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16. Internationales Hamburger Kurzfilmfestival 2000

Hamburg, 10. - 17. Juni 2000
 

Diesseits der Stille

Von Nikolaj Nikitin Auch heuer bewies das Kurzfilmfestival in Hamburg mit einem ausgeglichenen Wettbewerbsprogramm, soliden deutschen Quickies und der brillanten Retrospektive »Glimpses of the USA« des in Filmkreisen eher unbekannten Designerpaares Ray & Charles Eames seine Stellung als eines der wichtigsten deutschen Festivals – und zwar nicht nur im Kurzfilmbereich.

Es scheint, als würde bei diesem Festival alles stimmen. Die Location ist wunderbar, das Programm abwechslungsreich, und das Team durfte ich als ein sehr engagiertes erleben. Sowohl internationale Koryphäen als auch deutsche Studenten und Filmenthusiasten – alle versammelten sich rund ums Zeise Kino und das Metropolis, die beiden Hauptspielstätten.

Bei der Menge von Festivals, die oft schlechte Rahmenbedingungen und Konzeptlosigkeit auszeichnen, ist Hamburg ein wahrer Genuß. Denn auch ein ausführlicher Blick hinter die Kulissen und eine nähere Betrachtung des Programms bestätigen den ersten positiven Eindruck. Einen internationalen und einen NoBudget Wettbewerb, eine deutsche und regionale Reihe (Highlight des guten schlechten Geschmacks: »It's a Hü Schenkel Life"), zwei Retrospektiven, ein eigenes Bitfilmfestival, das sich mit digital produzierten Kurzfilmen und sogar Kinderfilmen beschäftigt, umfassen das überaus reichhaltige Programm.

Wenn sich eine Aussage aus den ausgezeichneten Wettbewerbs-Filmen ziehen läßt, dann die, daß in die Zukunft des deutschen und internationalen Filmnachwuchses weiter investiert werden kann. Denn es herrscht eine deutliche kinematographische Sprache in den Werken vor, die sich vor allem dadurch auszeichnet, daß virtuos Geschichten ohne Dialoge erzählt werden – und im Grunde hat das Kino doch noch nie die Sprache wirklich gebraucht. All die großen Momente funktionieren über Blicke, Schnitt, Lichtsetzung und Kameraeinstellungen.

Ein besonders hohes Maß an filmtechnischer sowie dramaturgischer Raffinesse beweist in dieser Hinsicht der Russe Alexander Kott mit seinem poetischen Glanzstück »Pugalo«. In der Tradition des sowjetischen Kinos entwickelt Kott eine ausgefeilte, schwarz-weiß gehaltene Bildsprache, die vor Originalität und großen Bildern nur so vibriert, auch wenn der erzählte Inhalt – ein Junge entdeckt die erste Liebe, verliert seinen Opa und zieht fort – als durchaus konventionell bezeichnet werden kann.

Fast vollständig verzichtet auch Andreas Hykade in seinem skurrilen Bilderreigen »Ring of Fire« auf Dialoge. In der einfallsreichen, liebevollen Animation mit ebenfalls stark reduzierten Handlungselementen, aber dafür um so erfinderischer in der Ausdrucksform, geht Hykade den klassischen Mythen moderner Gesellschaft nach. Ein Höhepunkt im Schaffen des experimentellen Kurzfilms stellt »HongKong« dar. Die Arbeit des Niederländers Gerard Holthuis überzeugt durch ein ausgeklügeltes visuelles Konzept. Wir beobachten Flugzeuge beim Starten und Landen, aber auch die dazugehörigen Gesichter und die Weltmetropole Hongkong. Dieser Film bietet Einstellungen, die man sein Leben lang nicht vergißt, und als Filmemacher würde ich sie sofort in die eigene Arbeit einbauen.

Den heiteren Pol in dieser Reihe von eher ernsten Beiträgen bildete »Silverstar« des Kölner-Kult-Duos Siepmann/Flöter ("Luna 13«, »Zwei Tage Grau"). Auch hier wird fast komplett eine Geschichte in Bildern erzählt. Ein der Modernisierung zum Opfer gefallener Einkaufswagenschieber rächt sich an der Supermarkt-Kette à la Rattenfänger und entführt seine kleinen Lieblinge, um mit ihnen eine Busby-Berkeley-Showeinlage einzulegen, um schließlich am Strand der Engel die aufgehende Sonne zu beobachten. Neben dem Wettbewerb und den erwähnten Reihen bot der »Flotte Dreier« – Low-Budget Filme, die maximal drei Minuten lang sein dürfen und heuer unter dem Motto »Mein Lieblingslied« standen – gewohnt feucht-fröhliche Unterhaltung und eine ausgelassene Stimmung, in der man sich einfach wohlfühlen muß. Diese angenehme, sehr unverkrampfte Atmosphäre hielt die gesamte, um einen Tag verlängerte Dauer des Festivals an – Filmfreund, was willst Du mehr? 1970-01-01 01:00
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