergibt sich dann wieder kontemplativ dem Zauber jahrhundertealter Mythen und Riten. Die Erzählweise Kunuks und seines Co-Regisseurs Norman Cohn ähnelt jener Mischung aus Fiktion und Realität, mit der sich Byambasuren Davaa in Die Geschichte vom weinenden Kamel oder Die Höhle des gelben Hundes der mongolischen Heimat ihrer Vorfahren näherte. Fast scheint es, als würde sich mit dem wachsenden Interesse an dem filmischen Potential, das die zwischen hartem Überlebensrealismus und mythengeschwängerter Tradition changierenden Lebenswelten der Naturvölker bergen, so etwas wie ein eigenes Genre bilden. Eine spannende Entwicklung ist jedenfalls das erwachende Bedürfnis ebenjener Völker, eigene Geschichte und Geschichten nicht dem ethnographischen Blick Außenstehender zu überlassen, sondern sie selbst visuell umzusetzen. Der australische Festivalbeitrag Ten Canoes erzählt eine Legende, so alt fast wie die Schöpfungsgeschichte des Landes, und bewahrt dabei auf narrativer Ebene, was schon seit Urzeiten als Regelwerk für die mündliche Überlieferung gilt. Es ist der erste australische Film, der ausschließlich in der Sprache der Ureinwohner gedreht wurde, die meisten Teammitglieder einschließlich aller Darsteller sind Aborigines.

Der Hauch eines neuen Selbstbewußtseins umwehte Edmonton also aus den verschiedensten Himmelsrichtungen. Und das in den Publikumsgesprächen geäußerte Interesse zeigte einmal mehr, daß der Auszug in den Kampf gegen die Hollywood-Windmühlen selbst an jenen Orten Früchte trägt, wo man es kaum vermutet hätte. Man muß sich nur auf den Weg zu ihnen machen – wenn nicht über das reguläre Kinoprogramm, dann eben im Rahmen eines Festivals wie diesem, das sich nicht als Insider-Treff inszeniert, sondern auf das Publikum zugeht und die Angst vor Neuem, Fremdem oder Unzugänglichem zu nehmen versucht. 1970-01-01 01:00
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