— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

16. internationales Dokumentarfilmfestival München 2001

München, 27. April - 6. Mai 2001

Menschen, Tiere, Sensationen

Von Alexander Schwarz Ausgelöst durch den Rücktritt Gudrun Geyers, Mitbegründerin und Gestalterin des Festivals über 16 Jahre, überschattete die Diskussion über sein Weiterbestehen das Festival in diesem Jahr. Es wird schwer werden, eine Nachfolge zu finden, die unter ähnlich selbstausbeuterischen Bedingungen arbeiten will und mit dem vergleichsweise geringen Budget das renommierte Festival am Leben erhalten kann.

Initiativen zur Rettung liefen im Hintergrund, man hörte Lippen-bekenntnisse des Stadtrats - und nebenbei entstand das jährliche »Wunder« eines Festivals mit über 200 Filmen: Wie immer eine interessante Mischung des »Blicks in die Welt« bis zur traditionellen Leistungsschau neuer Filme aus Bayern.

Tierfilme haben seit Jahrzehnten im Fernsehen feste und prominente Sendeplätze. Sie stehen oft für große Budgets, technische Innovation des Filmemachens und Publikumserfolg – und doch bei den Festivals und in der Szene zu Unrecht eher am Rande. Deshalb eine mutige und verdienstvolle Entscheidung: die Retro »Das Tier im Blick« – ein historischer, methodischer und thematischer Bilderbogen von Alfred Machin und Jean Painlevé über Ulrich Schultz, Hans Schomburgk, Hans Hass, Bernhard Grzimek, Horst Stern, Heinz Sielmann bis zu den Foster-Brüdern und Mikrokosmos.

Ein »Tierfilm« gewann auch den Hauptpreis: De droom van de beer des Niederländers Cherry Duyns über den exsowjetischen Staatszirkus aus Moskau und seinen Niedergang. Dabei war weniger die Tatsache überraschend, daß der Zirkus jahrzehntelang als Propagandainstrument diente – und mit seinen großartigen Artisten auch enorm beliebt war. Duyns lagen vielmehr die Wehmut über die schwindende Bedeutung, das Aussterben der Künstlerfamilien und der tierischen und menschlichen Schicksale hinter dieser perfekten »Showmaschine« am Herzen. Die Juryentscheidung war eher themenorientiert und ignorierte die sehr konventionelle Machart des Films. Hier zeigte sich wieder einmal das Dilemma vieler Doku-Festivals und ihrer Juroren, mit einer großen Bandbreite von Stilen und vor allem nicht vergleichbaren Genres des Nicht-Fiktionalen umgehen zu müssen. Vielleicht wird man irgendwann die nötige Konsequenz daraus ziehen und zumindest die essayistischen und experimentellen Formen mit eigenen Kategorien und Preisen versehen.

Auch das offensichtliche Kalkül der Jury, keine Filme zu prämieren, die prestigeträchtigere Preise anderswo bekommen könnten oder von arrivierten Stars der Doku-Szene stammen, ist so nachvollziehbar wie ungerecht. Unter den »Opfern«: Thomas Riedelsheimer mit seinem wunderbaren, präzisen und stilsicheren Porträt des schottischen Land Art-Künstlers Andy Goldsworthy, Rivers and Tides. Die radikale Machart des Films, die dem Zuschauer Geduld abverlangt und die Wahrnehmung filmischer Mittel und der Kunstwerke selbst schärft, ist kompromißlos, Fred Friths Filmmusik wie immer ein Genuß – und es steht zu hoffen, daß demnächst Riedelsheimers Talent und Ausdauer mit einem großen Preis belohnt werden.

Eine sehr sorgfältige Arbeit, überzeugend in ihrer ästhetischen und dramaturgischen Machart, packend durch die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin ist Clarissa Ruges A Woman and a Half – Hildegard Knef. Der Film entschädigt für so manche der schnell zusammengezimmerten oder klischeebeladenen Porträts über Filmstars. Während einer Atlantiküberquerung auf einem Luxusdampfer gelingt es der Filmemacherin, sich der 75jährigen »Unnahbaren« anzunähern. Eine Unmenge von Themen, Erinnerungen, Assoziationen, Ausschnitten, Impressionen ziehen den Zuschauer in den Bann. Und mit wunderbarem Gespür für Rhythmus gibt der Film dem Zuschauer genug Zeit, sich darauf einzulassen und mit der Knef zusammen ihr faszinierendes Leben und ihre Filme, mit Glamour und Tränen, ohne Beschönigung und Verbitterung neu zu entdecken. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap