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13. Finale Pilsen 2000

Pilsen,
10. - 16. April 2000

Sieg des Lebens

Von Nikolaj Nikitin Wer erinnert sich nicht an herausragende Kinderfilmproduktionen aus der Tschechoslovakei oder an die kraftvollen Werke des Prager Frühlings von Menzel oder Chytilová. Seit dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks liegen viele nationale Filmindustrien am Boden. Erfreulicherweise trifft dies nicht auf die Tschechische Republik zu, wovon sich Nikolaj Nikitin bei der Sichtung der Jahresproduktion 1999/2000 auf dem »13. Finale Pilsen« überzeugen konnte.

Neunzehn Langfilme waren im Wettbewerb zu sehen, eine erstaunliche Zahl: die viermal so große Ukraine präsentierte im Jahre 1998 gerade mal vier (vgl. Schnitt 13). Bei den meisten Werken dominierte ein überzeugender Look und ein sehr hochwertiges Produktionsvolumen. Schnitt, Licht, Kamera, Ton und Ausstattung lagen dabei oft weit über dem europäischen Standard. Besonders Landschaftsaufnahmen konnten mit opulenter Optik fesseln. Selbiges gilt für die meisten darstellerischen Leistungen – wobei besonders die in Deutschland viel zu wenig als Schauspielerin tätige Dana Vávrová dem westlichen Besucher sofort ins Auge fiel. In dem einfühlsamen Ensemblefilm Pocetí mého mladsího bratra überzeugte sie als leicht vertrocknete, verheiratete Schönheit. Ein äußerst wichtiges und in der Bearbeitung leider nicht immer erfolgreiches Thema durchzog viele der gezeigten Beiträge: die Verarbeitung der eigenen Vergangenheit und gar Verantwortung während des Nationalsozialismus.

Sehr positiv muß das kleine Meisterwerk Musíme si pomáhat herausgehoben werden, das sich - hätte der Regisseur mehr Vertrauen in seine Bilder gehabt und nicht die vielen dramaturgischen Highlights auch noch optisch durch Slow-Motion und verfremdende Bildverwischungen überfrachtet – hinter Benignis Geniestreich nicht zu verstecken bräuchte. Mit einer unglaublichen Lakonie und Ironie erzählt der tschechische Erfolgsregisseur Hrebejk die Geschichte des tschechischen Ehepaares Cicek. Sein vorangegangenes Werk spielte in der Heimat übrigens mehr ein als die US-Megahits Matrix und Konsorten, fast jeder zehnte Tscheche sah Pelísky. In einem Dorf lebend, verstecken die Ciceks zum Ende des Krieges einen Juden bei sich im Hause, obwohl durch die immer noch anhaltende Freundschaft mit einem Kollaborateur ständig die Gefahr droht, entdeckt zu werden. Um den Verdacht von sich und den anderen Bewohnern des Hauses zu lenken, läßt sich der Ehemann mit den neuen Machthabern ein und wird seinerseits als Kollaborateur verdächtigt. Dabei spielt weniger Mut oder ideologische Überzeugung eine Rolle, als vielmehr menschlich Allzumenschliches, das die Figuren in immer absurdere Situationen führt. Ein Höhepunkt wird erreicht, als der »Untermieter« die Ehefrau schwängern soll, da der unfruchtbare Ehemann dem der Frau immer näher rückenden Kollaborateur erzählt hat, sie sei schwanger. Als schließlich der Krieg vorbei ist und alle Gefahr laufen, ein böses Ende zu nehmen, beweist sich der deutsche Titel des Filmes: Wir müssen zusammenhalten. Man deckt sich gegenseitig und überlebt - jeder wird als Opportunist entlarvt. Vor einiger Zeit begann eine andere Reflexion über den Nationalsozialismus in der Kunst.

Durch die Tatsache, daß das jüdische Volk und die jüdische kulturelle Tradition den Versuch ihrer totalen Vernichtung überlebte, fühlten sich einige Repräsentanten und Autoren jüdischer Abstammung am Ende des 20. Jahrhunderts als Sieger der Geschichte. Sie fangen an, ihren Sieg und ihr Überleben zu thematisieren – eine der ersten wichtigen Auseinandersetzungen in dieser Richtung war zweifellos Art Spiegelmans Comic »Maus«. Spielberg und Benigni führten diesen Weg fort, während der höchst fragwürdige Zug des Lebens das Überleben bloß als Wunschtraum auffaßt.

In Musíme si pomáhat überlebt nicht nur der versteckte Jude, sondern auch sein Nachfahre – sozusagen ein doppelter Sieg des Lebens. Eine verwandte Thematik prägte auch den um Längen schwächeren Beitrag Pramen Zivota. In diesem Fall gelang dem Filmemacher leider keinerlei – und erst recht nicht humorvolle – Reflexion. Ebenso wie Schlöndorff in einigen Szenen vom Unhold, verfällt der Filmemacher der Faszination der Nazi-Rituale, was um so schwerer wiegt, als keinerlei kritische Auseinandersetzung mit Himmlers Eliteprogramm »Lebensborn« vorliegt, sondern die Kulisse für einen Schmachtfilm à la Hollywood benutzt wird. Das ist an sich durchaus erstrebenswert, da dadurch die Epoche für die kulturelle Auseinandersetzung zugänglich gemacht wird, aber bitte mit ein bißchen mehr Verstand. In diesem Fall überlebt nicht mehr der Vater, sondern nur der Nachwuchs, der unter dem Deckmantel, von einem SS-Rassehengst gezeugt worden zu sein, in den deutschen Nachkriegsalltag entlassen wird.

Aber auch zeitgenössische Probleme fanden sich in einigen Filmen wieder. Besonders gelungen, wenn auch etwas eindimensional, war die leichtfüßige Komödie Samotári. Die Inszenierung und musikalische Untermalung lassen keinen großen Unterschied zu anglo-amerikanischen Twen-Komödien erkennen - eine Art tschechischer Singles. Mit überaus liebenswürdigen, sympathischen und teilweise hinreißenden Typen, einer einfallsreichen Kameraarbeit und amüsanten amourösen Verwicklungen läutete der Eröffnungsfilm eine wahre Feel-Good-Atmosphäre ein, die sich im Verlauf des gelungenen Festivals zur Lust for Life entwickelte.

Musíme si pomáhat
CZ 2000. R: Jan Hrebejk. B: Petr Jarchovsky. K: Jan Malír. S: Vladimír Barák. M: Ales Brezina. P: Total Helpart. D: Boleslav Polívka, Anna Siskova, Jaroslav Dusek u.a. 124 Min.

Samotári
CZ 2000. R: David Ondrícek. B: Petr Zelenka, Olga Dabrovská. K: Richard Rericha. S: Michael Lánsky. M: Jan P. Muchov u.a. P: Lucky Man Films. D: Jitka Schneiderová, Sesa Rasilov, Jirí Machacek u.a. 95 Min. 1970-01-01 01:00
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