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64. Filmfest in Venedig

29.8.-8.9.07
 

Ermüdender Showdown der Filmlängen

Von Christine Prinzing Am Lido sind die fliegenden Löwen nach zwölf Tagen Wettbewerb ermüdet gelandet – nicht mit Tempo und Raffinesse. Eher mit Überlänge und Tristesse. Dabei sah die Kulisse so einladend aus: Zwischen Meer, weißem Sandstrand und buntem Art Deco war die Filmelite aus der ganzen Welt geladen. Das A-Festival präsentierte sich mit 22 Wettbewerbsbeiträgen und der vielseitigen (Neben-)Sektion »Orrizonti«.

Daß Schein und Sein nicht immer eine Schnittmenge bilden, war auf dem Festival leider eher die Regel als die Ausnahme. Zum Bedauern des Kinopublikums. Wurde dieses doch mit überteuerten Kinokarten (40 bis 60 Euro) nur oftmals mit der Länge der Filme entschädigt, nicht aber mit deren Inhalten. An der Filmfront war also vor allem Sitzfleisch gefragt, die Regisseure lieferten sich regelrecht ein Duell mit der Zeit. Nichts gegen lange Filme und gedrosseltes Erzähltempo, doch in diesem Jahr kam einem schon jeder Wettbewerbsbeitrag unter zwei Stunden wie ein Kurzfilm vor.

Eher enttäuschend der Gewinnerfilm: Lust, Caution von Ang Lee. Vor zwei Jahren erhielt Ang Lee den Goldenen Löwen für Brokeback Mountain mit großer Zustimmung. Die blieb bei der Nominierung seines neuen Films aus. Ein langatmiges Spionage-Drama (156 Minuten) aus dem besetzten China während des Zweiten Weltkriegs. Die Entscheidung der Jury zum Wiederholungssieg verwunderte Kritiker wie Publikum.

Nicht besser war die Reaktion auf den Speziallöwen für das Gesamtwerk. Der ging an Regisseur Nikita Mikhalkow mit dem Film 12 (153 Minuten). Dieses Remake von Sidney Lumets Klassiker Die zwölf Geschworenen war fast eine Stunde länger als das Original, aber dafür nicht raffinierter. Es wird geredet und geredet, allerdings ohne emotionalen Tiefgang. Und so plätschern die Geschichten der Geschworenen an einem vorbei. Nach zwei Stunden gab so mancher Zuschauer auf und verließ ermüdet den Saal.

Da lobte man sich den kürzesten Wettbewerbsfilm von 95 Minuten. Redacted ging mit dem größten Diskussionspotential ins Rennen und siegte. Regisseur Brian De Palma bekam für seinen aufwühlenden Irak-Kriegsfilm – eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion – den Silbernen Löwen zu Recht für die beste Regiearbeit.

Daß Löwen nicht gern ihre Beute teilen, traf auch auf manche Preisträger zu – so beim Spezialpreis des Festivals. Da machte der Regisseur Abdellatif Kechiche ein nicht ganz so glückliches Gesicht. Sein Film Le Grain et le Mulet über den Alltag einer nordafrikanischen Einwanderungsfamilie in Frankreich war das Lieblingskind des Publikums am Lido. Ironisch-bitter bedankte sich der Künstler für seinen »bescheidenen Preis,« den er mit Todd Haynes und dessen Bob-Dylan-Film I'm Not There teilen mußte.

Zum Thema Deutscher Film: Da war im Wettbewerb nichts ausfindig zu machen. Immerhin liefen in der Nebensektion zwei Beiträge. Der Dokumentarfilm Staub von Hartmut Bitomsky und die schwarze Tragikomödie Freischwimmer von Andreas Kleinert. Beide Filme sorgten für bessere Reaktion bei Presse und Publikum als so mancher aus dem Wettbewerb. Nach dem Motto »auch dem Banalen liegt ein Zauber inne« zeigte Bitomsky, wie viel Poesie im Staub steckt. Originell, kurz und knackig dagegen die Komödie Freischwimmer, die das Publikum mit Witz und Tempo in Spannung hielt. Kriterien, die im Wettbewerb sehr vermißt wurden und für das nächste Festival 2008 wünschenswert wären. Denn am Ende gilt: Die Hoffung stirbt zuletzt, und die ersten Vorbereitungen für das 65. Festival sind bereits angelaufen. 1970-01-01 01:00
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