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51. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen 2005

Oberhausen, 5. - 10. Mai 2005
»Fiction Artists« von Christoph Girardet und Volker Schreiner

Wegweiser

Von Carsten Tritt Die internationale Bedeutung des Festivals und sogar der Besucheransturm beruhen wohl inzwischen gerade auf dem Betonen des Kurzfilms als eigenes Genre. Dabei verfestigt sich die Tendenz der letzten Jahre, daß viele experimentelle Kurzfilmer sich von der traditionellen Leinwandprojektion verabschieden und ihre Werke vermehrt als Installationen herstellen.

Auf »richtigem« Filmmaterial gedrehte Filme stellen dabei längst die Ausnahme dar zugunsten von Beta SP und DV. Andererseits fehlt experimentellen Filmemachern schlichtweg ein öffentlicher Aufführungsraum im Kinobereich – Oberhausen bildet hier die Ausnahme.

Nun würde es weder der Tradition noch dem Format des Festivals entsprechen, wenn Oberhausen vor einer solchen Abwanderung des Experimentalfilms schlicht die Augen verschließen würde. Gerade bei den 51. Kurzfilmtagen fällt auf, daß die Versuche der Integration ursprünglich für Kunstausstellungen produzierter Werke in das Festivalprogramm gelungen ist. Wie schon beim Festival 2003 wurde auch heuer ein Raum für eine Installation zur Verfügung gestellt, wobei der Versuch, vor allem aufgrund der Qualität der Installation, diesmal deutlich besser gelungen ist: Gezeigt wurde »Fiction Artists« von Christoph Girardet und Volker Schreiner, eine Found Footage-Arbeit, die in zwölf Kapiteln über Darstellung von Malern im Film philosophiert, indem Schnipsel aus verschiedensten Filmen hintereinander geschnitten werden, die, unabhängig davon, ob es sich nun um einen Auszug aus einem Krimi, einem Lustspiel oder einer einst gefeierten Arthouse-Produktion handelt, stets nur die gleichen Muster wiederholen und somit in höchst komischer Weise die dahinterstehende Automatik darlegen: Die filmschaffenden Künstler bedienen mit ihren Leinwandreflektionen vom besessenen, leidenden Kreativen nur entsprechende Klischees, unfähig, hierbei eine eigene Kreativität zu entwickeln.

Auch einige der in den Wettbewerben gezeigten Filme waren eigentlich als Installationen gedacht und erfuhren somit in Oberhausen quasi ihre Zweitverwertung, was hier keinesfalls negativ gemeint sein soll. Zuvorderst ist hier »Album« von Matthias Müller zu nennen, der wie auch Giradet zu den Stammgästen in Oberhausen gehört. Müller komponiert Videos, die er nach eigenen Angaben in den letzten Jahren absichtslos aufgenommen hat, zu Erinnerungsbildern, denen er mit seiner Montage vielschichtigen, sinnlichen und intellektuellen Gehalt verleiht, in dem sich Ängste und Sehnsüchte widerspiegeln. Auch der Zehnminüter »man.road.river« des brasilianischen Videokünstlers Marcellvs L. war ursprünglich eine Installation. L.s statisches Kamerabild beobachtet aus der Distanz einen Mann, der eine überflutete Straße durchschreitet, der den Zuschauer stoisch auf das unscharfe, kaum fortschreitende Objekt schauen läßt, und obwohl kaum etwas erkennbar ist, den abgebildeten Schauplatz fühlbar macht.

Sowohl bei Müller als auch bei L. bietet gerade die intensivere Darstellung im Kinoraum eine verstärkte Rezeptionsmöglichkeit im Gegensatz zur distanzierteren und portionierten Wahrnehmungsmöglichkeit im Ausstellungsraum und somit ein völlig anderes Betrachtungserlebnis. Vermutlich auch aufgrund dieser Intensivierung hat Müller sein »Album« (24 Minuten) für die Kinovorführung mit Texttafeln unterteilt, da der Zuschauer durch die sonst ungehemmte Aussetzung der Bilder wohl völlig überfordert gewesen wäre.

Auch wenn diese Auseinandersetzung mit anderen Präsentationsformen nur einen von vielen Aspekten eines lebendigen und übrigens höchst unterhaltsamen Festivals bedeutete, beweist sich hier beispielhaft, daß Festivalleiter Lars Gass, der sich in seiner diskussionswerten Eröffnungsrede kompromißlos mit Versuchen der Relativierung des Festivalwesens durch die Förderinstitutionen auseinandersetzte, mit den 51. Kurzfilmtagen ein Glücksmoment für den von ihm geforderten »neuen Extremismus der Kultur, eine Kultur der Eigensinnigen« gelungen ist. 1970-01-01 01:00
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