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10. Internationales Filmfestival Pjöngjang

Pjöngjang, Nordkorea
12. – 22. September 2006
 

Ein Land vor unserer Zeit

Von Nikolaj Nikitin Die Reise nach Nordkorea kam mir wie eine Zeitreise in ein vergessenes Land vor. Zeitreise, weil es zurück ging in ein totalitäres System, in den Kommunismus – vergessenes Land, weil sich sicherlich keines der ehemaligen kommunistischen Länder Osteuropas mit dem aktuellen Nordkorea vergleichen läßt. Alles wirkt viel provinzieller, überschaubarer, aber auch deutlich inszenierter als im »Ostblock« – eine Art »Truman Show« gemixt mit »Goodbye, Lenin!«-Elementen, in Auftrag gegeben und inszeniert von Kim Jong-il, der übrigens in den 70ern seine Dissertation über die Filmkunst verfaßte. Doch dies soll kein politischer oder sozialer Essay über den letzten real bestehenden Kommunismus dieser Welt werden, sondern ein Artikel über das 10. Pjöngjang Filmfestival in Nordkorea.

Dank des Goethe-Instituts Seoul, das unter der Leitung von Jürgen Keil eine herausragende und kaum hoch genug einzustufende Kulturvermittlung leistet, nahmen etliche deutsche Filmexperten am Festival teil – u.a. Ehrengast Dieter Kosslick (die Berlinale zeigte 2004 den nordkoreanischen Film »The Green Carpet"), Jurypräsident Eberhard Junkersdorf (unterhält seit längerem Kontakte zum Land und setzt sich für den Austausch und die Ausbildung junger Animationsspezialisten ein) sowie Filmeinkäufer Daniel Otto, ein kundiger Nordkorea-Experte. Zudem zeigte der Dokumentarfilmemacher Uli Gaulke seinen Episodenfilm Comrades in Dreams, bei dem eine Geschichte in Nordkorea spielt. Das Screening war gefährdet, denn die Nordkoreaner fürchteten, daß ihr Land nicht würdig vertreten wäre, aber auf Druck des Goethe Instituts kam die Vorführung zustande, allerdings nur des nordkoreanischen Teils. Nordkorea selbst war mit zwei Produktionen vertreten – dem im 70er Jahre-Stil inszenierten Kampfsport-Schinken »Pyongyang Nalpharam« und mit der aktuellen sozialkritischen Studie »Schoolgirls Diary«. Letzterer stellte ein kleines Novum in der einheimischen Kinematographie dar, weil zum ersten Mal der Lebensalltag von innen heraus gezeigt wurde, und auch Kritik eines Kindes an dem arbeitsversessenen Vater im Vordergrund stand, die zum Schluß jedoch nivelliert wird und der Vater rehabilitiert, weil er sich schließlich zum Wohle des Volkes und auf Anraten und Unterstützung des Führers Kim abschuftet (Kim war wie bei so vielen Produktionen als »künstlerischer Berater« genannt).

Die Arbeit des Goethe-Instituts ist deshalb so hoch einzuschätzen, da das Festival fast die einzige Möglichkeit für die Koreaner bietet, Filme und Informationen aus dem Ausland zu bekommen (das Land verfügt z.B. über kein Internet). Die meisten Nordkoreaner haben ihre Heimat nie verlassen, und so leisten die Filme wichtige Vermittlungsarbeit. Die deutschen Filme fanden viel Beifall und Anerkennung, so gewann Napola den Hauptpreis, und Sophie Scholl und Das Wunder von Bern wurden ebenfalls geehrt. Dabei ist es jedoch wichtig festzuhalten, daß Napola und Scholl zwar sehr positiv rezipiert wurden, aber die enthaltene System- und Totalitarismus-Kritik einzig auf das Nazi-Regime bezogen und seitens der Zuschauer keine deutliche Verbindung zur Situation im eigenen Land gezogen wurde. Aber was nicht ist, wird hoffentlich bald kommen. Und mehr Einfluß und positive Auswirkungen können wir uns von Filmen und einem Filmfestival eigentlich nicht wünschen. 1970-01-01 01:00
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