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32. Kurzfilmfestival in Tampere 2002

Tampere, 5. - 10. März 2002
 

Eros des laufenden Meters

Von Nikolaj Nikitin Bereits zum 32. Mal fand in der idyllischen finnischen Stadt Tampere das – neben Oberhausen und Clermont-Ferrand – wichtigste europäische Kurzfilmfestival statt. Dabei standen besonders die Animationsfilme im Vordergrund eines abwechslungsreichen Programms mit vielen Veranstaltungen, und eine ausgezeichnete heimische Animation machte den Vorteil des bewegten Bildes der Fotographie gegenüber auf einfallsreiche Art deutlich.

Der ausgewogene Internationale Wettbewerb, zum zweiten Mal unter der Leitung von Antti Vuorio und zum ersten Mal unter dem Festivalpräsidenten Jukka-Pekka Laakso, bestand aus 12 Programmen, in denen so illustre Länder wie Indonesien, Mazedonien, Singapur oder Tunesien erstmals vertreten waren, aber auch sechs Beiträge aus Finnland.

Allerdings war es ein deutscher Beitrag, dem der Preis für den besten Dokumentarfilm zugesprochen wurde: Anke Limprechts »Lehrfilm über die Rekonstruktion von Stasiakten«. Auch die Finnen gingen nicht leer aus – einem wird in naher Zukunft besonders viel europäische Aufmerksamkeit gewiß sein: Der Prix UIP ging an Tatu Pohjasvirta für »Kuvastin«. Der Preis beinhaltet eine Nominierung zum Europäischen Filmpreis, der im Dezember in Rom vergeben wird. Die einfallsreiche Animation handelt von einem Fremden, der statt eines Kopfes eine Filmkamera, bzw. einen Projektor besitzt. Dadurch kann er Situationen aufnehmen und nach einem »Umstecken« seines Objektivs wieder abspielen. Als bei einem abgehalfterten Zirkusmanager und seiner Frau ein Seiltänzer landet, entwickelt sich langsam ein tödlicher Konflikt – denn mit den bewegten Bildern des Fremden, die die Drahtseilakte seiner Frau einfangen, kann der Ehemann mit seiner Fotokamera nicht mithalten. Und so verliebt sich die Schönheit von einst in den fremden Kameramann und Vorführer, denn so viel Kinomagie kann sie einfach nicht widerstehen.

Generell waren Animationsfilme die Gewinner in allen Klassen. Der Grand Prix ging an Invasion (Phil Mulloy), und im nationalen Wettbewerb wurde die finnische Animation »The Last Supper« – die letzten Minuten eines Selbstmörders – von Christian Lindblad geehrt. Zudem erhielt Letzterer den Jameson Kurzfilm Preis, der bei zehn europäischen Festivals in Kooperation mit der Europäischen Koordination der Filmfestivals vergeben wird – demnächst beim Filmfest Dresden (16.-21. April). Der Grand Prix-Gewinner 2001, PV Lehtinen, war heuer im nationalen Wettbewerb mit seiner neuen Arbeit »Sirkka« vertreten. Leider konnte diese Arbeit nicht so sehr überzeugen wie sein vorheriges Werk »Hyppääjä«.

Momentan ist aber auch der finnische Langfilm im Aus- und Inland sehr erfolgreich. Kirsi Tykkyläinen, Geschäftsführer der internationalen Abteilung bei der Finnischen Filmförderung, sieht dafür zwei Gründe. Zum einen, daß die Regieveteranen des Landes, die Brüder Kaurismäki, wieder aktiv sind. Mika Kaurismäkis »Moro no Brasil« lief mit viel Zuspruch bei der Berlinale und hatte bereits seinen deutschen Kinostart, das Werk seines Bruders Aki, »The Man Without a Past«, wird international noch viel Aufmerksamkeit erregen. Zum anderen produziert eine jüngere Generation kontinuierlich Filme, die angenommen werden. Dafür sei stellvertretend Olli Saarela genannt, dessen aufwendiger Kinder-Fantasy-Film »Rolli« bereits 300.000 Besucher verzeichnen kann (bei einer Bevölkerung von 5 Millionen).

Auch Geschichten, die in der Gegenwart spielen und sich aktuellen Problemen widmen, will das finnische Publikum sehen: »Me and Morrison« handelt von einer jungen Tagträumerin, die sich in den falschen Mann verliebt. Das Werk von Lenka Hellstedt besticht durch eine ungewohnte Härte in der Figurenzeichnung und schreckt auch nicht vor einem konsequenten Ende zurück. Der geschätzte Anteil einheimischer Produktionen könnte sich, laut Tykkyläinen, in der ersten Jahreshälfte auf rund 65% belaufen.

Außer den Wettbewerben präsentierte das Festival mit »MicroMovies« einen neuen Programmpunkt sowie zahlreiche Retrospektiven und Specials. Neben den Filmen ist es die besondere Atmosphäre (gemeinsamer Saunabesuch und Sprünge in Eislöcher) und die freundschaftliche Art der Finnen, die das Festival zu einem unvergeßlichen Erlebnis machen. 1970-01-01 01:00
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