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20. Festroia

Setúbal, 4. - 14. Juni 2004

Festival der kleinen Filmländer

Von Christine Preuß Bereits zum 20. Mal fand in diesem Jahr das internationale Filmfestival FESTROIA in Portugal statt. Das Festival, dessen Name auf seinen ursprünglichen Veranstaltungsort, die touristische Halbinsel Tróia zurückgeht, findet seit 1995 in Setúbal, der viertgrößten Stadt Portugals, ca.60 km südlich von Lissabon, statt.

Die Besonderheit dieses kleinen Festivals ist, daß für den offiziellen Hauptwettbewerb nur Filme aus Ländern zugelassen sind, in denen nicht mehr als 20 Filme im Jahr produziert werden. Eine spannende Angelegenheit, da es hier Filme zu sehen gibt z.B. aus Island, Schottland, Georgien, Finnland, die aus kommerziellen Gründen sonst vielleicht kaum eine Chance hätten, internationale Anerkennung zu finden – und das häufig zu Unrecht.
Das Festival hatte, nachdem sich sein ursprünglicher Sponsor, ein Touristikunternehmen, aus wirtschaftlichen Gründen zurückziehen mußte, immer wieder finanzielle Schwierigkeiten zu überwinden. Aber es wurde dank seiner engagierten Initiatoren kontinuierlich weitergeführt. In diesem Jahr war es wieder mal besonders schwierig, das portugiesische Kulturministerium hatte die Mittel um 20 Prozent gekürzt und das, so beklagt der Präsident des Festivals, Mário Ventura, obwohl FESTROIA das einzige Filmfestival in Portugal sei, das von der FIAPF (Fédération Internationale des Associations des Producteurs des Films) anerkannt werde und eine FIPRESCI (Fédération Internationale de la Presse Cinématographique)- sowie eine SIGNIS (World Catholic Association for Communication)-Jury habe. So mußte in diesem Jahr an allem gespart werden: weniger Filme, weniger eingeladene Gäste, weniger Rahmenprogramm usw.

Der Gewinner des Festivals war der Film »Ha-Kochav Shel Shlomi« ("Bonjour Monsieur Shlomi") von Shemi Zarhin aus Israel. Er erhielt den »goldenen Delphin« für den besten Film, den »silbernen Delphin« für das beste Drehbuch sowie den Preis der FIPRESCI und der SIGNIS.
»Bonjour Monsieur Shlomi« könnte man als eine »Komödie mit Tiefgang« bezeichnen.

Im Mittelpunkt des Films steht der 16-jährige Shlomi, der für seine Familie geradezu unentbehrlich ist. Ganz selbstverständlich hat er die Versorgung seines pflegebedürftigen Großvaters übernommen, für andere Familienmitglieder ist er Entscheidungshelfer oder Seelentröster, bei Streit und Eheproblemen Vermittler, ein guter Koch und ein hervorragender Konditor. Shlomi macht einfach alles. Ein rundum sympathischer Junge, in manchen Bereichen erwachsener, als es seinem Alter entspricht, in anderen eben ein 16-Jähriger, z.B. wenn es um die Liebe zur Nachbarstochter geht.

Shlomis Familie – eine bunte Mischung ausgeprägter Charaktere: der pfiffig-skurrile Opa, die couragierte und gleichzeitig überforderte Mutter, sein Bruder, der Soldat und Möchte-gern-Rockmusiker, die eheproblembelastete Schwester usw. Kein Wunder, daß Shlomi viel zu hat. Und so berührt es ihn auch zunächst nicht, daß sich bei einem Schultest herausstellt, daß er zum Kreis jener außerordentlich Hochbegabten gehört, die in einem entsprechenden Internat gefördert werden sollten. Doch hierzu müßte er den Ort wechseln und seine Familie verlassen.

Ein Film mit vielen Facetten, voll Humor und Witz, aber dabei die Probleme der Einzelnen respektierend.

Eine ganz andere Art von Film ist »Suite Habana« von Fernando Pérez, ein kubanischer Dokumentarfilm. Dargestellt wird das Leben im quirligen Havanna, der Tagesablauf verschiedener Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Berufe und in unterschiedlichen Lebensumständen. In einzelnen Sequenzen wird jeder der zehn Protagonisten schriftlich vorgestellt und bei seinen Tätigkeiten während eines Tages begleitet. Es fällt nicht ein kommentierendes Wort, und das ist gut so.

Es ist ein sachlicher und zugleich emotionaler Film über Menschen, denen sich der Zuschauer im Laufe des Films immer näher fühlt. Etwas Melancholie gehört angesichts der Armut und mühseligen Arbeit und auch dazu, glücklicherweise ohne süßlich oder allzu tränentreibend zu wirken. Der Film hat Rhythmus. Besonders durch die O-Ton-Geräusche von Regen, Verkehr, Arbeit oder durch Musik und durch faszinierende Bilder. Nicht ganz gelungen schien mir, daß man im letzten Teil gleich mehrmals das Gefühl hatte, der Film sei gleich zu Ende. Trotzdem hätte ich ihn nach seinem tatsächlichen Ende gleich noch mal sehen können. Schade, daß dieser Film wenig Beachtung gefunden hat. Er lief am Morgen des ersten Festivaltages – Schicksal des Dokumentarfilms?

Weitere bemerkenswerte Filme waren unter anderem »Forbrydelser« ("In deinen Händen") von Annette K. Olesen aus Dänemark, der in einem Frauengefängnis spielt, »Om jag vänder mig om« ("Morgengrauen") von Björn Runge aus Schweden, der in Episoden die Biografie und Entwicklung dreier Paare gegenüberstellt und verknüpft; ebenso die heiteren Filme »O Homem Que Copiava« ("The Man Who Copied") von Jorge Furtado, Brasilien, und »Pogoda na jutro« ("Tomorrow's Weather") von Jerzy Stuhr, Polen.

Zum Programm des Festivals gehörte auch ein Zyklus mit Fußballfilmen – »Tage des Fußballs«. Schließlich war in diesem Jahr Portugal Gastgeber der Fußballeuropameisterschaft, und das beinahe zeitgleich mit dem Festival.

Ehrengast war der 73jährige italienische Regisseur Ettore Scola. Die aus diesem Anlaß gezeigte Retrospektive seiner Werke war natürlich eine Bereicherung.

Insgesamt bot FESTROIA auch angesichts der angespannten finanziellen Situation nicht nur eine Reihe interessanter Filme, sondern auch eine außerordentlich kommunikative und familiäre Atmosphäre, die fast schon ein Markenzeichen des Festivals ist. 1970-01-01 01:00
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