— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

50. Kurzfilmtage Oberhausen 2004

Oberhausen, 29. April - 4. Mai 2004
In der Oberhausener Retro: »Mühlheim/Ruhr« (1964) von Peter Nestler

Bayreuth/Ruhr

Von Carsten Tritt Zunächst war zu sagen, wofür das Festival steht: Es ist und war zuvorderst politisch, wußten die Eröffnungsredner – Oberbürgermeister, Bundeskanzler und Ministerpräsident – unisono zu würdigen. Festivalleiter Lars Henrik Gass als vierter Redner war da anderer Ansicht. Die Kurzfilmtage seien nicht zuerst politisch, sondern eine kompromißlose Verpflichtung gegenüber dem Schöpferischen.

Warum wird dem Kanzler widersprochen? Hat sich Schröder nicht richtig informiert? Hat er die zahlreichen Demonstranten bei der Eröffnungsfeier mißverstanden, als diese zuvor in Presseerklärungen darauf hinwiesen, daß sich ihr Protest nur gegen den Regierungschef richte, man das Festival wegen seines steten politischen Engagements aber unterstütze? Hat er das Interview mit Eva M. J. Schmid nicht richtig gelesen, die ausführte, sie habe die Politisierung schon damals für falsch gehalten, da wegen des vordergründig politischen Blicks Nekes-, Nestler- oder später Schlingensief-Filme abgelehnt wurden, weil die Sensibilität für die Bilder verkommen sei?

Ich denke, man sollte den Kanzler in Schutz nehmen und darauf verweisen, daß Oberhausen immer stets auch politisch war – dieses »auch« hätte jedoch keinesfalls ausgereicht, das Festival nach 50 Jahren dorthin zu bringen, wo es jetzt ist. Man schaue nur auf die legendären Oberhausener Momente: Das Manifest von 1962 war sicherlich auch Resultat des Zeitgeistes und eines Generationenwechsels, aber vor allem die Suche nach einem Ausweg aus einer filmischen Sackgasse.

Der Besonders wertvoll-Skandal von 1968, als Costard in seinem Film inhaltliche Auseinandersetzung durch Beleidigung ersetzte, und sich seine Gegner nicht nur über die gezeigte Metapher, sondern auch über ihre vermeintlich dilettantische Darstellung aufregten: Dieser Einsatz der Beleidigung war nicht zuletzt auch künstlerisch höchst innovativ und ist letztlich nichts anderes als das, womit Michael Moore heute sein Geld verdient – mit dem Unterschied, daß Besonders wertvoll auch heute noch besser funktioniert als Moore, obwohl kaum einer mehr weiß, wogegen Costard damals eigentlich protestiert hat. Auch die langjährige Ausrichtung des Festivals nach Osteuropa war nur vordergründig politisch, zunächst jedoch künstlerisches Forum, in welchem mit dem Blick gen Osten auch herrlich Neues zu entdecken war, es sei z.B. an Svankmajer oder Rybczynski erinnert, letzterer drehte für Oberhausen sogar einen Eröffnungsfilm (Weg zum Nachbarn 1977).

Doch wirken diese historischen Momente bei Betrachtung des aktuellen Festivals erstaunlich fern: Das Festival hat sich stets gewandelt, war 1954 Volkshochschulveranstaltung und dürfte als solche bereits wenige Jahre später nicht wiederzuerkennen gewesen sein und hat heute erneut ein völlig anderes Gesicht als vor zehn Jahren. Erst recht ist nicht prognostizierbar, wie das 60. Festival aussehen wird. Die einzigartige Leistung Oberhausens liegt darin, daß es nach einem halben Jahrhundert nicht zu einer Institution geworden ist. Oberhausen ist ein Prozeß, mal schwächelnd etwa ab Mitte der 80er, und heute plötzlich wieder lebendig wie nie. Gass hat während des Festivals den Begriff des »Bayreuth des Kurzfilms« geprägt, d.h. »ein exklusiver Ort, wo eine Minderheit ihre Interessen pflegt«.

Die Oberhausener Minderheit schafft es auch im 50. Jahr, einen Spannungsbogen zu halten, Kurzfilm als eigene, sperrige Kunstform zu präsentieren, der anderes sein kann als ein Kurzspielfilm zur Bewerbung für Langfilme, auf den Kurzfilm oft reduziert wird. Mit Filmexperimenten und etablierter Avantgarde, vorgeführt in überfüllten Kinosälen, zeigt sich dieses Bayreuth als eines der faszinierendsten Filmfestivals weltweit und dürfte in dieser Hinsicht selbst sein bayerisches Pendant in den Schatten stellen.

Zum 50. Jubiläum ist übrigens das Buch zum Festival erschienen: »kurz und klein« entpuppt sich als filmliterarischer Geniestreich. Mit einer facettenreichen Textsammlung bietet es einen spannenden, nicht nur auf Oberhausen reduzierbaren Diskurs und sollte in keinem Filmbücherregal fehlen.
Das hier zitierte Interview mit Eva M. J. Schmid ist ebenfalls darin veröffentlicht. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap