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7. Internationales Filmfestival Sofia 2003

7. - 16. März 2003
 

Pleasant Days in Sofia

Von Nikolaj Nikitin Der radikale ungarische Beitrag »Pleasant Days« gewann heuer beim 7. IFF Sofia, das zum ersten Mal einen Wettbewerb beherbergte, den Grand Prix der Internationalen Jury, während »Occident« von Cristian Mungiu den renommierten FIPRESCI Preis ergatterte: Weitere Auszeichnungen erhielten ebenfalls Filme aus dem mittel-osteuropäischen Raum (zum Beispiel der bulgarische »Emigrants« eine Lobende Erwähnung der FIPRESCI). Und obwohl Beiträge aus den USA, England, Italien, Iran und auch Deutschland um die Preise konkurrierten, war es keinesfalls ein Ostbonus, der die Jury bewegte, sondern eindeutig die Qualität der vorgeführten Werke.

»Pleasant Days« ist einer jener Filme, die mich noch länger begleiten werden – und das hat nicht nur mit sehr vielen harten Explicit Scenes zu tun, sondern mit der atmosphärischen Dichte und der schauspielerischen Präsenz, die der gerade 26jährige Regisseur Kornel Mundruczo in seinem bereits zweiten Spielfilm dem Zuschauer vermittelt. Der junge Peter ist gerade aus dem Gefängnis entlassen und zieht bei seiner Schwester Maria ein. Die überaus nahe Beziehung der beiden (auch körperlicher Natur beim gemeinsamen Bad) läßt zwar stets einen Inzest vermuten, spricht ihn aber nie explizit aus. Die Inszenierung verliert sich dabei weder im Lächerlichen noch Plakativen.

Gerade der zurückhaltende voyeuristische Blick (wobei der Peeping Peter durchaus schon mal durchs Fenster glotzt und seine Angebetete beim Bonding erwischt), der den Figuren ihre Ernsthaftig- und Glaubwürdigkeit bewahrt, ist wirklich ein großes Verdienst des Filmemachers. Peters Objekt der Begierde, die junge Maja, eine Freundin von Maria, deren Baby diese für ihr eigenes ausgibt und großzieht, und in die sich Peter zunehmend verliebt, wird im Verlauf des Films fast ausschließlich in Nacktszenen gezeigt, aber dies größtenteils durch ihren Charakter als leichtfüßiges Girlie motiviert (so ist sie nicht nur die Mistreß von Peters Boß, sondern schläft auch mit seinem Arbeitskollegen). Es ist nicht viel, was in diesem Film passiert, dafür ist das, was passiert, sehr glaubwürdig inszeniert und fesselt den Zuschauer. Das Gesicht Tomas Polgars (Peter), eines Laien, hält die Kamera lange aus, ohne nervös oder unsicher zu werden. Überhaupt besitzt der Film sehr viele Naheinstellungen, und wenn Totalen vorhanden sind, so läßt sich hierbei der Regisseur Zeit, die Figuren einfach langsam beim Gehen zu beobachten. Ein Film, der zwar durchaus die momentane Situation in Ungarn widerspiegelt, aber durch die universalen Konflikte und die gekonnte Inszenierung ein internationales Publikum anspricht.

Selbiges gilt für das Regiedebüt des rumänischen Filmemachers Cristian Mungiu. Die FIPRESCI-Jury zeichnete »Occident« aus als ein »sensibles Porträt der Schwierigkeiten, Illusionen, aber auch Freuden einer jungen Generation im postkommunistischen Rumänien, das aber auch weltweit ein Publikum anspricht«. Diese aus drei verschiedenen Sichtweisen ineinander verwobene Geschichte funktioniert ebenfalls dank einer pointierten und äußerst konzentrierten Regieführung (die Geschichten bauen aufeinander auf, ohne sich gegenseitig etwas vorwegzunehmen oder langatmig zu erscheinen) und einer überzeugenden Schauspielerriege.

Beiden Regisseuren ist eine Zukunft im Film zu wünschen, denn zu gekonnt und zielsicher sind die ersten Gehversuche, als daß uns weitere verwehrt bleiben sollten.

Die Festivalleitung hat eine Person inne, die nicht nur den mittel-osteuropäischen Film durch die Präsentation auf seinem Festival fördert, sondern auch als Produzent selber für Erfolge sorgt: Stefan Kitanov produzierte den Film »Rhapsody in White«, der u.a. in Kiev den FIPRESCI-Preis bekam, und bereitet gerade eine deutsch-bulgarische Koproduktion mit dem Titel »Die Welt ist groß und Rettung lauert überall« gemeinsam mit Pandora vor. Auch wenn nach dem Fall des Kommunismus in Bulgarien die Filmproduktion fast auf 10% des einstigen Volumens fiel, erholt sich die Industrie in den letzten Jahren kontinuierlich. So dürfen Hoffnungen auf eine erfolgreiche Zukunft im bulgarischen sowie im gesamten mittel-osteuropäischen Raum geweckt werden. Schön wäre es freilich, wenn diese Filme nicht nur auf Festivals, sondern auch bei uns im heimischen Fernsehen oder Kino ausgewertet würden. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt… 1970-01-01 01:00
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