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43. Filmfestival Krakau 2003

28. Mai - 1. Juni 2003

Von Korkköpfen und Nachtwandlern

Von Oliver Baumgarten Ein solch traditions- und vor allem extrem umfangreiches Internationales Kurzfilmfestival wie in Krakau, das alleine 105 Wettbewerbsbeiträge projizierte, beweist stets am eindrucksvollsten das eigentlich spannende Moment von Kurzfilmprogrammen: das Nebeneinander von scheinbar Unvereinbarem. Erst recht, wenn innerhalb eines Blocks nicht nur Gattungen, Stile und Kulturen rotieren, sondern wenn ein Festival sich entscheidet, Filme und Videos bis zu einer Länge von 60 Minuten zu akzeptieren. Dann nämlich treffen Filme aufeinander wie »The Stone of Folley«, »The Stares of Phenomenology« und »My Town«. Alle drei grandios in ihrer Sparte, und doch trennen sie Welten voneinander.

Der erste, »The Stone of Folley«, schickt liebevoll animierte Korkköpfe mit Stecknadelaugen durch ein Sanatorium, das zwar eher an eine Folterkammer erinnert, wo den Figuren aber der Grund ihrer kompletten Verblödung aus dem Hirn entfernt wird: ein kleiner Stein, der – kaum zerrieben – den Neugeborenen mit der Milch am Ende wieder zugeführt wird. Jesse Rosensweets Achtminüter aus Kanada sprüht vor Einfällen und schrägem Witz, dem Besten also, was einer Animation passieren kann.

Der zweite Film, Dmitri Sidorovs »The Stares of Phenomenology«, Gewinner des FIPRESCI-Preises, brilliert in der Sparte Found-Footage-Essay. Sidorovs Suche nach einer Bedeutung des Kamerablicks trägt dank der poetischen Stimmung, die sich besonders in der Beharrlichkeit manifestiert, mit der Sidorov den erwiderten Blick zufälliger Passanten in Archivaufnahmen aufspürt, selbst 52 Minuten. In vollen 60 Minuten gelungener Komposition erzählt der Pole Marek Lechki schließlich in »My Town« die Geschichte eines Jugendlichen und seiner vor Resignation paralysierten kleinstädtischen Umwelt. Noch einzig aktiv: die alte Generation in Person eines Nachbarn, der der Tante nachsteigt. Polens EU-Aufbruch 2004 scheint hier in weiter Ferne – wenn in »My Town« etwas aufbricht, dann höchstens der Onkel. Den Safe nämlich.

Jeder der drei für sich eine kleine Wonne, zusammengebracht auf einem Festival, das – auch in den Sonderprogrammen – diese Ambivalenz zu einem Ort kritischer Auseinandersetzung kultiviert hat. 1970-01-01 01:00
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