— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

7. Diagonale 2004

Graz, 3. - 7. März 2004
»Handbikemovie« von Martin Bruch

Das Wunder von Graz

Von Dietrich Kuhlbrodt Die Wiener Bundesregierung hatte 2003 die beiden mißliebigen Intendanten Constantin Wulff und Christine Dollhofer vertrieben und durch Willfährige, Kommerztreue und TV-Fromme ersetzt. Als Ehrenpräsident wurde gar der Berlusconi-Manager Jan Mojto inthronisiert. Ein Staatsstreich. Hatten doch die beiden Intendanten im Jahr 2000, dem Haider-Jahr, die Diagonale zum Protest-Forum umfunktioniert. »Die Kunst der Stunde ist Widerstand«. Acht Stunden lang liefen agitatorische Spots, Demobilder und radikale Satire. Die Lage der Nation wurde einsichtig. Das Festival war politisiert worden, ohne daß es sich politisch hätte organisieren müssen.

Im Herbst 2003 zeigt sich, daß die Solidarisierung nachhaltig war. Hans Hurch, der Direktor des internationalen Filmfests in Wien, der Viennale, rief zum Boykott der von der Wiener Regierung verfügten neuen Diagonale auf. Das Filmarchiv Austria, das Österreichische Filmmuseum und nach und nach auch die Branchen folgten. Die Stadt Graz und das Land Steiermark widmeten schließlich die Festivalgelder um. Vor allem aber war es das alte Diagonale-Team, das aus dem Stand und zunächst ohne jede Absicherung die originale Diagonale als Gegenfestival aufbaute. Ja, es war ein Wunder. Der Berlusconi-Präsident und die neuen Regierungsintendanten warfen das Handtuch. Die Diagonale fand soeben statt, wieder als kritische Plattform der Gegenöffentlichkeit. Ihre Autonomie ist gesichert. Sie wählt sich jetzt selbst ihre Intendanten. »Graz ist ein Modell für Selbstbestimmung und Zivilcourage geworden.« Das schrieben u.a. Lisl Ponger und Ulrich Seidl im Diagonale-Manifest.

Aufbruchstimmung. Stolze Worte. Ein Modell. Auch für Deutschland? Schiebt man hier im Land der Standortpolitik und Fernsehkompatibilität sowas nicht als abgestandenen 70er Jahre-Kram weg? Was? »Ein Lehrstück in republikanischer Selbstbestimmung« (Hans Hurch)? Reibt sich wer die Augen? Ich rieb sie. Die neue Botschaft also kommt aus Österreich. Aus Graz. Und dort kamen dieses Jahr pro Diagonaletag noch mehr der jungen Leute, die in die Diagonalekinos drängten. Und dort diskutierten. Das Fest ist in der Stadt verankert. Es hat dort seine Basis. Der Filmemacher Martin Bruch, erkrankt an Multipler Sklerose, fährt in seinem langen handbikemovie auf seinem handgetriebenen Handbike durchs Land. Und durch Metropolen. Er bekam den Großen Preis der Diagonale.

Klar, daß auch Michael Glawogger (Megacities) mit seinen Nachtschnecken Erfolg bei den Zuschauern hatte. »Für mich sind Pornofilme etwas sehr Wahrhaftiges, und eben dieses Terrain beginnt sich der andere Film, der Nicht-Pornofilm, im Moment zu erobern« (Glawogger).

Auch dort mag man die Zukunft sehen. Bitteschön. »Es lebe Graz!« (Brigitte Kausch).

Aberaber. Wie wird es im nächsten Jahr aussehen? Mit den neuen, selbst gewählten Intendanten? Ich bekomme in der allgemeinen Euphorie einen kalten Fuß. Oder zwei. Österreichs Produzenten, grad noch auf den Diagonale-Zug aufgesprungen, wollen das Festival in eine dieser Messen umfunktionieren. Mit der Regierung sind sie im Gespräch. – Jei, Ihr Autonomen in Graz. Paßt auf! Auf das Wunder folgt die Ernüchterung! 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap