— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

23. Internationales Kurzfilmfestival Hamburg 2007

6.-11. Juni 2007
»This is my Land« von Ben Rivers gewann den No Budget-Wettbewerb in Hamburg

Einstellungssache

Von Oliver Baumgarten Das Herz des 23. Internationalen Kurzfilmfestivals Hamburg (6.-11. Juni) bildet der No Budget-Wettbewerb, und der hatte in seinem spannenden Allerlei 2007 vor allem eines zu bieten: sechs wunderbare One Shot-Filme.

Gewonnen hat den No Budget-Wettbewerb, die älteste und traditionsreichste Sektion des Festivals, »This Is My Land« von Ben Rivers, ein sensibles Einsiedlerporträt, gedreht und in Hamburg vorgeführt auf schwarzweißem 16mm-Material und komponiert in assoziativen Aufnahmen aus dem Leben eines zurückgezogen lebenden Mannes. Ein trotz gewisser Schüchternheit sehr erwachsenes Werk mit eigener Stimme und persönlicher Note.

Das Schöne am No Budget-Wettbewerb ist, daß den dort hineinkuratierten Filmen fast sämtlich die Lust am Experiment anhaftet, daß sie im Vergleich zum konventionellen Film gerne auch einmal etwas Unfertiges haben und daß ihre Ecken und Kanten eben gerade nicht dem fehlenden Budget geschuldet sind, sondern klaren Entscheidungen. 42 unabhängige und komplett unterschiedliche Filme konkurrierten im Programm, wovon sechs zumindest eine charmante formale Gemeinsamkeit hatten: Sie bestanden aus nur einer Einstellung. Gerade im Bereich des Kurzfilms stellt diese formale Ausprägung keine Seltenheit dar, interessant war vielmehr zu sehen, wie unterschiedlich diese Spielerei nutzbar zu machen ist.

Zum Beispiel als Versuchsanordnung: Der belgische Zwölfminüter »Opwarming« etwa präsentiert drei hängende Glühbirnen, die offensichtlich zuvor jeweils in ein Eimerchen Wasser getaucht und dergestalt in den Gefrierschrank verstaut wurden. Nun haftet je ein Klumpen Eis an ihnen, die natürlich rapide zu schmelzen beginnen, sobald die Birnen ans Netz genommen werden. Ein zuhöchst simpler, aber nicht effektloser Kommentar der Filmemacherin Karolientje Coppens zum Klimawandel. Eine andere, weitaus anarchischere Versuchsanordnung stellt Corinna Schnitts schon etwas älterer Film »Once Upon a Time« dar. 25 Minuten lang kreist eine Kamera langsam und mechanisch in der Mitte eines Wohnzimmers, durch das nun vom Kaninchen bis zur Milchkuh alle denkbaren Nutz- und Haustiere getrieben werden, die natürlich ein heilloses Chaos hinterlassen. Ein großer Spaß und ein weiterer Beleg dafür, daß Haustiere überraschenderweise ganz entgegen ihres Namens den Respekt vor dem Eigenheim komplett missen lassen.

Eine zweite Kategorie der One Shot-Filme war die wohl denkbar einleuchtendste:- Sie bestehen nur aus einer Einstellung, weil sie gar nicht mehr zu sagen haben. Wie ein kurzer Hauptsatz mit Subjekt und Prädikat oder wie die -ersten Filme 1895 im Berliner Wintergarten: Ein Känguruh boxt. Ein Paar tanzt. In Dagie Brunderts »Kleinigkeiten, die im öden Straßenverkehr die Laune aufpeppen« ist eine Ampel zu sehen, sie zeigt Rot an. Irgendwann schaltet sich Gelb dazu, und die auf die Lampe gemalten Umrisse eines Smileys lächeln den Betrachter für eine Sekunde lang an. Das war's. Oder Stefan Möckels Found Footage-Beitrag, ein Streifen Super8-Material, den er auf dem Flohmarkt erworben hatte: Ein alkoholseliges Kneipenfest in den 1970ern, eine Rentnerin im luftigen Rock wird mit verbundenen Augen und gespreizten Beinen über ein am Boden liegendes Handtuch geführt. Dahinter bleibt sie stehen, und während man ihr die Augenbinde abnimmt, legt sich hinter ihr schnell ein Mann rücklings auf das Handtuch. Die Rentnerin dreht sich um, wendet sich angewidert ab, während das Lokal vor Lachen tobt. In die Richtung Jahrmarktfilm bewegt sich auch Ulrich Seidls 70-Sekunden-Beitrag zum Mozartjahr: Schwarzbild, dazu tönt es »Brüder, laßt uns lustig sein« aus Mozarts »Zaide«. Dann Aufblende auf zwei tätowierte Schnauzbärtige mit Bierbauch, die sich nackt auf zwei Sofas gegenübersitzen und mit eher gelangweiltem Blick in die Kamera onanieren.

Der belgische Regisseur Robbrecht Desmet schließlich nutzt in seinem Kurzfilm »SEIT:ZEIT« die Möglichkeiten des One Shot-Films, wie man es vielleicht am ehesten erwarten würde: sportlich. Über knapp 19 Minuten hinweg verfolgt die Steadycam einen Mann, wie er sehr langsam und in leicht unnatürlichen Bewegungen einen Wald durchquert. Das Zwielicht der Dämmerung, der eigenwillig eingesetzte Sound und die kühlen Aufeinandertreffen mit Fremden erzeugen eine dichte unwirkliche und unheimliche Atmosphäre, die mit großer Intensität auf das Innere des filmischen Ichs verweist.
Zwischen simplem Quickie und komplexem Konstrukt: Der One Shot-Film ist so vielseitig wie der Kurzfilm generell – das ist nichts Neues, aber in einer solch stringenten Konkurrenz wie in Hamburg eine immer wieder nette Feststellung. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap