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24. Internationales Filmfestival Moskau 2002

Moskau, 21. - 30. Juni 2002

Besinnung auf die eigenen Wurzeln

Von Nikolaj Nikitin Mit dem Abschlußfilm des 24. Internationalen Filmfestivals Moskau, »Femme fatale«, kehrt Brian De Palma zur alten Form zurück und zeigt, wofür er einst bekannt und geschätzt wurde: einen hintergründigen und verwirrenden Psychothriller. Der Eröffnungsfilm 8 Frauen zollte hingegen dem klassischen französischen Unterhaltungsfilm Tribut und vereint erstmals die zwei Grandes Dames Deneuve & Ardant. Daß sich allgemein recht viel im russischen Film bewegt, gerade was die jüngere Generation anbetrifft, zeigte nicht nur die starke Präsenz im Wettbewerb, sondern auch in Nebenreihen, die ausschließlich einheimischen Produktionen gewidmet waren.

Rebecca Romijn-Stamos als Femme fatale, die unterkühlte Blonde, die Antonio Banderas überzeugend den Kopf verdreht und sich die Tradition der Femme fatale aus den Films noirs zu eigen macht. Dabei bietet ihr vor allem das ausgeklügelte Drehbuch viele Möglichkeiten, verschiedene Facetten ihrer selbst zu zeigen. Daß dies visuell stets auf höchst professionellem Niveau passiert, die Kamera selten ruht und uns mit einfallsreichen Perspektiven beglückt, wundert bei Thierry Arbogast, der hier hervorragend in Form ist, nicht. Nach in letzter Zeit eher enttäuschenden, wenn auch recht aufwendigen Filmen, erinnert dieser an die Werke De Palmas aus den 70ern. Wahrscheinlich gerade deswegen wirkt der Film etwas unzeitgemäß mit seinen Figuren und der Handlungsstruktur, bietet dafür aber gehobene und kurzweilige Genreunterhaltung. De Palma hatte sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, daß er bekannte Filme oder Filmemacher appropriierte, sprich sich ihren Stil aneignete oder bestimmte Szenen in sein eigenes Handlungsgerüst übertrug (so die bekannte Treppenszene aus dem »Potemkin« in seiner Version von Elliot Ness' Jagd auf Capone) – im Falle des neuen De Palma ließe sich sagen, daß er bereits sich selber appropriiert und Filme wie »Sisters« oder »Body Double« reflektiert, zitiert und paraphrasiert – seine Art der Appropriation. Dies könnte der Anfang vom Ende sein, wenn er im Sich-selbst-zitieren hängenbleibt, oder eben ein neuer Anfang, indem er diese Strategie auf den Höhepunkt treibt, sie beendet und sich was Neues einfallen läßt. Wünschenswert wäre es, und das Talent dafür besitzt er ebenfalls.

Reich an Talent war auch immer schon Kira Miratova, die mit ihrem neuen Film »Tschechovs Motive« beweist, daß sie zu den ganz großen Regisseurinnen unserer Zeit gehört. Der Film strotzt nur so von wunderschönen, poetischen Bildern und einem herrlichen Humor. Für den Wettbewerb in Moskau war dieser Film ein wahrer Glücksfall. Bedauerlicherweise wurde das intelligente s/w-Werk nach Vorlagen des berühmten russischen Literaten bei der Vergabe der Preise nicht berücksichtigt – im Gegensatz zu einem weiteren russischen Film des Programmes: »Kukuschka« von Alexander Rogoschkin (bei uns mit »Blokpost« und »Die Besonderheiten der russischen Jagd« bekannt).

Überhaupt scheint es momentan bei den A-Festivals in Mode zu sein, einheimische Produktionen zu unterstützen. So wie De Palma sich selbst »wiederentdeckt« hat, bekommt der Festivaltourist das Gefühl, daß es auch im eigenen Lande eine Filmkultur gibt. Was in der Vergangenheit stets nur in Cannes der Fall war, daß mehrere einheimische Filme im Wettbewerb waren, legte in diesem Jahr die Berlinale vor und nahm vier deutsche Filme in den Wettbewerb, Moskau legte nach und nahm neben zwei rein russischen ("Kukuschka« und das Debüt »Die Einsamkeit des Blutes"), eine russisch-ukrainische ("Tschechovs Motive") und eine estnisch-russisch-deutsch-tschechische Produktion ("Das Herz des Bärens") in den Wettbewerb (im letzten Jahr hatte keine einzige Produktion diesen Sprung geschafft), Karlovy Vary hatte zwei tschechische und Venedig drei italienische Filme. Hoffentlich hält dieser Trend an und motiviert seinerseits auch einheimische Filmemacher, Projekte zu realisieren, die nicht nur in der eigenen Kultur verstanden werden, sondern grenzübergreifend funktionieren, denn nur solche Werke können in Wettbewerben internationaler Festivals zu recht aufgeführt werden. 1970-01-01 01:00
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