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22. Kasseler Dokumentarfilm- & Videofest 2005

Kassel, 8. - 13. November 2005
»Celebration« von Quirine Racké und Helena Muskens

Begegnung der Formen

Von Marcel Schwierin Im vielfältigen deutschen Festivalzirkus bedarf es einer Besonderheit, um nicht in der schieren Masse unterzugehen. Das Dokumentarfilm- und Videofest Kassel hat die Grundlagen dafür schon 1989 mit der Zulassung der damals als minderwertig geltenden Videoformate gelegt. Neben dem rein technischen Format öffnete sich das Festival so auch der relativ neuen Gattung der Videokunst. Jetzt, da fiktiv-künstlerische Formen im Dokumentarfilm ebenso Einzug halten wie umgekehrt dokumentarische im Kunstbetrieb, erweist sich diese Entscheidung als vorausschauender Glücksgriff: Das Festival ist zu einer Nahtstelle der Gattungen geworden. Aber auch im Auswahlverfahren verfolgt Kassel eigenen Wege. Aus den inzwischen über 2.000 Einreichungen werden nicht nur die »besten« zweier Jahrgänge herausgesucht, sondern alle Programme nach Themen kuratiert. Im Zweifelsfall muß auch eine qualitativ präferierte Arbeit einer passenderen weichen.

In diesem Jahr widmeten sich besonders viele Arbeiten der Frage nach sozialen Räumen: Wie organisieren sich gesellschaftliche Gruppen, wie versuchen sie in der globalisierten Welt und ihrer sozialen Kälte Räume von Identität zu schaffen? Der von den Künstlern Ursula Hansbauer und Wolfgang Konrad und dem Dokumentarfilmer Ascan Breuer geschaffene »Forst« beschreibt die Situation in einem ostdeutschen Flüchtlingsheim. Nicht die Heimbewohner, sondern der sie umgebende Wald wird gezeigt, Bilder zwischen einsperrender Unwegsamkeit und deutscher Romantik. Aus dem Off erzählen Heimbewohner ihre Geschichten von Resignation und Aufbegehren. Die Künstlichkeit der realen Zwangs-situation spiegelt sich in der Form des Filmes, die oft behauptete Wahrheitsvermittlung durch Zeugen-Interviews löst sich im Inszenierten auf – was zu intensiven Diskussionen führte.

Noch künstlicher wirkt die verkitschte Welt des Disneyschen Idealstädtchens »Celebration« in dem Dokumentarfilm der holländischen Künstlerinnen Quirine Racké und Helena Muskens. So wie die sozial Ungewollten in »Forst« eingesperrt werden, so werden sie in »Celebration« ausgesperrt, nur das Gute und Schöne soll hier wohnen. Im Ergebnis jedoch scheint der Unterschied zwischen Ein- und Aussperren erstaunlich gering, beides führt zu ohnmächtiger Verarmung des Lebens. Davon kann in »Jerusalem My Love« keine Rede sein: In einer persönlichen Religionssuche porträtiert Jeppe Rønde die chaotische Vielfalt religiöser Angebote und schafft so Verbindungslinien zwischen denen, die sich eigentlich so feindlich gegenüberstehen. 1970-01-01 01:00
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