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60. Internationales Filmfestival von Locarno

01.-11.08.2007
Bild: Ulrich Ziemons

It’s all about go go, not cry cry

Von Natascha Frankenberg, André Weßel Wenig melancholisch blickt das 60. internationale Filmfestival von Locarno auf die eigene Geschichte zurück.

Allabendlich feiern auf der Piazza Grande im Herzen der Stadt fast 8.000 Menschen das Kino. Film ist auf der Piazza körperliches Erleben: Bei Vino und Pizza statt Popcorn und Cola wird unter freiem Himmel vor Schreck gezittert und geschrien, lauthals gelacht und frenetisch gejubelt. Zur Vorführung kommen hier zur Prime Time publikumsträchtige Blockbuster wie Planet Terror von Robert Rodriguez, eine Zeitreise in das 70er-Jahre Grindhouse-Kino, das schrill-bunte Musical-Remake Hairspray mit John Travolta, die nervenzerreißende Stephen-King-Verfilmung »1408« oder auch der letztendliche Gewinner des Publikumspreises, die überbordende schwarze Komödie Death at a Funeral vom britischen Regisseur Frank Oz. Das Publikum zelebriert das Kino als Event, wie man es andernorts nur noch selten findet. Sind Festivals die Refugien, an denen eine Kino- und Filmkultur lebendig bleibt, die so in ihrer Breite und Vielfalt in den Multiplexpalästen und wenigen Programmkinos nicht mehr zu finden ist?

Zum 60-jährigen Jubiläum beschäftigte man sich in Locarno mit der Zukunft und der Vergangenheit des Kinos. Wenig allerdings blickte das Festival auf die eigene Geschichte zurück. Die Retrospektive »Back to Locarno« lud Preisträger aus früheren Jahren dazu ein, ihre Filme noch einmal den Weg auf die Leinwand finden zu lassen, dies jedoch in einem Umfang, der verschwindend gering war und unterzugehen drohte im Kontext der weiteren Sektionen. Das Grand-Hotel der Stadt, einst Keimzelle und pulsierendes Zentrum des Festivals, wartet als Ort der Geister verlassen auf Restaurierung oder Abriß.

Insgesamt 338 Dokumentar-, Kurz- und Langspielfilme aus über dreißig Ländern wurden beim Jubiläumsfestival ca. 186.000 Besuchern gezeigt, darunter – wie der zum zweiten Male wirkende künstlerische Leiter Frédéric Maire stolz betonte – zwanzig Erstlingswerke und ebenso viele Filme von Regisseurinnen. Letztere Zahl könnte in einer anderen Lesart auch als Zeichen dafür gewertet werden, daß Frauen immer noch viel zu selten auf dem Regiestuhl sitzen.

Neben den Wettbewerbsfilmen und dem Spektakel auf der Piazza wartete die Sektion »Play Forward« mit kunstvollen Experimentalfilmen auf, widmete sich »Open Doors« in diesem Jahr dem Mashrek-Kino aus dem Nahen und Mittleren Osten, bejubelte »Signore & Signore« die großen italienischen Filmdiven und gab »Ici & Ailleurs« Einblicke in Werke, die sich kritisch mit Politik und Gesellschaft, der Gegenwartskunst oder dem Wesen des Films auseinandersetzen.

Durchaus präsent zeigte sich auch die deutsche Filmemacher-Riege, allen voran Ulrike von Ribbeck, die mit »Früher oder später« ein kontroverses Drama zum internationalen Wettbewerb beisteuerte. Darin droht die 14-jährige Nora, gespielt von der gleichaltrigen Lola Klamroth, in einer Pubertätskrise an ihrem Gefühlschaos und den gespannten Familienverhältnissen zu zerbrechen. Ihre erste Liebe ist der 40-jährige neue Nachbar, der der Faszination des jungen Mädchens erliegt. Der Film selbst inszeniert Nora zwischen verträumtem Kind und verführerischer Lolita. Doch wie auch der zweite hoch gehandelte Film Nichts als Gespenster von Martin Gypkens, eine Studie über die Verlorenheit der Generation X nach einer Romanvorlage von Judith Herrmann, blieb von Ribbecks Beitrag am Ende ohne Auszeichnung.

Als besten Film prämierte die international besetzte Jury, darunter auch der deutsche Regisseur Romuald Karmakar ("Der Totmacher"), »Ai no Yokan– The Rebirth« von Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Masahiro Kobayashi aus Japan mit dem mit 60.000 Euro dotierten Goldenen Leoparden. Der über weite Strecken gänzlich ohne Gesprächs- oder Geräuschkulisse auskommende Film erzählt nach einer wahren Begebenheit von der Flucht zweier Menschen, die ihre Töchter durch einen Mord verlieren, den die eine an der anderen begeht. Halt versuchen die Protagonisten in einem Leben zu finden, das von alltäglicher Routine und Einsamkeit beherrscht wird, was Kobayashi dem Zuschauer eindrucksvoll in wenigen, immer und immer wiederkehrenden Handlungssequenzen, die sich nur in Nuancen voneinander unterscheiden, zu transportieren weiß. Er konditioniert den Zuschauer darauf, sich über kleinste Veränderungen zu freuen, mit denen er die Hoffnung weckt, die beiden Hauptfiguren könnten bald ihrer Lethargie entkommen und so die Monotonie durchbrechen. Genau hier findet sich eine Stärke des Festivals wieder: Sehgewohnheiten zu hinterfragen, der Wiederholung mit der Wiederholung Einhalt zu gebieten und einen Film zu würdigen, der den Weg ins europäische Kino wohl nicht finden wird – ein Schicksal, das er vermutlich mit den meisten anderen Wettbewerbsbeiträgen teilt, die fernab der Piazza Grande gezeigt wurden.

Unter dem Zeichen des Leoparden wird in Locarno sichtbar, daß Festivals heute der Hort der Filmvielfalt geworden sind. Jedoch, wenn das gelb-schwarze Raubtier die Leinwand vor Beginn eines jeden Films langsam und geschmeidig durchschreitet, dann scheint es gefangen wie Rilkes Panther, und es wird klar: Es dreht sich im und für den allerkleinsten Kreise. 2007-10-22 13:58
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