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23. Filmfest München 2005

München, 25. Juni - 2. Juli 2005
 

Vier gewinnen

Von Oliver Baumgarten Seine bedeutende Stellung in der deutschen Festivallandschaft unterstrich das Filmfest München auch in seiner 23. Ausgabe durch das Übereinbringen von namhaften Premieren und spannenden Entdeckungen.

Während nämlich die Internationale Reihe Neues von Weltkinogrößen wie Gus van Sant, Hou Hsiao-hsien, John Sayles oder Goran Paskaljevic bot, warteten die anderen Sektionen mit reichlich Entdeckungen und Wiederentdeckungen auf. Zu letzteren muß sicherlich das neue Werk von Hal Hartley gezählt werden. Nach »The Book of Life« von 1998 war hierzulande kaum mehr etwas vom ehedem gefeierten Independent-Star der 90er zu sehen. Nicht ganz zu unrecht vermutlich, denn auch seine satirische Science Fiction »The Girl from Monday«, in der eine Außerirdische auf eine Erdenwelt trifft, wo der persönliche Aktienwert eines Menschen an der Häufigkeit bindungslosen Sexes gemessen wird, läuft holprig in so manch leere Pointe hinein. Der alte Zug und der eigensinnige Rhythmus, der die Hartley-Atmosphäre früher zu prägen pflegte, scheint ihm im neuen Jahrtausend abhanden gekommen zu sein.

RP Kahl zum Beispiel, eine der Hauptfiguren der deutschen Independent-Szene, braucht keine Frau von einem anderen Stern zu bemühen. Denn er hat Laura Tonke, Nicolette Krebitz, Inga Birkenfeld und Katharina Schüttler, vier Schauspielerinnen, die eine exakte Vorstellung von der Ausgestaltung ihres Berufes und ihrer Karrieren eint. In Mädchen am Sonntag verabredet sich RP Kahl mit jeder von ihnen zu einem Wochenende und inszeniert die vier Frauen in die Einsamkeit von Natur, tristen Hotels und leeren Wohnungen. Mit sympathischer und entwaffnender Ehrlichkeit definieren die Vier private Größen wie beruflichen Erfolg als gekoppelt an Qualität, setzen Reichtum von künstlerischer Armut ab und erzählen von der Leidenschaft, die manchmal Leiden schafft. Doch Momenten wie diese, in denen RP Kahl seinen Protagonistinnen sehr nahekommt, stellt er immer wieder extreme Totalen gegenüber, in denen sie in der Weite der Landschaft zu verschwinden drohen. Besonders Laura Tonke und Nicolette Krebitz, die beiden vermutlich bekanntesten der Vier, die mit dem Regisseur bereits zuvor gearbeitet haben, bringt Kahl immer wieder auf Distanz – ein reizvolles Spannungsfeld und eine gewisse Spiegelung ihrer Situation. In den besten Momenten des Films läßt das Pure ihrer Offenheit mit der Kargheit des Settings seltene Blicke in die kämpferische Seele zu, die es im Beruf der vier Frauen braucht, um ihn mit nachhaltiger Konsequenz auszustatten.

Von vier Protagonisten lebt auch Alexander Schülers Rendezvous, der in München ebenfalls Premiere feierte. Das konzentrierte Kammerspiel entspinnt einen diabolischen Faden aus Lug und Trug zwischen zwei – ursprünglich – befreundeten Paaren, deren zunehmend haarsträubender Konflikt sich im Laufe eines Abends bis aufs Blut zuzuspitzen beginnt. Ätzende, bitterböse Dialoge, eine kluge Inszenierung des engen Raums und vier tolle Darsteller machen Schülers schmutzigen Film zu einem beklemmenden Erlebnis, das – ebenso wie Mädchen am Sonntag – dem Kinopublikum hoffentlich nicht vorenthalten bleibt. 1970-01-01 01:00
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