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18. Filmfest München 2000

München, 2000
 

Familiengrab

Von Oliver Baumgarten Nicht selten sind die Independent-Produktionen auf Festivals die erfrischendsten Ereignisse, um die herum Ulla Rapp in München seit Jahren eine eigene Sektion einrichtete. In diesem Jahr fanden sich zudem spannende Indies in zwei weiteren Reihen, der deutschen und der internationalen.

Der diesjährige Gewinner des Slamdance-Festivals beschäftigt sich mit dem Thema »Familie« – für sich besehen kein allzu ausgefallenes Problemfeld, betrachtet man sich das Gros der letzten Hollywood-Erfolge von »American Beauty« bis The Patriot. Doch, bezeichnend für das junge Offkino aus den USA, wird nicht der Zerfall der Familie beklagt, denn dieser ist schon längst akzeptiert. Der Zerfall ist vielmehr Ausgangspunkt für den Film.

Als weiterer Unterschied zu Mainstream wie Happiness oder »The Icestorm« spielt »Good Housekeeping« zudem jenseits der gutbürgerlichen Bevölkerungsschicht. Seine Figuren entstammen einem Kreis von sozial Schwachen, die all ihre Wut nach innen richten. Hier bildet Familie keinen Schutzwall vor Angriffen von außen, hier wird innerhalb der Mauern Krieg geführt. Kein Rosenkrieg etwa, mehr ein Separationskrieg der atomaren Art. Während der Mann hinter der hochgezogenen Mauer im Haus auf seiner Hälfte wilde Parties mit debilen Kumpels feiert, lebt die Frau auf der anderen Seite ihre lesbische Neigung aus. Sie schachern um ihr Kind, demolieren gegenseitig ihr Eigentum und verletzen einander, wo es nur geht. In sarkastischem Grundton treibt Regisseur Frank Novak seine pöbelnde Familie zu Höchstleistungen der Verachtung und hinterläßt bei aller Häme eine deprimierende Definition vom Zustand in unser aller Zuhause.

Auch Schlachter Tex haßt seine Frau, fackelt nicht lange und hackt sie in Stücke. Als er sie verscharren will, verliert er aus Versehen eine ihrer Hände. Eine blinde Frau stolpert über die Hand, kann plötzlich wieder sehen und beschließt, die Hand fortan als die der heiligen Maria anzusehen. Picking Up the Pieces heißt diese Groteske und lief in der Internationalen Reihe. Ist der Plot schon irre, so gelingt es Regisseur Alfonso Arau diesen mit seiner exotischen Besetzung noch zu toppen: Den texanischen Schlachter spielt Woody Allen, der mit seinem Cowboy-Hut in den Weiten der Steppe einen herrlich überkandidelten Landneurotiker performt, der – entsprechend seiner Kunstfigur – nicht an Wunder glauben kann, weil sie seine persönlichen Probleme schließlich nur verschlimmern. Ihm zur Seite stehen Sharon Stone, Elliot Gould, Cheech Marin und Kiefer Sutherland. Auch wenn dem Film sein Low Budget technisch hin und wieder anzusehen ist, versteht er dank der nicht zu haltenden Darsteller und der absurden Wunder-Reflexion, bestens zu amüsieren.

Ein Highlight des Filmfestes versteckte sich mit Dito Tsintsadzes Lost Killers in der Deutschen Reihe. Formal dem neuen europäischen Realismus verwandt, konzentriert er sich auf die Einwanderer-Szene in Mannheim und schildert in episodischem Stil Überlebensstrategien unterschiedlicher Menschen. Zimperlich geht er mit seinen Figuren nicht um, aber Tsintsadze liebt sie, und der Zuschauer tut es ihm gleich. Schon am Beginn, wenn Branko und Merab – so absurd, daß sie es selbst kaum glauben – einen Killer-Auftrag ausführen sollen und in einer brillanten Handkamera-Plansequenz von Benedikt Neuenfels minutenlang beim Herauswinden verfolgt werden, schmiegt sich der Zuschauer in die Welt der Figuren und ihren gekonnten Wechsel zwischen Komik und Tragik. Dank eines starken Drehbuchs, des visuellen Konzepts und intensiver Darsteller einer der außergewöhnlichsten deutschen Filme des Jahres und ein Independent, der ob seiner Persönlichkeit keinen Vergleich scheuen muß. 1970-01-01 01:00
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