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35. Filmfestival Karlovy Vary 2000

Karlovy Vary, 5. - 15. Juli 2000
 

Im Osten kaum Neues

Von Nikolaj Nikitin Das einstige Tor zum Kino Osteuropas und wichtigstes A-Festival im ehemaligen Ostblock hat sich geographisch umorientiert. Bei den diesjährigen Filmfestspielen Karlovy Vary stand weniger das osteuropäische als das asiatische Treiben im Vordergrund.

Eine Entscheidung, die in vielerlei Hinsicht nachvollziehbar und sinnvoll erscheint, aber einen leicht faden Nachgeschmack hinterläßt. Einerseits sparten sich zwar die einheimischen Produzenten die überzeugendsten Beiträge ("Samotári« und »Musíme si pomáhat«, vgl. Festivalbericht zum Finale Pilsen) lieber für internationale Premieren auf, andererseits fehlte der Mut, kontroverse osteuropäische Beiträge zu zeigen – so geschehen mit dem besten russischen Film des Jahres »Brat 2«, der schon wie sein Vorgänger ein Meisterstück in Sachen modernes Actionkino darstellt. Der Vorwurf, er würde faschistoides Gedankengut verbreiten, mag in dem Sinne greifen, wie er für jeden US-Actionreißer gilt, der Regisseur läßt sich nicht unbedingt als Philantrop oder Freund der Demokratie bezeichnen, und schon gar nicht als pc, aber das ändert nichts an der filmischen Brillanz seines Werkes und der Tatsache, daß dieser Film eine präzise Schilderung der momentanen Situation in Rußland liefert.

Leider konnten auch die meisten Beiträge aus den osteuropäischen Ländern nicht überzeugen. Positiv fiel lediglich »Maršal«, Vinko Brešans aberwitzige post-Tito-Komödie, das Kostümepos »Elzè íšgilijos« und der abgedrehte ukrainische »Vsem privet« auf. Wenn der westliche Besucher im russischen Wettbewerbsfilm stattdessen unter quälender Langeweile und Dilettantismus leidet, nimmt er kein gutes Bild von der Kinosituation im Osten mit, und wenn schon Karlovy Vary diesem kein Forum bietet, wo soll es sich ausbreiten, gedeihen und entwickeln. Es muß aber auch deutlich formuliert werden, daß keine osteuropäische Produktion auch nur annähernd das Niveau des asiatischen Kinos erreicht, das in den letzten Jahren um Längen einfallsreicher, dramaturgisch durchdachter und visuell überzeugender ist als alles aus Amerika oder Europa. Insofern ist diese Verlagerung seitens der kompetenten Festivalleiterin plausibel.

In Karlovy Vary hatte der Zuschauer noch einiges zu entdecken, unter anderem »Bakha Satang« des Koreaners Lee Chang-Dong. Dem Filmkünstler gelang das, was im Kino immer seltener wird, er setzt den Betrachter stärksten psychischen Schmerzen aus. Mir drehte sich der Magen um, ich fühlte mich schlecht und doch wohl dabei, endlich wieder solch eine Wirkung aus einem Film mitzunehmen. Als Art Chronik eines angekündigten Todes sehen wir den Freitod eines verwirrten Großstädters. Dank Rückblenden, die uns immer weiter in die Vergangenheit und in die Psyche des Mannes führen, setzt sich das Bild eines psychisch höchst gefährdeten Individuums zusammen – wir erfahren detailliert, was ihn dort hingetrieben hat: Wie sich aus einem ambitionierten hoffnungsvollen jungen Mann ein trostloser, desillusionierter Misanthrop entwickelt, dem eigentlich keine andere Wahl bleibt, als sich das Leben zu nehmen. Und dieser Sog in die Psyche funktioniert überaus perfekt, so daß ich diese Entwicklung nicht nur nachvollziehen, sondern ihr eigentlich zustimmen möchte. Bildete Being John Malkovich noch einen amüsanten Einblick in die Gedankenwelt eines Stars, so schauderte es mir hier vor der Bestie Mensch. Der Film vereint viele Qualitäten und Traditionen des asiatischen Kinos. Eine herausragende Mischung aus Kurosawa, Ozu und Kitano: von der wohlkomponierten Erzählstruktur, der entlarvenden sozialen Schilderung einer zerrütteten Gesellschaft über die harte Gewalt auf den Straßen.

Zur Ehrenrettung des europäischen Kinos schickte das Festival den Meister aller Klassen in die Arena. Dank einer Kooperation zwischen Taurus und ZDF/arte kam ich endlich in den Genuß, den Film der Filme auf der Leinwand zu sehen – der das Basiswissen jedes Filmstudenten bildet, der die späteren Stützen von Hollywood zusammenbrachte, ein Werk, bei dem ich das Gefühl habe, es ist schon alles darüber gesagt worden und es seinen Thron im Olymp längst verdient hat. Das dann auch noch in einem wunderschönen Theater mit einer neuen Musik – gemeint ist »Menschen am Sonntag«. 1970-01-01 01:00
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