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37. Karlovy Vary 2002

Karlovy Vary, 4. - 13. Juli 2002
 

Zelenka rockt

Von Nikolaj Nikitin Der Trend, Produktionen aus dem eigenen Land dadurch zu stärken, daß die weltweit wichtigsten Filmfestivals einheimische Werke in den Wettbewerb aufnehmen, fand beim diesjährigen 37. Internationalen Filmfestival Karlovy Vary seinen Höhepunkt. Unter der Ägide von Jean-Marc Barr zeichnete die Jury den tschechischen Film »Rok d'ábla« von Petr Zelenka mit dem Hauptpreis des renommierten Festivals aus.

Zelenka gehört zu den bedeutendsten und einflußreichsten Vertretern einer Welle junger Regisseure in der Tschechischen Republik, neben Filmemachern wie Alice Nellis (ihr zweiter Film »Vylet« lief in San Sebastian), Bohdan Slama ("Divoké vcely« war heuer in Rotterdam ein Preisträger), Sascha Gedeon (dessen deutsch-tschechische Koproduktion »Die Rückkehr des Idioten« unzählige Festivalpreise gewann), dem bereits etablierteren und oscarnominierten Jan Hrebejk (Wir müssen zusammenhalten) sowie dem oscarausgezeichneten Jan Sverak ("Kolja"). Diese Filmemacher eint das Talent, Filme zu realisieren, die im eigenen Land Erfolge feiern, aber auch im Ausland auf positive Resonanz stoßen.

Zelenkas Spielfilmdebüt »Knoflikari« hat den nationalen Filmpreis gewonnen, war 1998 beim Filmfestival in Rotterdam erfolgreich und konnte den Tiger Award mit nach Hause nehmen. Die von ihm mitgeschriebene Komödie »Samotari« (Regie: David Ondricek, s. Schnitt 19) war 2000 der erfolgreichste einheimische Film. Und nun der Preis beim bedeutendsten nationalen Filmfestival und einem der wichtigsten der Welt – und das vollkommen zurecht. Die abgedrehte und irrwitzige »Fake-Doku« rund um die Figur des bekannten tschechischen Folklore-Sängers Jaromir Nohavica und den Songschreiber Karel Phíhal überzeugte die Festivalbesucher. Dabei ist es vor allem der schwarze Humor und die Liebe des Regisseurs zu seinen mitunter überaus skurrilen Figuren (einem im auf- und abfahrenden Aufzug spielenden Geiger, der eines Tages »entdeckt« wird), die den Film auszeichnen. Neben »Rokd'ábla« lief noch ein weiterer, leider eher enttäuschender, allzusehr der Fernsehästhetik und -erzählstruktur verschriebener tschechischer Film, »Smardi«, im Wettbewerb.

Eine andere Maßnahme, den nationalen Film zu stärken und vor allem seine Bekanntheit im Ausland zu vergrößern, wurde durch die Gründung des Czech Film Center eingeleitet. Denn leider beschränkt sich der oben beschriebene Erfolg des tschechischen Films oft nur auf den Festivaleinsatz, da die Bereitschaft ausländischer Kinoverleiher und Fernsehsender, tschechische Filme ins Programm zu nehmen, eher gering ist. Das neugegründete Informationsbüro soll vor allem ausländischen Interessierten am tschechischen Film eine Hilfestellung sein und eine zentrale Anlaufstelle bieten. Wie immer bot das Festival dem Besucher auch beste Möglichkeiten, sich über die aktuelle Kinoproduktionslandschaft Osteuropas zu informieren.

Der zweitwichtigste Preis des Festivals – der Spezialpreis der Jury – ging an Caroline Links Nirgendwo in Afrika. Allgemein war in diesem Jahr auf dem Festival eine starke deutsche Präsenz auszumachen. Im Forum of the Independents lief neben einigen Koproduktionen das KHM-Werk »Freitagnacht« – ein Episodenfilm mehrerer Kölner Filmstudenten und der Hamburger Kurzfilm »Stapelfahrer Klaus«. Aber auch im Dokumentarfilmwettbewerb (u.a. Stanislaw Muchas amüsante Spurensuchen in der Heimat des Popartisten: Absolut Warhola und Christian Bauers persönliche Spurensuche nach dem Verbleiben eines Freundes, »Missing Allen") und anderen Sektionen waren deutsche Werke zu finden. So lief Henner Wincklers gelungenes und einfühlsames Debüt über die Schrecken einer Klassenfahrt in der von dem US-amerikanischen Branchenblatt »Variety« und der European Film Promotion, einer Interessengemeinschaft nationaler Filmvertretungen, der auch das Czech Film Center beigetreten ist, organisierten Reihe als deutscher Beitrag.

Ein weiterer deutscher Film wurde aus einem traurigen Anlaß ins Programm genommen. Zu Ehren des in diesem Jahr verstorbenen großartigen Schauspielers Vlastimil Brodsky lief Frank Beyers »Jakob, der Lügner«. Brodsky gehörte zu den beliebtesten und bekanntesten tschechischen Darstellern. Bereits 1937 debütierte der 1920 geborene Brodsky und spielte in den Folgejahren bei den einflußreichsten tschechischen Regisseuren. Brodsky arbeitete bis kurz vor seinem Tode; so spielte er im letzten Jahr noch in zwei Spielfilmen. In »Babí léto« war er in der Hauptrolle als verschrobener, aber überaus liebenswürdiger Taugenichts mit leicht krimineller Ader zu sehen. Mit Brodsky verliert das tschechische Kino eines seiner prägnantesten Gesichter und einen überaus talentierten Schauspieler. 1970-01-01 01:00
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