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6. Werkleitz Biennale 2004

Halle (Saale), 1.-5. September 2004

Allgemeingut zur Debatte

Von Gerd Naumann Einige bezeichnen sie gerne als die Documenta Ostdeutschlands, andere haben ihre Existenz bisher kaum wahrgenommen. Die Werkleitz Biennale gibt es seit zwölf Jahren, und sie ist auf gutem Wege, sich als verläßliches Film- und Kunstfestival zu etablieren.

In diesem Jahr wurde sie zum ersten Mal in Halle (Saale) ausgerichtet. Die verantwortliche Werkleitz-Gesellschaft hat ihr Büro direkt neben dem Volkspark, in dem der überwiegende Teil des Biennaleprogramms zu sehen war. Einst war der Volkspark Schauplatz ideologischer Grabenkämpfe. Der »kleine Trompeter« ließ hier der Legende nach sein Leben, was ihn in der kommunistischen Propaganda zu einer Lichtgestalt machte. In diesem historischen Umfeld entfaltete das mit Neuen Medien experimentierende Festival eine ganz eigene Note.

Der Videokünstler Bjoern Melhus bekam bisher jede Biennale mit und war auch auf der diesjährigen sechsten Ausgabe mit einem Beitrag vertreten. Was »anfangs mit einer Gruppe von Künstlern aus dem Boden gestampft« wurde, so Melhus, bekam mit der Zeit »immer internationaleren« Charakter.

In diesem Jahr waren sieben Kuratoren mit der Umsetzung der Leitthematik beschäftigt, die das Spannungsfeld des Allgemeinguts behandeln sollte. Die Veranstalter zeigten mit der Wahl des Themas besonderen Ehrgeiz, denn die »common property« bietet ein schwer zu überschauendes Argumentations- und Konfliktpotential. Im Zeitalter der unendlichen Reproduktionsmöglichkeiten steht da nicht nur die neu zu definierende Rolle der Autorenschaft zur Debatte. Zugangsoffenheit zu geistigen Ressourcen bedeutet zwar eine erheblich erleichterte Auseinandersetzung mit Inhalten und bestimmten Formen der Wissensvermittlung, doch wer sich am großen Informationspool bedient, der trägt auch Verantwortung.

Wichtig seien nicht die Einzelpersonen, so der Dokumentarfilmer Peter Krieg, »sondern die Beziehungen, die sie aufnehmen und die Diskussionen, die sie führen.« Wer die Ressource nutze, der müsse sich zumindest die Frage stellen, ob und warum er gerade dieses oder jenes verwende. Man könne nicht sagen, welche Herangehensweise richtig oder falsch sei. »Recht hat die Diskussion.« Das unterstrich er im Gespräch mit dem Publikum, das seinen »Septemberweizen« interessiert aufnahm. Der 1980 entstandene Film über die politischen Folgen des amerikanischen Weizenüberschusses für die Dritte Welt war eine der wenigen Ausnahmen im Programm, bei der sich zwischen Macher und Betrachter eine eloquentere Diskussion entspann. Er sehe sich auf diesem Festival als »Vertreter des letzten Jahrtausends«, womit er auf die neue, beim Umgang mit Bild- und Tonmedien routiniert spielende Künstlergeneration hinwies. Die hat auf der Werkleitz Biennale traditionsgemäß gute Vorraussetzungen, da die Initiatoren vorrangig aus dem Film- und Videobereich kommen.

Die inhaltliche Verschiebung vom traditionellen Kunstverständnis hin zur multimedialen Aufbereitung wurde hier schon Anfang der 90er Jahre umgesetzt. »Das ist eine Entwicklung, die sehr stark durch die documenta 10 befördert wurde«, so der Kurator Florian Wüst, »in der Video fast die Malerei ersetzte«. Seitdem sei eine Aufschlüsselung der Kunst in traditionelle und mediale Teilbereiche unmöglich. Diese Symbiose sei sehr produktiv, da hierdurch »verschiedene künstlerische Praktiken und Ausstellungsformate mitdiskutiert werden.«

Letztendlich war es wohl diese intellektuell-materielle Vielfalt, die manchen Zuschauern den Zugang zum Thema erschwerte. Wer sich keiner kommentierten Führung anschloß, mußte sich seinen Weg durch das Informations- und Wissensangebot selber suchen. Es ergab sich ein synergetischer und beinahe ironischer Nebeneffekt: Die Kunst war allgemein, weil kostenfrei, zugänglich, doch mußte jeder seinen Zugang zur Botschaft selber finden.

Das versuchten fast 6.000 Besucher, die für die nächste Biennale im Jahr 2006 Grund zur Hoffung geben. Die Werkleitz Biennale entwickelt ein eigenständiges Profil, auch wenn es in diesem Jahr zu einigen Verständigungsschwierigkeiten zwischen Künstlern und deren Publikum kam. Die aus solchen Irritationen entstehenden diskursiven Ansätze sind wichtig für die kreativen Abstraktionsprozesse, um die es bei einem Kunstfestival im Grunde geht. Wenn es zu solchen Interaktionen kommt, ist das ein Beleg für die Qualität eines Festivals. 1970-01-01 01:00
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