— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

19. Kasseler Dokumentarfilm- & Videofest 2002

Kassel, 12. - 17. November 2002
 

Phänomen Kinosucht

Von Verena Joos »Bellaria – So lange wir leben«, Douglas Wolfspergers heiter-melancholische Liebeserklärung an das Kino und seine Macht, Inseln der Vergangenheit in den Strom der Gegenwart zu zaubern, eröffnete das 19. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest am 12. November. Zu Ende ging es mit »11'09''01«, dem von Alain Brigand angeregten und produzierten Kompilationsfilm, der elf Blickwinkel von elf Regisseuren auf die Ereignisse des 11. September 2001 zu einer Anthologie der individuellen künstlerischen Reflexion zusammenfaßt.

Die Selbstvergewisserung des Mediums und seines Schauplatzes und die Reaktion auf die Macht jener Katastrophenbilder, die damals in Echtzeit nahezu jeden Winkel dieser Erde durchdrangen und doch, eben durch ihre ständige Wiederholung, subkutan das Gefühl für ihre Wirklichkeit untergruben – das waren zwei thematische Schwerpunkte in diesem vielschichtigen, umfangreichen, mit überraschenden Entdeckungen gespickten Programm, das sich über sechs Tage extensiven Schauens und intensiven Diskurses erstreckte. 1520 Arbeiten aus 50 Ländern hatten sich für eine Präsentation beworben, noch nie waren es so viele, ein Indiz für das mittlerweile internationale Renommée des ambitionierten Festivals. Für 35 Dokumentarfilme sowie 207 Kurzfilme hatten sich die Organisatoren entschieden, darunter zahlreiche Welt-, Europa- und Deutschlandpremieren, präsentiert in 49 thematisch gebündelten Veranstaltungsblöcken.

Ein Angebot, das erhebliches cineastisches Durchhaltevermögen voraussetzt, wenn vielleicht auch nicht in dem Ausmaß, wie Angela Christliebs und Stephan Kjaks Cinemania es beschreibt. Der empathische Report über eine Handvoll Filmfreaks aus New York ist Menschen gewidmet, welche die Teilnahme an der Fiktionalität auf der Leinwand bei weitem höher schätzen als all das, was ihnen die Realität an Sensationen je bieten könnte. Menschen, die ihren Tagesplan nach dem Kinoprogramm, ihre Eßgewohnheiten nach der Filmlänge, ihren Wohnort nach dem Schauplatz der nächsten Fassbinder-Retrospektive ausrichten – eine erste Benennung und Sichtung des Phänomens »Kino-Sucht«, bestechend bizarr durch die eigensinnige Insistenz auf dem falschen Leben im richtigen.

Aber was ist schon das falsche Leben, was das richtige? Längst ist der Dokumentarfilm von seinem Anspruch abgekommen, die Wirklichkeit so abzubilden, wie sie nun einmal ist. Längst steht die Perspektivität, der subjektive, der nicht wissende, sondern fragende Blick, steht die Fragmentierung des allzu Komplexen oder, im Umkehrschritt, die Zusammenschau des disparat Erscheinenden als erweitertes Instrumentarium der Bestandsaufnahme zur Verfügung. Irmhild Scheuer, Wieland Höhne und Gerhard Wissner, die Gestalter, haben sich in der langen Tradition dieses Festivals zu veritablen »Goldsuchern« im Bereich neuer Medien und Ausdrucksformen entwickelt. Sie setzen auf Innovation, ohne jemals die Tuchfühlung zum Zuschauer zu verlieren. Ihr Festival ist in hohem Maße ein Publikumsfest.

Zur Publikumswirksamkeit trägt auch ein weiterer Schwerpunkt bei: die Förderung des regionalen Filmschaffens, der seit letztem Jahr die Verleihung des mit 2500 Euro dotierten Goldenen Herkules neue Impulse verleiht. Diesjähriger Preisträger ist Christoph Steinau, Absolvent der Filmabteilung an der Kasseler Kunsthochschule. Die Jury entschied sich für seinen Spielfilm »Kommt alles anders«, eine absurde nächtliche Komödie über Beziehungschaos und den Traum vom geordneten Leben. Kein Dokumentarfilm – der Goldene Herkules schlägt bewußt die Brücke zwischen dem Fiktionalen und dem Dokumentarischen – aber zweifellos ein frühes Meisterwerk.

Ein weiterer Preis feierte dieses Jahr Premiere: der Goldene Schlüssel, ebenfalls mit 2500 Euro dotiert, eine Auszeichnung für die beste dokumentarische Nachwuchsarbeit. Der Kasseler Filmemacher Klaus Stern nahm ihn entgegen, für seine exzellente Dokumentation »Andreas Baader – Der Staatsfeind«, die materialreiche, exzellent recherchierte, respektvolle Demontage eines Mythos. Das Werkleitz-Stipendium, ein Projekt-Stipendium in Form von Technikbereitstellung und Sachleistungen im Wert von 3000 Euro, ging an Q von Oliver Husain, eine verblüffende Verknüpfung realer und virtueller Welten. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap