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11. Filmfestival Tromsø 2001

Tromsø, 16. - 21. Januar 2001
 

Heftig und Begeisternd

Von Oliver Baumgarten Das weltweit nördlichste Filmfestival im norwegischen Tromsø bietet die wohl günstigsten Voraussetzungen, um das erlesene Programm von 38 Filmen zu genießen: Vom 16. bis 21. Januar herrschte jenseits des Polarkreises rund um die Uhr dräuende Nacht, die das Dunkel des Kinos zum Standard erhob.

Vor unwiderstehlicher Fjord-Kulisse eröffnete ein Heimatfilm das Festival in Tromsø. Knut Erik Jensens »Heftig og begeistret« dokumentiert das Wirken eines norwegischen Männerchors. In einer gelungenen Mischung aus Pathos und Humor meißelt Jensen Porträts einzelner Typen heraus, begleitet die Gruppe bei Auftritten und Proben. Die Gesangseinlagen inszeniert er immer wieder in malerischer, schroffer Natur, zeigt Felsen in donnernder Brandung des Polarmeeres, um an anderer Stelle den etwa zwanzigköpfigen Chor wie eben jenen Fels regungslos für Minuten Frost und Schnee trotzen zu lassen. Was er dort etwas übertreibt, das pendelt sich in den Interviews auf sympathischste Weise wieder ein. Die sehr geschickte und kommentierende Montage besorgte Aslaug Holm, die eindrucksvoll bewies, welche bildnerische Macht aus der personellen Einheit von Schnitt und Kamera hervorzugehen vermag.

Den Schwerpunkt in Tromsø bildeten Filme aus Kontinentaleuropa und dem Nahen Osten, wie dem vielversprechenden Filmland Iran. Mohsen Makhmalbaf und besonders Abbas Kiarostami zogen dort eine junge Generation von Filmemachern heran, deren sehr karg wirkender Realismus durch den scheinbaren Verzicht auf Kommentar um so deutlicher politisiert und deren filmischer Minimalismus besticht. »Djomeh« beispielsweise von Hassan Yektapanah, ehemaliger Regie-Assistent Kiarostamis, zeigt sich auf allen Ebenen stark reduziert. Lange Einstellungen, ein betont dokumentarischer Touch, ökonomische Schnitte und eine fast verleugnete Kamera illustrieren sehr effektiv die simple Story um den afghanischen Einwanderer Djomeh, der sich über Stand verliebt. Auch der bereits mehrfach ausgezeichnete »A Time For Drunken Horses« eines anderen Kiarostami-Assistenten, Bahman Ghobadi, schockiert durch seine Selbstverständlichkeit, mit der die Familienverhältnisse eines jungen Kurden an der irakischen Grenze in ausgereiftem Handwerk geschildert werden. Gegen diese beiden Vertreter des kargen Realismus nimmt sich Rassul Sadr Amelis »The Girl in the Sneakers« aus wie ein zu Film gewordener Fingerzeig, wie ein aufdringlicher Nachweis des politischen Films im Iran.

Ein Brückenschlag von westlicher und östlicher Kultur gelingt immer wieder Clara Law. In Macao geboren, lebt sie seit Jahren in Australien und verwebt in »The Goddess of 1967«, für den sie in Tromsø den FIPRESCI-Preis gewann, beide Wurzeln zu einer kunstvollen Melange. Ein junger Mann reist aus Tokyo nach Australien, um eine »Goddess«, also einen Citroën DS, zu erwerben. Die Magie dieses göttlichen Autos, die nicht allein schon Roland Barthes beschwor, geht mit der Lebensgeschichte der jungen Besitzerin einher und zieht auch den Japaner in ihren Bann. Stilsicher, bildgewaltig und verstörend geht Law zu Werke und schafft nicht nur kulturell, sondern auch ästhetisch einen faszinierenden Bogen zwischen ostasiatischem Kino und australischen Outlands.

Eine Entdeckung aus Frankreich schließlich fand sich in »Aïe« von Sophie Fillières, der so etwas wie eine Parodie auf den französischen Film gelang: 50jähriger verliebt sich in ziemlich schräge 18jährige, mit der er in Cafés sitzt und redet, redet, redet. In diesem Falle aber haben sie sich noch weniger als sonst zu sagen und liefern sich herrlich komische Nonsens-Duelle, die zunächst verwirren, dann amüsieren und zu einem in seiner Absurdität extrem konsequenten Ende führen. André Dussollier als Robert ist eine Offenbarung und das Ausrufezeichen hinter dem mit »Autsch« zu übersetzenden Titel. Einer von vielen Höhepunkten auf einem ebenso herzlichen wie filmisch hochwertigen Festival. 1970-01-01 01:00
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