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19. Filmfest München 2001

München, 30. Juni - 7. Juli 2001

Lovely Anam

Von Oliver Baumgarten Das Filmfest München mit seinen zahlreichen Sektionen bot einen gewohnt reichhaltigen Querschnitt des gepflegten Weltkinos. Neben den jährlich aufs Neue begeisternden amerikanischen Indies und dem fast schon traditionellen Fokus auf Südamerika überraschte in diesem Jahr allerdings besonders die deutsche Reihe, aus der Filme wie Lammbock oder Mondscheintarif bereits im Kino zu sehen sind, andere einen Verleih erst noch finden müssen.

Die Hoffnung auf eine respektable Ausbeute des deutschen Films in diesem Jahr ist berechtigt, betrachtet man beispielsweise Lovely Rita von Jessica Hausner, ein in Buch und Inszenierung kompromißloses Porträt eines Mädchens aus der österreichischen Provinz. In der Plot-Radikalität an Michael Hanekes »Bennys Video« und »Funny Games« erinnernd, entwirft Hausner mit enormer Stilsicherheit das bedrückende Bild einer Außenseiterin, die gegen alle Widerstände versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Doch das Spießbürgertum ihrer Eltern und das Leistungssystem in der Schule setzt ihr Grenzen, die zu überwinden nur durch Ungeheuerliches möglich scheint. Ritas Selbstschutz richtet sich im Affekt der Beiläufigkeit aggressiv nach außen – eine filmisch und erzählerisch konsequente Studie, die ihren Weg in die Kinos absolut verdient hätte.

Zu einem Publikumsliebling sowohl auf dem Filmfest in München als auch in Oldenburg entwickelte sich Anam von Buket Alakus. Der Hamburgerin gelingt in ihrem Langfilmdebüt Unglaubliches: Sie verwebt die Drogenproblematik mit emanzipatorischen Ansätzen, thematisiert mit verblüffender Leichtigkeit unaufgesetzt Fragen der Ausländerintegration, setzt diesem Strukturen des Sozialdramas hinzu und vermag es dann auch noch, all diese Ingredienzen mit großem Humor und ehrlichen Gefühlen zu erzählen. Diese Leichtigkeit und Natürlichkeit ist wahrhaft verblüffend und resultiert auf weiten Strecken aus Buket Alakus' Gespür für die ausgeglichen dosierte Emotionalität von Momenten. All die beschriebenen Themen ohne Pathos oder falsches Trara zu inszenieren, dazu bedarf es neben empathischer und kinematographischer Kompetenz verstärkt auch der Unterstützung der Darsteller. Hier ist besonders die fabelhafte Hauptdarstellerin Nursel Köse zu nennen, die mit entwaffnender Präsenz die liebenswerte Figur der Anam derart eindrücklich kreiert, daß deren Ausstrahlung noch lange nachwirkt. Ein Erlebnis, auf das es sich zu freuen lohnt.

Dann aber gab es eine Vorstellung in München, die entwickelte sich – nicht gänzlich unerwartet – zu einer Trauerfeier, und es paßte gut, daß die entsprechende Klientel ohnehin in Schwarz gekleidet war. Zu Grabe trug sich selbst eine Ikone des intellektuellen Autorenfilms, deren spätes Werk »Éloge de l'amour« als ärmlicher Versuch einer Rekonstruktion ihrer selbst ausfiel. Jean-Luc Godard erzählt von einem Filmemacher, der für seinen Film, eine »Ode an die Liebe«, recherchiert und erzählt doch in erster Linie von sich. Einen letzten großen Wurf vorgebend, hinterläßt der ermüdende und langweilige Film den Geschmack von Jahrzehnte alter Herrenschokolade und abgestandenem Zigarrenrauch.

Viele bunte Smarties hingegen, um dieses Bild überzustrapazieren, produziert seit jeher Tom DiCillo, und auch sein neues Werk »Double Whammy«, das in der American Independents-Reihe lief, ist ein flotter Entertainer, frech, bunt und bar jeglichen Tiefgangs. Ober-Smarty Denis Leary spielt einen Cop, dem der Hexenschuß ausgerechnet in dem Moment in den Rücken fährt, als ein Gauner einen Schnellimbiß überfällt. Da er sich nicht rühren kann, bemächtigt sich ein bebrillter Junge seiner Kanone und macht dem Verbrecher den Garaus. Die (Rücken-/Psycho)Therapie übernimmt mit Elizabeth Hurley die Koproduzentin des Films, der zwar im Vergleich zu DiCillos Vorläufer »The Real Blonde« etwas abfällt, aber dennoch den typischen Biß und die sprichwörtliche Leichtigkeit nicht vermissen läßt. 1970-01-01 01:00
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