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20. Filmfest München 2002

München, 29. Juni - 6. Juli 2002
 

Vatertage

Von Oliver Baumgarten Auch Ulla Rapp, Leiterin der US-Independent-Reihe auf dem Filmfest München, hat natürlich in der Zusammenstellung ihrer Sektion unter den im Artikel zum Filmfest Oldenburg 2002 angedeuteten Problemen zu leiden. Trotzdem trieb auch sie noch wahrlich Erfreuliches auf, und selbst die nicht selten problematische Deutsche Reihe ließ sich qualitativ nicht lumpen – allen voran Dani Levy, dessen Väter fraglos die uneingeschränkte Krönung seines bisherigen Werkes markiert.

Daß es zum Vatersein mehr bedarf als nur einen guten Job zu haben, das lernt Dani Levys Hauptfigur recht schnell. Und damit hat er Frank schon einmal eine Menge voraus. Der hat nämlich nicht mal einen Job, dafür neben krimineller Energie auch noch ein ordentliches Temperament, mit dem er seiner 13jährigen Tochter Lilli kräftig zusetzt. Als diese schwanger wird, erschießt er ihren vermeintlichen Freund. Daß der Vater jedoch sein bester Kumpel ist, merkt Frank erst, als dieser sich mit Lilli absetzt. Baby ist nach Musikvideos u.a. für Madonna oder A-ha Philipp Stölzls Spielfilmdebüt, das auf ganzer Linie überzeugt. Großartig besetzt, findet Stölzl immer wieder stimmige und auch ungewöhnliche Bilder, um seine Geschichte atmosphärisch voranzutreiben. Farbgebung, Kamerabewegungen und der Schnitt greifen perfekt ineinander und produzieren einen für deutsche Verhältnisse ungewöhnlichen Film zwischen Komödie, Drama und Thriller.

Einen Gegenpol zum fett produziert wirkenden Baby lieferte in der Deutschen Reihe der Schauspieler Detlef Bothe mit »Feiertag«. Mit einem Zwei-Mann-Team nebst einigen Schauspielern auf DV gedreht entstand so ein auf Spontaneität ausgelegtes Projekt, das die Silvesterfeier von sechs Freunden auf einer Berghütte erzählt. Allerdings vermag auch der wunderbar konsequente Schluß nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die extrem auf Homevideo ausgelegte Kamera durch ihre übermotivierte Handhabung zum Teil erheblich nervt. Trotzdem stellen solch unabhängig produzierte Filme wie »Feiertag« zweifellos eine wertvolle Bereicherung in Deutschland dar, wo der Independentfilm noch immer eher Seltenheitswert genießt.

Eine Produktion wie Kasia Adamiks »Bark!« zum Beispiel wäre hierzulande vermutlich nicht ohne weiteres denkbar. Der US-Indie erzählt angenehm unaufgeregt von Lucy, die von heute auf morgen entscheidet, nur noch zu bellen und sich wie ein Hund zu benehmen. Therapieversuche einer Tierärztin (Lisa Kudrow) und eines Psychologen (Vincent D'Onofrio), die Lucys Mann beauftragt, enden in einer Art Singlebörse, und fast scheint es, als beschlösse man, daß Lucy doch eigentlich als Hund ganz niedlich sei. Realitätsflucht und Kommunikationsprobleme als filmische Farce formuliert und gespiegelt in einem Absurditätenkabinett.

Da hält es Chris Eyre doch lieber mit einem realitätsnahen Plot, um seine Sozialkritik zu visualisieren. Er war schon vor drei Jahren mit »Smoke Signals« Gast in München und stellte nun »Skins« vor. Der Indianer beschäftigt sich auch in seinem neuen Film mit den sozialen Umständen in Reservaten und beweist erneut seine Stärke in der gleichwertigen Gewichtung von dramatischen und komödiantischen Elementen. Die fantastische Performance von Graham Greene und Eyres perfektes Timing in der Inszenierung summieren sich zu einem bewegenden Film, der hoffentlich – wie schon »Smoke Signals« – in Deutschland zu sehen sein wird. 1970-01-01 01:00
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