— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

26. Internationales Film Festival Istanbul

31.3. - 15.4.2007
 

Tulpen, Tiefgang und türkisches Kino

Von Christine Prinzing Eine Kulisse, die nicht besser hätte sein können: tagelang strahlend blauer Himmel, überall ein buntes Meer aus Tulpen. Mitten im Herzen von Istanbul und unübersehbar für jeden Cineasten leuchtend pinke Poster entlang der berühmten Einkaufs- und Kinomeile Istikla Caddesi in Beyoglu. Es bestand kein Zweifel, wo die Filmindustrie 14 Tage ihr Refugium hatte und in die Welt der Illusionen einlud.

Überfüllte Kinos, lange Schlangen an den Kassen und Medienrummel rund ums Festival. Was konnte sich die neue Festival-Direktorin Azize Tan mehr wünschen? Ihr Konzept war ein Volltreffer: ein gut gemischtes Programm mit Tiefgang, internationale Stars (u.a. die Filmemacher Paul Schrader, Gus van Sant, Michael Radford), extravagante Filmparties und zum ersten Mal spezielle Masterclasses für den Filmnachwuchs.

Die Filmthemen waren alles andere als leichte Kost: Der Schwerpunkt lag vor allem auf der Darstellung von Facetten der Gewalt in Beziehungs- und Familiendramen. Platz für Slapstick oder Comedy gab es dabei nicht. Herausragend war der Filmbeitrag »Barda« von Serdar Akar. Der Regisseur des international erfolgreichen Skandalfilms »Tal der Wölfe« (2005) lieferte auch diesmal einen brisanten Film, in dem erfolgreiche Großstädter Mitte zwanzig von einer Gang sozialer Verlierer aus dem Umland brutal gequält werden. Später im Gerichtssaal dreht sich die Opfer-Täter-Konstellation um, was den sozialen Clash exakt und knallhart auf den Punkt bringt.

Die Hauptgewinner des Festivals, nicht überraschend, kamen aus der Türkei: »Inklimer« von Nuri Bilge Ceylan, in Cannes 2006 bereits mit einem Preis geehrt, wurde hier nochmals als bester Türkischer Film 2007 ausgezeichnet. Für die beste Regiearbeit ging der Preis an Zeki Demirkubuz für »Kader«. Beide Regisseure sind große Vorbilder des Autorenfilms in der Türkei. Die Filme sind in beiden Fällen Beziehungsstudien und spielen in der intellektuellen Szene einer modernen und kosmopolitischen Gesellschaft. Die feinfühlige Ausarbeitung der Charaktere und Emotionen ist in beiden Filmen einzigartig und braucht keinen internationalen Vergleich zu scheuen.

Der krönende Abschluß des Festivals fand sich in der Verleihung des »International Golden Tulip Award«. Die internationale Jury unter Präsident Michael Radford entschied sich für einen Außenseiter: »Reprise« von Joachim Trier (Norwegen). Ein Film, auf den man sich jetzt schon freuen darf. Jung, frech und dynamisch. Einfühlsam erzählt er eine Geschichte über wahre Freundschaft, Träume und darüber, was passiert, wenn diese in Erfüllung gehen – ein Independentfilm mit Charme auf hohem Niveau.

Am Ende ein Lichtblick für alle, die nicht bis zum nächsten Filmfest in Istanbul warten wollen: Die türkische Filmszene wandert bis zum 22. April 2007 nach Ankara, zeigt Filme und feiert weiter. Plattform hierzu bietet das 18. Limak International Filmfestival. Wenn das nicht das Cineastenherz höher schlagen läßt! 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap