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8. Internationales Dokumentarfilm-Festival 2004

Jihlava, Tschechische Republik, 26. - 31. Oktober 2004
Die Die Jury in Jihlaya

Von den Träumen des Konsumismus

Von Andreas Wutz Jihlava ist eine Stadt, die außerhalb Tschechiens wohl nur Freunden der Musik Gustav Mahlers bekannt sein mag. Dieser hatte hier, an der Grenze von Böhmen zu Mähren, auf halbem Weg von Prag nach Wien gelegen, seine Jugend erlebt. Innerhalb Tschechiens jedoch und über seine nördlichen und südlichen Landesgrenzen hinaus läßt sich der Name Jihlava auch noch mit etwas weniger Historie, aber umso aktuellerer Gegenwart verbinden. Vom 26. bis 31. Oktober fand das 8. Internationale Dokumentarfilm-Festival Jihlava statt. 1997 von ein paar Gymnasiasten gegründet, gilt dieses Festival inzwischen als das wichtigste seiner Art für Dokumentarfilm-Produktionen aus ganz Mittel- und Osteuropa.

Den Namen des größten Programmteils »Mezi Mori« (Zwischen den Meeren) konnte man nicht nur als geographischen Hinweis zur Herkunft der gezeigten Filme verstehen, sondern durchaus auch als geo-poetische Umschreibung eines vielen Filmen gemeinsamen Themas: Schicksal postkommunistisches Europa, Schicksal neues Europa. Mit dem Umbruch des politischen Raumes wurden und werden auch Biographien umbrochen. So hatte sich im Eröffnungsfilm »Nocni Rozhovory« (Nächtliche Gespräche) die 1968 in Bulgarien geborene Filmemacherin Margareta Hruza auf die Suche nach ihren Familienmitgliedern begeben, die vor der russischen Besetzung der Tschechoslowakei über die Meere nach Kanada und Norwegen geflohen waren. Ebenfalls das Schicksal eines Exilanten, beobachtet aus der durch den deutschen Mauerfall plötzlich ermöglichten Perspektive seiner Rückkehr, zeigte Helena Trestikovas Porträt des im letzten Jahr gestorbenen ehemaligen Herausgebers der Exilzeitschrift »Svedectvi« und späteren Kulturministers Pavel Tigrid ("Pavel Tigrid – Evropan). In »1.35« dagegen, einem achtminütigen Experimentalfilm des Slowaken Milan Balog, verstirbt der Emigrant vorzeitig vor seiner beabsichtigten Rückkehr zu seiner Jugendfreundin, es kehren nur seine Fotographien zu ihr zurück. Blatt um Blatt gleitet das Bild seines Gesichts, seines Körpers aus einem Kopierapparat, Bild für Bild gelingt seine Rückkehr doch wenigstens in filmischer Reanimation.

Nicht mit der Hoffnung ehemaliger politischer Emigranten, sondern mit der Hoffnung heutiger Arbeitsmigranten des neuen Europa, befaßt sich der Film »Bar na Viktoria Station«. Leszek Dawid begleitet zwei 30jährige Polen bei ihrem Versuch, der Arbeitslosigkeit in ihrem Heimatstädtchen zu entkommen und in London den Traum einer kleinen Bahnhofsbar zu verwirklichen. Von Telefonzellen aus begeben sie sich auf Arbeits- und Wohnungssuche. Doch die Arbeitsvermittler entpuppen sich als Haie, die in London kontaktierten polnischen Bekannten sind plötzlich nicht mehr erreichbar, die Ersparnisse gehen im Sekundentakt zur Neige, Hunger und Obdachlosigkeit drohen. Erst im Abspann erfahren wir, daß die beiden dann doch noch Arbeit und Wohnung gefunden haben. Von den Träumen des Konsumismus nach dem Ende des Kommunismus berichtet dagegen der in Jihlava von Publikum und Jury gleichermaßen ausgezeichnete Film »Cesky Sen« (Tschechischer Traum). Wochenlang waren in der tschechischen Hauptstadt Ankündigungen zur Eröffnung eines neuen Einkaufsparadieses plakatiert worden. Große Rabatte lockten. Doch für die Kauflustigen, die am Tag der Eröffnung zu Hunderten mit entsicherten Einkaufswagen vor dem zu enthüllenden Kaufhaus sich eingefunden hatten, wurde mit der fallenden Hülle nur zweierlei sichtbar: ein leeres Gerüst und darin hinter der Kamera kniend die beiden Prager Filmhochschulabsolventen Vit Klusak und Filip Remunda.

Gleich fünf verschiedene Perspektiven auf die Länder zwischen den Meeren bot die sehenswerte österreichische Produktion »Über die Grenze«. Fünf Regisseure besuchen in ihrem jeweiligen Heimatland Grenzregionen und entwerfen in sehr unterschiedlichen filmischen Handschriften eine Folge von Porträts dieser Landschaften und ihrer Mentalitäten, die oft auf skurrilste Weise von der Vorstellung des meist unsichtbaren Nachbarn jenseits der Grenze geprägt sind. Pawel Lozinski besucht eine Dorfgemeinschaft von im Kriege vertriebener Polen, die sich anhand der im Krieg zurückgelassenen »deutschen Apfelbäume« ein Bild von ihren heutigen deutschen Grenznachbarn zu machen versuchen. In einem tschechischen Grenzdorf erklärt der Bürgermeister eine im Bildhintergrund stehende Straßenprostituierte voller Überzeugung zur typischen, nur die Natur suchenden Spaziergängerin und muß die Fremdenpolizei vom Regisseur (Jan Gogola) bestellte »falsche« vietnamesische Flüchtlinge jagen. Auch der letztes Jahr mit »66 Seasons« so bekannt gewordene Slowake Peter Kerekes nähert sich der an seiner Landesgrenze immer noch nicht aufgearbeiteten Geschichte mit bissigem Humor. Hier besaß die Grenzpolizei ortsansässige Helfer in Zivil, von denen sich mancher auch heute noch gerne zur ideologisch begründeten Menschenjagd überreden ließe. Mit Biljana Cakic Veselic's Episode erreicht der Film schließlich das slowenische Meer. Das jedoch ist durch die neue Grenzziehung nach dem Balkankrieg so klein geworden, daß die offene See gerade noch Platz für ein einsames slowenisches Fischerboot hat.

Über das etwa 150 Filme umfassende Festivalprogramm hinaus bot Jihlava dieses Jahr erstmalig eine Videothek mit noch einmal 300 mittel- und osteuropäischen Filmen aus den vergangenen beiden Jahren an, die nun bald unter dem Namen »East Silver Caravan« auch bei anderen europäischen Festivals zu sehen sein werden. Doch ebenso wie Jihlava für den westeuropäischen Besucher eine gute Gelegenheit ist, sich über den aktuellen Dokumentarfilm seiner neuen europäischen Nachbarn zu informieren, so stellt dieses Festival umgekehrt dortzulande gänzlich unbekannte Regisseure aus dem nahen oder fernen Westen vor. So wurde mit einer kleineren Werkschau der dänische Regisseur Jørgen Leth präsentiert, von welchem nicht nur der von Trier zitierte »Det perfekte menneske« ("Der perfekte Mensch") zu sehen war, sondern u.a. auch sein wunderbarer, zwischen balischen Tanzschülern und dänischen Lego-Kindern hin- und hergleitende Bilderbogen über den spielenden Menschen ("Det legende menneske"). Ebenfalls zu einer kleinen Retrospektive reihten sich acht Filme des im Dienste Castros stehenden kubanischen Regisseurs Santiago Alvárez und dessen Porträts zu Che Guevara, Ho Chin Minh oder Martin Luther King. Einen Blick in die Ferne auf den noch nicht ausgestorbenen Pioniergeist des Kinos selbst warf dagegen eine diesjährige Schweizer Produktion ("Ciné houet"). In feinen poetischen Bildern erzählt Cédric Fluckiger von Drissa Konoté, der seit 33 Jahren in Bobo-Dioulasso in Burkina Faso unter den minimalistischen Bedingungen Afrikas sein eigenes kleines Kino betreibt. 1970-01-01 01:00
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