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22. Filmfest München 2004

München
26. Juni bis 3. Juli 2004
Aki und Mika finnen wir gut

Hoch gesprungen beim 1. Anlauf

Von Nikolaj Niktin Der Reiz von Filmfestivals, die keinen internationalen Wettbewerb in den Mittelpunkt ihres Programms stellen, macht die Tatsache aus, daß sich die Verantwortlichen der Reihen das Beste aus dem Weltkino aussuchen und Filme anderer Festivals nachspielen können. Doch auch bei solch einer Struktur muß ein Qualitätsstandard gesetzt und vor allem gehalten werden sowie eine Klarheit der Programmierung vorhanden sein.

In seinem ersten Jahr als Festivaldirektor des Münchner Filmfests ist es Andreas Ströhl gelungen, diese Ausgewogenheit herzustellen und eine kluge Programmierung mit Vielfalt und spannenden Beiträgen an den Tag zu legen, vor allem, weil er das Programm straffte und insbesondere die Reihe mit deutschen Fernsehfilmen extrem verschlankte (was den ausgesuchten Filmen mehr Aufmerksamkeit garantiert).

Wie immer ein Garant in den letzten Jahren, wies auch heuer die »American Independents«-Sektion von Ulla Rapp einige Highlights auf. Mit der amerikanischen Indie-Produktion »Dandelion« von Mark Milgard zeigt sich das einst von Rapp für Deutschland entdeckte und protegierte Kino wieder mal von seiner besten Seite. Eine kleine, feine Geschichte, die unspektakulär, aber sehr präzise inszeniert ist, ein Film, der auf große Gesten verzichtet, aber mit leisen Tönen überzeugt. Erzählt wird die Geschichte eines einsamen Heranwachsenden im Mittleren Westen, den eine Liebe aus seiner Lethargie reißt, doch stets schwebt eine Bedrohung über dem jungen Glück. »Dandelion« ist Kino, das den Zuschauer von Anfang an durch das fesselnde Spiel des Hauptdarstellers und durch eine gekonnte Bildgestaltung packt und in den Kinosessel drückt. Kino, das abseits vom Hollywood-Mainstream entsteht und so viel zu bieten hat.

Wahrlich ein Kinoerlebnis bot auch der japanische Beitrag Nobody Knows von Kore-Eda Hirokazu – fast zweieinhalb Stunden lang, mit Bildern, die einen so schnell nicht wieder loslassen und einer Geschichte, die noch Tage danach beeindruckt, bewegt und zum Nachdenken anregt. Konträr zur Ruhe, Langsamkeit und Bedachtheit dieses Asiaten sind die Arbeiten eines anderen Filmemachers aus dem fernen Osten: Oldboy des Koreaners Park Chan-wook. Aber auch der zentralasiatische, um genauer zu sein, der kasachische Film »Schizo« von Guka Omarova wußte durch seinen kinematographischen Gestaltungswillen und seine Liebe zum bildgewaltigen Erzählkino zu überzeugen. Alle drei Filme liefen in der Reihe »Junges asiatisches Kino«, kuratiert vom festivalerfahrenen Kritiker Klaus Eder.

Die erwähnte positive Verschlankung in der deutschen TV-Reihe verantwortete der Neuzugang André Zoch. Unverständlich hingegen die Entscheidung der Jury, die den Förderpreis Deutscher Film vergab und den überaus mittelmäßigen, eitlen und teilweise dilettantisch drögen Die fetten Jahre sind vorbei auszeichnte. Ein Film, der viel will und sehr wenig schafft, was gerade angesichts der guten Schauspieler am mangelnden Talent des Regisseurs liegt: Kino wie es keiner braucht. Daß die Franzosen einen Film aus Deutschland mit dem Titel Die fetten Jahre sind vorbei mögen, ist verständlich, wieso aber auch deutsche Vertreter auf biederes 70er Jahre-Kino hereinfallen, schwer nachvollziehbar. Erfreulicher hingegen die Entscheidung der Publikumsjury für den leichtfüßig und charmant erzählten Sommersturm, den sie mit dem neu eingeführten Zuschauerpreis von Radio Bayern 3 auszeichnete.

Einen festen Platz im Münchner Festival hat inzwischen der Shocking Shorts Award, der in diesem Jahr zum fünften Mal vergeben wurde. Ausgezeichnet wurde im Rahmen des Festivals diesmal Tim Fehlbaums »Für Julian«. Was diese Ehrung positiv von anderen Kurzfilmpreisen unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie sich auf das Genre des Suspense- und Actionfilms konzentriert. Inzwischen sind auch zwei DVDs mit Filmen aus den letzten Jahren erschienen, die einen unterhaltsamen Heimkinoabend garantieren.
Ströhl selbst zollte zudem mit den Finnen Aki und Mika Kaurismäki zwei seiner persönlichen Kinolieblingen Tribut. Eine verdiente Würdigung herausragender europäischer Filmemacher mit eigenen Kinovisionen.
Auf die Fortsetzung 2005 darf man gespannt sein, denn die Latte wurde hoch gelegt. 1970-01-01 01:00
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