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15. Finale Pilsen 2002

22. - 28. April 2002
 

Landflucht

Von Oliver Baumgarten, Nikolaj Nikitin Seit 15 Jahren nun gönnt sich Tschechien ein Festival, das sich ausschließlich der heimischen Jahresfilmproduktion widmet – ein Programmierungseinfall, der manch anderen Ortes mit schamhaft errötetem Kichern dankend abgelehnt würde. Doch der tschechische Film – und das nicht wegen wiederholter Oscarnominierungen – kann sich das durchaus leisten.

Natürlich ist klar, daß ein solches Event nicht ganz uneigennützig kreiert wird: Einkäufer und Festivalprogrammierer aus ganz Europa fahren immer wieder gerne nach Pilsen, um das Finale um diesen nationalen Filmpreis mitzuverfolgen, aber dabei auch immer wieder fündig zu werden.

In diesem Jahr dürfte der begehrteste Film der 16 im Wettbewerb zweifellos »Wild Bees« gewesen sein. Regisseur Bohdan Sláma zeichnet das Porträt einiger junger Bewohner eines kleinen Dorfes und bemüßigt sich dabei eines perfekt ausgewogenen Tempos, setzt gnadenlose Pointen und hat ein junges Ensemble zur Verfügung, das den richtigen Ton trifft zur Illustration der Mischung aus Antriebsarmut, präresignativer Verzweiflung und bitterem Galgenhumor, die das Leben im Dorf beherrschen.

Slámas kleiner Geniestreich als Beitrag zur Dichotomie von Stadt und Land hat europaweit sicher noch einige Wege vor sich und stand in diesem Jahr exemplarisch für die junge Generation aus Tschechien, deren Vertreter wie David Ondricek mit »Loners«, Jan Hrebejk mit Wir müssen zusammenhalten oder Alice Nellis in den letzten Jahren dem allgemeinen Ton des tschechischen Films ein neues Timbre verliehen. Letztere war auch in diesem Jahr vertreten und unterstrich wie schon Bohdan Sláma einen Trend, der sich in den meisten Beiträgen abzeichnete: ein unwiderstehlicher Drang zur Landflucht. Waren noch vor zwei Jahren viele Filme in Prag angesiedelt, so zog es 2002 die Protagonisten in das Unbekannte ländlicher Gefilde.

Auch Alice Nellis' Figuren in »Some Secrets« begeben sich auf die Landstraße. Eine kleine Familie schwingt sich unter Gezeter in den Skoda und macht sich auf, um jenseits der slowakischen Grenze die verbrannten Überreste des Familienvaters seiner letzten Ruhe zuzuführen. Löst die eher bedrückende Landpartie zunächst noch Langeweile aus, so kommt man sich angesichts der Wiesen und Felder plötzlich doch näher als jemals zuvor. Eine erstaunlich gelöste und wahrhaft rührende Aufarbeitung von Familienzwist, die Alice Nellis mit einigem Verve inszeniert und die sich auch international Chancen auf eine Auswertung ausrechnen kann.

»Kidnapped Home«, ein etwas übermotivierter und hastig erzählter Jugendfilm des nicht mehr wirklich zur jungen Generation zählenden Ivan Pokorny, zieht es in den scheinbar hintersten Winkel Tschechiens, während die drei pfiffigen Kurzfilme unter dem Kompilationstitel »Radhost« geradezu im Märchenwald angesiedelt sind. Als letztes Beispiel für die Landflucht tschechischer Produktionen mag »The Heart of the Bear« dienen, der aber gleichsam die Schwäche einer solchen Jahresfilmschau darlegt: Arvo Ihos Film über einen estnischen Aussteiger, der als Trapper in die Wildnis flüchtet, dürfte das wohl Abstruseste und schlicht Blödeste sein, was das gebeutelte Festival je zeigen mußte – peinlicherweise eine Koproduktion mit Deutschland.

Neben dem gleichwohl durchweg spannenden Wettbewerb bot die Retro in diesem Jahr eine ganz besonders sichere Bank zur cineastischen Entspannung. Das vollständige Werk Milos Formans in Kopien ausgezeichneter Qualität wußte natürlich besonders durch seinen in den frühen Filmen perfektionierten Stil der perfiden Beobachtung und des sensationellen Witzes zu begeistern. Die Prager Filmschule FAMU (von sechzehn Regisseuren im Pilsener Wettbewerb absolvierten hier zwölf ihr Filmstudium) mit ihrem neuen Leiter Michal Bregant kann sich also sehr zurecht in ihrer in den letzten Jahren starken Förderung des Nachwuchses auf eine brillante vergangene Kinematographie berufen. Und das wiederum sorgt dafür, daß das so angenehm organisierte »Finale Pilsen« niemals um sein hochwertiges Programm wird bangen müssen. 1970-01-01 01:00
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