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18. Alpe Adria Filmfestival

Triest, Italien
18. - 25. Januar 2007
»A Vírus« von Ágnes Kocsis

Triest als transgressiver Ort

Von Gunnar Landsgesell Seit der Ost-Öffnung dringt »Alpe Adria Cinema« jeden Januar ein Stück stärker in die eigene regionale Geschichte ein: Triest, über Jahrhunderte ein Ort des Transits und nach 1945 durch ein ratloses Grenzregime seltsam entlegen, etabliert sich dann in der Programmierung seines Filmfestivals als Ort kultureller Übersetzung. Gesellschaftliche Konflikte, Umbrüche und suchende Subjekte erzählen so der Stadt immer auch etwas von ihr selbst.

Als sich die Haut eines jungen ungarischen Wissenschafters innerhalb kürzester Zeit blutig-dunkelrot verfärbt, wenden sich Freunde und Kollegen dezent von ihm ab. Auch seine Lebensgefährtin muß ganz plötzlich zu ihren Eltern reisen. Wie Kafkas zum Käfer gewordener Mensch, dem die Äpfel, mit denen man ihn bewarf, in den Körper gefault sind, liegt er schließlich da – rücklings, isoliert, in einem Sauerstoffzelt. Und als das Publikum damit rechnet, er habe bald fertig geröchelt, steht er eines Tages vor dem Krankenhaus, kerngesund, und spaziert nach Hause. Schon bald sind auch die guten Bekannten, der Job und die Freundin wieder zurück. Es ist alles nur eine Frage des Überlebens: Wer erfolgreich ist, der grenzt sich besser ab.

Die ungarische Regisseurin Ágnes Kocsis erzählt in ihrem Kurzfilm A Vírus (2005) auf simple und drastische Weise, wovon auch ziemlich viele andere Filmemacher aus Osteuropa ihre Erzählungen verschärfter gesellschaftlicher Zustände ableiten. Flüchtende, Profiteure, Betrüger, Hypnotiseure, junge Hasardeure, Überlebende von Massakern und Schlepper dominieren die Filme des Triestiner Alpe Adria Filmfests, das sich einer dichten Darstellung ungestümen und politischen Filmschaffens aus Osteuropa bis weit ins Baltikum und nach Zentralasien verschrieben hat wie nur wenige andere Festivals in Europa. Hart am Geschehen und roh – ganz ohne den »radical chic« manch anderer Festivitäten – präsentiert die erfahrene Direktorin Annamaria Percavassi, die in den vergangenen Jahren nie ohne Sonnenbrille gesehen wurde, das Festival. Der Triestiner Bürgermeister von Forza Italia würde statt kritischer Filme ein paar rote Teppiche für Stars ausrollen – doch ohne Geld aus der Stadtkasse kommt Percavassi erst gar nicht in Verlegenheit, das zu tun. Seit der Ostöffnung hat sie konsequent die territoriale Orientierung des Festivals zugunsten einer Fokussierung auf dissonante gesellschaftliche Räume verschoben. Die Filme schöpfen ihre Bewegung dort, wo die großen Verteilungskämpfe toben, wo sich ein perverses Nebeneinander zwischen Arbeitslosen und internationale Fußballklubs shoppende Oligarchen eingestellt hat, wo Kriegsverbrecher ihre Opfer verhöhnen und Fußgänger auf abgehobene SUV-Fahrer treffen.

Wie entscheidet sich in Goran Paskaljevics Optimisti der Vater, als er von der Vergewaltigung seiner Tochter durch den neureichen Fabrikbesitzer erfahren hat? Anstatt ihn mit seinem Gewehr im ersten Zorn zu erschießen, besinnt er sich auf seine Demut, die ihm seinen Arbeitsplatz beim Fabrikbesitzer rettet. Also pilgert er mit seiner Tochter zum Arbeitgeber in dessen Fabrik, wo sie sich für ihre anlassige Art zu entschuldigen hat. Eine der heftigsten Episoden von Optimisti, bei der man als Zuseher vergeblich auf die Wirkung des Gifts in der Schnapsflasche wartet, das Vater und Tochter dem neuen Feudalherren versöhnlich überreichen. Es gibt kein Gift darin.

Geschichten für Triest. Auf slowenisch Trst, ist es Ort historischer Transformationen und politischer Konflikte. Über Jahrhunderte habsburgische Hafenstadt, nach 1945 aufgerieben zwischen Kämpfen italienischer Irredentisten und jugoslawischer Tito-Partisanen. Anfang der 1950er Jahre war Triest und Umland sogar »Freies Territorium«, ein unabhängiger Staat aus purer Ratlosigkeit der Siegermächte. Signora Percavassi und ihr Team geben diesem einstigen »Portal zur Welt« – in Italien entlegen, Slowenien herausgeschnitten – mit Alpe Adria Cinema etwas zurück: seinen transgressiven Wert, als Ort der Entgrenzung, als europäischer Raum kultureller Übersetzung. Wenn heute Kulturproduzenten Osteuropa rufen, dann läßt das k.u.k.-Echo meist nicht lange auf sich warten. Ob Spurensuche in den ehemaligen Kronländern, oder unter Maria Theresia angesiedelten obskuren Volksgruppen, immer krächzt der Doppeladler. In der winterlichen Hafenstadt bleibt das Publikum davor ebenso verschont wie vom Wust vielfach verwerteter Festivalfilme, im Januar beginnt ja schließlich auch der neue Festivalzyklus.

P.S. Der erste Langfilm der A Vírus-Regisseurin Ágnes Kocsis Fresh Air / Friss levegö wird im Wettbewerb von »Crossing Europe« in Linz im April laufen. 1970-01-01 01:00
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