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36. International Filmfestival Rotterdam

Rotterdam, Niederlande
24. Januar - 4. Februar 2007
»Die Unerzogenen« von Pia Marais

Gelegentliches Aufscheinen von Schönheit

Von Volker Hummel Der Dichter Heinrich Heine gab einmal den Rat, sich angesichts des bevorstehenden Weltendes nach Holland zu begeben – schließlich würde dort alles mit 50 Jahre Verspätung passieren. Was die Filmkunst betrifft, ist es jedoch genau umgekehrt: In diesem Bereich geschieht in den Niederlanden alles einige Jahre früher. Das ist das Verdienst des größten Kultur-Events des Landes, des Internationalen Filmfestivals von Rotterdam, dessen 36. Ausgabe am Sonntag zu Ende ging. Seit seiner Gründung im Jahr 1972 versteht es sich als Forum für neue Talente und experimentelles Versuchsfeld, auf dem jedes Jahr die Möglichkeiten des Mediums Film neu ausgelotet werden.

Bei der wichtigsten Programmschiene des Festivals, dem Wettbewerb um die Tiger Awards, dürfen deshalb auch nur Debüt- und Zweitwerke teilnehmen, schließlich soll es nicht um gut abgehangene Kinokost gehen, sondern um die Entdeckung junger Talente aus aller Welt mit frischen Ideen. Neben Werken aus Malaysia, Brasilien und Dänemark (siehe unten) zählte mit Die Unerzogenen von Pia Marais dieses Jahr auch ein deutscher Film zu den Preisträgern, das nuancierte Porträt eines Mädchens, das in einer Welt, in der alles erlaubt scheint, seinen eigenen Weg finden muß.

Wenn sich dieses Jahr überhaupt so etwas wie ein roter Faden durch die vielen Sektionen des Programms zog, so war es die Frage nach der Zukunft von Filmfestivals, die Gertjan Zuilhof, einer der Verantwortlichen für die Filmauswahl, im Katalog so formulierte: »Welche Aufgabe hat ein Filmfestival in einer Zeit, in der die Menschen Filme nicht mehr länger im Kino sehen, sondern im Fernsehen, im Flugzeug, auf dem Computer, auf Handys oder dem iPod?« Zuilhof selbst beantwortete seine Frage spielerisch-offensiv mit der Organisation eines Hallenfußballturniers, an dem Filmschaffende, Festivalmitarbeiter und Journalisten teilnehmen konnten, um so »eine andere Art der gegenseitigen Begegnung auszuprobieren« – und ironisch darauf hinzuweisen, daß in Zukunft bei der Mobilisierung großer Zuschauermassen wohl auch für Filmfestivals kein Weg an der Eventkultur vorbeiführt.

Mochte Zuilhofs Frage angesichts der meist ausverkauften Screenings und der diesjährigen Gesamtzahl von 367.000 Besuchern vielleicht auch noch etwas verfrüht erscheinen, so fand sie doch in vielen der Vorführungen, Vorträgen und Veranstaltungen einen Widerhall. So postulierte der österreichische Experimentalfilmer Peter Tscherkassky in einer Masterclass, daß das Kino tot sei und das digitale Zeitalter längst begonnen habe. Seine eigene künstlerische Praxis versteht Tscherkassky als Schwanengesang einer untergehenden Kunst.
Detailliert erläuterte er die Entstehung seines Films »Instructions for a Light and Sound Machine«, das Ergebnis einer zweijährigen Arbeit mit einer alten 35-mm-Kopie von »The Good, the Bad and the Ugly«. Statt am Computer erledigte Tscherkassky alles in der Dunkelkammer, indem er auf jeweils einen Meter Rohfilm die entsprechenden Szenen aus Leones Western legte und mit den verschiedensten Mitteln (Leuchtstifte etc.) »durchpauste«. Das durch Mehrfachbelichtung wiederholbare Verfahren erlaubt es, die narrative Ordnung des Ursprungswerks aufzulösen und Figuren und Situationen in den Vordergrund zu bringen, die im Original nur eine marginale Rolle spielten.

Diese Mischung aus avantgardistischer Dekonstruktion und nostalgischer Rückbesinnung auf die auratische Erfahrung des Kinoerlebnisses zeichnete viele Filme und Veranstaltungen des Festivals aus. Für die Reihe »Seatless Cinema« etwa wurden aus einem Kinosaal alle Sitzreihen entfernt, das Publikum fand sich mal auf im Raum verteilten Sitzkissen, mal stehend der Leinwand gegenüber. Dieser utopische Versuch, die Passivität herkömmlicher Filmrezeption zu durchbrechen, wies gleichzeitig auf die Anfänge des Kinos als Jahrmarktattraktion zurück, bei der ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. Vielleicht zeichnet sich innovative Filmkunst ja auch gerade dadurch aus, daß sie den Blick nicht starr in die Zukunft, sondern immer auch in die Vergangenheit gerichtet hält. Dieser Janusblick läßt sich in Rotterdam wunderbar erlernen, weil sich die Veranstalter wie kaum bei einem anderen Festival Experimentalfilme vergangener Tage zeigen und so Entwicklungslinien bloßlegen.

Einer der geheimen Stars dieses Jahres war zum Beispiel der 1991 verstorbene amerikanische Sammler, Anthropologe und Künstler Harry Smith. Ausschnitte aus seinen Experimentalfilmen fanden sich nicht nur in der Dokumentation »The Old Weird America«, die auf Smiths Arbeit an der »Anthology of American Folk Music« fokussierte, sondern auch in »In the Shadow of the Light«. In diesem schönen Porträt von Jonas Mekas kommt auch ein junger Forscher zu Wort, der feststellt, daß viele der Bilder, die junge Künstler heute mit der fortschrittlichsten Software am Computer herstellen, vor 50 Jahren schon in langjähriger Handarbeit von Harry Smith auf Zelluloid vorweggenommen wurde.

Zwei Jahre lang war Smith Artist in Residence in den Anthology Film Archives in New York, eine der umfangreichsten Kollektionen experimenteller Filmkunst weltweit. Ihr mittlerweile 85-jähriger Leiter Jonas Mekas gab in »In the Shadow of the Light« einige der schönsten Antworten auf die Frage, was Filme auch heute noch für einen Sinn haben: »Die Menschen sind schlecht. Menschen bringen sich um. Das Kino ist gut. Es ist so … unschuldig. Wir sind nicht dazu da, dem Menschen zu helfen. Wir sind dazu da, dem Kino zu helfen. Beim Avantgardekino geht es nicht um Opposition, zum Mainstream oder anderen Dingen. Es geht um das besessene Verfolgen von Visionen und Ideen. Um Leidenschaft und Intensität.« Um es mit einem Filmtitel von Mekas zu sagen: »Occasional Glimpses of Beauty«. Gelegentliches Aufscheinen von Schönheit – eine schönere Bestimmung wird sich für die Filmfestivals der Zukunft kaum finden lassen. 1970-01-01 01:00
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