— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

10. New York Underground Film Festival 2003

5. - 11. März 2003

Andere Ansichten

Von Thessa Mooij Welchen Nutzen erfüllt der Untergrund? Wenn es nach Google gehen würde, dann haben unterirdische Räume viele Vorzüge im Bereich von Bautechnik, Wasser, Stadtplanung und Verkehr. Geht es aber um die große (und kleine) Leinwand, dann wird der Untergrund selten über die Feststellung seiner Existenz hinaus untersucht. Er bedient das Bedürfnis der Kuratoren, der Filmemacher und des Publikums, die eigene Nische zu finden. Ist das schlecht?

Das 10. New York Underground Film Festival findet in den Räumen des Anthology Film Archives im East Village statt. Gegründet wurde es vor 34 Jahren vom amtierenden künstlerischen Leiter Jonas Mekas, Jerome Hill mit P. Adams Sitney, Peter Kubelka und dem letzte Woche verstorbenen Stan Brakhage. In dem kirchenähnlichen Gebäude werden die Avantgarde und das Unkonventionelle verehrt - Beachtung finden hier die etablierten Avantgardisten wie Maya Deren, Carl Dreyer und die Londoner Film-Makers' Cooperative. Es ist darüberhinaus ein Sprungbrett für neue Filmemacher, denen die Gelegenheit geboten wird, ihre Kurzfilme zu zeigen. Damit ist die Location des Archives an der Second Avenue das perfekte und natürliche Zuhause für das New York Underground Film Festival, das dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert. Angefangen hat es 1994 mit 60 Filmen, die über drei Tage hinweg gezeigt wurden, zu einem Zeitpunkt, als die Hollywood Marketing Maschinerie gerade anfing, ihre Fühler nach Sundance auszustrecken.

Nun ist es aber nicht so, als gäbe es in der ewigen Weite einen Überfluß an Talent. Wie in der Musik, hält sich auch in der Filmwelt der scheinbar unverwüstliche Mythos, daß es tausende von schlummernden Genies gibt, deren unübersehbares Talent bewußt von unbarmherzigen Managern und Studiobossen ignoriert wird. Vorbei sind die Tage, als Tom DiCillo mit Living in Oblivion bei der Berlinale in ausverkauftem Saal Premiere feierte. Oder Richard Linklater seinen Film Before Sunrise in Wien drehte, weil sich die Europäer darum rissen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Der US Indie-Film war zu Beginn der 90er so angesagt, daß jemand wie Nick Gomez sich verspekulierte, indem er für sein ergreifendes Debüt Laws of Gravity zu viel Geld von europäischen Verleihern verlangte, von denen die meisten sich den Film deshalb letztendlich entgehen ließen.

Die jüngere Generation von Filmemachern, die zu Regisseuren wie Kevin Smith und Quentin Tarantino aufsehen, scheinen vor allem Inspiration an deren Vorliebe für eine Art Langatmigkeit zu finden, die beim europäischen Publikum auf nur wenig Geduld stößt. Angehende Filmemacher scheinen nach dem (Kult-)Status ihrer Vorbilder zu streben, vergessen aber dabei, daß sie als erstes eine Geschichte haben müssen, die sie erzählen können. Falls sie Glück haben, ergibt sich dann später auch eine Karriere. Falls die US-Indie-Szene keine neuen Talente hervorbringt, die auch außerhalb des eigenen Landes auf Interesse stoßen, dann kann vielleicht die Untergrund-Szene mehr anbieten. Der Eröffnungsfilm des NYUFF, The Weather Underground, erbringt den Beweis für eine solche Möglichkeit. Wenn es einem gelingt, über die selbstverliebte Ausstrahlung des superhippen Festivalpublikums, ausstaffiert in Edel-Second Hand, hinwegzusehen, dann kann man ein unzynisches Festivalteam finden, das seinen Finger am Puls der Zeit hat. Und durch die Adern des US-Untergrund-Kinos rauschen tosend die Ansichten Andersdenkender in Form von Dokumentarfilmen.

Während Bowling For Columbine von einem breiten Publikum überall auf der Welt begrüßt wird, weil die Menschen in Erfahrung bringen wollen, was in den Vereinigten Staaten momentan vor sich geht, warten noch zahlreiche andere Dokumentarfilme darauf, entdeckt zu werden. Diese sind vielleicht nicht so eloquent und professionell gemacht wie Michael Moores Film, aber in einem Zeitalter, in dem die amerikanischen Massenmedien nur eine Verlängerung des Pressebüros des Weißen Hauses sind, kann der Dokumentarfilm ein kraftvolles Werkzeug sein, um Themen, die von den anderen Medien ignoriert werden, aufzugreifen. Dies ist ein Land, in dem eine Washingtoner Kantine, die häufig von Regierungsangestellten besucht wird, ihre Fritten (»French Fries«) in »Freiheits-Fritten« (Freedom Fries) umbenennt. Dies ist ein Land, in dem ein von öffentlichen Geldern finanzierter Fernsehsender Spenden zusammentrommelt, indem er lauthals mithilfe eines BBC Nachrichtenberichts verkündet: »Schließlich sind wir an der Schwelle zum Krieg, und Ihnen dürfte an neutraler Berichterstattung gelegen sein.«

The Weather Underground von Sam Green und Bill Siegel untersucht den Aufstieg und den Fall von einheimischen Terroristen wie den von Weatherman, der aus einer Aktionistengruppe der Chicagoer Universität stammte. Ähnlich wie der hochgelobte deutsche Dokumentarfilm Black Box BRD von Andres Veiel untersucht dieser mit kühlem und ausgewogenem Auge das Phänomen zwischen tiefer Moral und bitterem internen Machtkampf. Außerdem gezeigt wurde der 1976 entstandene Film Underground von Emile de Antonio, Mary Lampson und Haskell Wexler - eine Aufzeichnung von Interviews aus dem Jahre 1971 mit Mitläufern des flüchtigen Weatherman. Der Dokumentarfilm ist genauso eloquent wie die befragten Subjekte des Films, welche den breiteren Zusammenhang ihrer Taten darlegen. Für einen Moment scheint alles Sinn zu machen. Doch trotz der redegewandten Begründungen, welche die Flucht erklären (»Es war unsere Entscheidung, wir wurden nicht gezwungen.«), wird ein interner Machtkampf (auch Thema von The Weather Underground) sichtbar anhand des Vorwurfs der Frauen, daß ihre männlichen Mitstreiter ihnen das Rampenlicht streitig machen.

Für diejenigen, die in den mutlosen 80er Jahren aufwuchsen, erschien der Aktivismus als ein unbedeutendes Hobby einer früheren Generation. Nun aber scheinen die Umstände, welche die Aktionismusbewegung in erster Linie hervorbrachten, wiedergekehrt zu sein. Insbesondere die unbeholfenen US-amerikanischen Behörden und Genossenschaften machen ihre Gegenwart in allen Aspekten des täglichen Lebens deutlich. Während es der übrigen Welt freigestellt war zu demonstrieren, wurden die Teilnehmer des New Yorker Friedensmarsches gezwungen, auf einer Stelle stehen zu bleiben, eingepfercht zwischen metallischen Gattern und hochgeputschten Cops.

In dem Kurzfilm »Antiwar Update« von Ohmsmedia kann man die berittene Polizei dabei beobachten, wie sie ihre Pferde ohne offensichtlichen Anlaß in eine ruhige friedliche Gruppe hineinlenkt. Diese Bilder waren nicht im landesweiten Fernsehen zu sehen, tatsächlich haben es fast keine Bilder des Friedensmarsches in das nationale Fernsehen geschafft, da der überwiegende Teil der Massenmedien sich dafür entschieden hat, die einheimische Kriegsgegenbewegung zu ignorieren. Sogar der New Yorker Lokalsender NY1 lehnte es ab, über den Marsch zu berichten; stattdessen bevorzugte er es, eine Kunstsendung zu wiederholen.

Dies scheint heute in diesem Land der wahre Nutzen des Untergrundkinos zu sein: Es zeigt uns, was wir sonst nirgendwo anders sehen können. Genau wie in den guten alten 60er Jahren, als die Gegenkultur in den Medien erblühte.

Der Kurzfilm »Antiwar Update« wurde in der Sektion Unamerican Film Festival als Teil des NY Underground Fest gezeigt. Mitbegründerin des Unamerican Film Festivals Esther Bell verkündete vor Publikum mit der Feststellung: »Es scheint, die mögen dort selbst abschätzige Amerikaner«, daß das Programm im diesjährigen Mai bereits zum zweiten Mal in Cannes laufen wird. Skeptische Amerikaner werden nicht nur in Frankreich willkommen geheißen, auch bei der diesjährigen Berlinale im Februar wurden sie herzlich aufgenommen. Desweiteren werden ihre Filme in Tokio und Dänemark gezeigt und wahrscheinlich demnächst in Großbritannien.

Das in New York gezeigte Programm bestand größtenteils aus alternativen Nachrichtenberichten des Guerilla News Networks und aus Trailern für Dokumentarfilme wie Life of Liberty von Konrad Aderer, der über die nach dem 11. September stattgefundenen Ausweisungen von amerikanischen Bürgern, die ursprünglich aus dem Nahen Osten stammen, berichtet. Der im The People's Video Network entstandene Film Metal of Dishonor beschreibt die tragischen Folgen des Einsatzes von abgereichertem Uran im Golfkrieg.

Ein Beitrag von besonders ausgeprägter Filmqualität, dank seiner kreativen Schnittechnik und dem Gebrauch von schwarzem Humor, ist der Film Gods, Penises and Pills von Josh Katcher. Es handelt sich hierbei um eine persönliche Aufzeichnung zu den Themen Beschneidung, Naher Osten (»Können wir uns nicht zusammenschließen in unserer Ablehnung, Speck zu essen?«) und der Pharmaindustrie (»Dieser Film hat keine schädlichen Nebenwirkungen.«). Katcher versucht mit diesem Film zu zeigen, daß in einem Land, in dem Antidepressiva und sogar Drogen für (hyperaktive) Kinder routinemäßig zwischen den täglichen Daily Soaps beworben werden, uns beigebracht wurde, nichts zu empfinden.

Einige Kinder ziehen es vor, nicht mit Hilfe von Drogen zum Gehorsam gezwungen zu werden, wie die Darsteller des Dokumentarfilms Between Resistance and Community - The Long Island DIY Punk Scene, der als Teil der »Useless, Resistance«-Reihe beim NYUFF lief. Je stärker die USA ihren Mainstream-Geschmack der breiten Masse überzustülpen versuchen, desto mehr Teenager weigern sich, diese Cheerleaderversion des Amerikanischen Traumes abzukaufen. Millionen finden Zuflucht in Musikgenres wie nu-metal (Korn, Mudvayne etc.), Punk und Goth, die es ihnen erlauben, Häßlichkeit zu feiern, und ihnen Schutz bieten in der Hölle der Pubertät.

Die Macher dieses 44-minütigen Videodokumentarfilms, Joe Caroll und Ben Holtzmann, sind kaum älter als ihre 20jährigen Protagonisten. Ihnen gelang aber ein erstaunlich dichtes und ausgewogenes Porträt über Kids, die in den Kellern ihrer Eltern mit lautstarker Musik versuchen, aus der Eintönigkeit der Vorstadt zu entfliehen. Diese Teenage-Punks legen (fast wie Hippies) starken Wert auf Zusammengehörigkeitsgefühl und gute Stimmung. Ein Interesse vonseiten größerer Punklabels an ihrer Musik wird als Verrat erachtet. Sie betonen die Notwendigkeit, miteinander zu kommunizieren - etwas, was wohl in den Vorstädten nicht sehr oft geschieht. Obgleich die Polizei von Long Island so nett ist, wie sie eben sein kann, entdecken die Bands erst auf ihren selbst finanzierten Touren quer durch das Land, wie bösartig das Durchschnitts-Amerika sein kann.

Falls man Underground möchte, wie er im Buche steht, gibt es den esoterischen Kurzfilm-Sixpack aus Österreich und die obligatorische Kultivierung eines Pornoregisseurs (Joe Sarno). Regelmäßiger Teilnehmer beim NYUFF, James Fotopoulos, zeigte einen Schwarzweißfilm über Schafe im Mittleren Westen und nicht stattfindende Unterhaltungen (Families). Dieser Film hätte interessant sein können, hätten die Schauspieler ihre fragmentarischen Dialoge nicht so selbstbewußt vorgetragen. Der Versuch, durch nicht professionelle Schauspieler tägliches Leben darzustellen, kann sehr leicht schiefgehen. Wie auch der Long Island Punkszene ist es der Untergrund-Filmszene wahrscheinlich eher daran gelegen, ein warmer sicherer Ort für seine Mitglieder zu sein, anstatt einzelne Talente hervorzubringen, die vielleicht in der »Außenwelt« erfolgreich werden könnten. Heutzutage aber, und im besonderen auf diesem Kontinent, ist die Ambition, verschiedene Meinungen hervorzubringen und ihnen ein Forum zu bieten, Gold wert.

(übersetzt aus dem Englischen von Vera Herchenbach) 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap