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49. Nordische Filmtage

Lübeck
31.10.-4.11.07
Die Kunst des negativen Denkens von Bråd Breien

Skandinavisch für Fortgeschrittene

Von Jens Dehn Die Kunst des negativen Denkens (Kunsten å tenke negativt) heißt der Gewinner der diesjährigen Nordischen Filmtage in Lübeck. Titel ist Programm, könnten da all jene meinen, die das skandinavische Kino noch immer einzig mit den existenzialistischen, bedeutungsschwangeren Dramen Bergmans oder Kaurismäkis gleichsetzen. Doch wenn es eine Tendenz gibt, die sich aus dem aktuellen Jahrgang ableiten läßt, dann die, daß hinter dunklen Wolken aus Selbstzweifel und Depression ein dicker Hoffnungsstreifen durchbricht. Selten waren in Lübeck so viele Filme zu sehen, die sich ernsten Themen auf komödiantische Weise annäherten. Sogar Ingmar Bergman, fraglos der ernsthafteste aller Regisseure, wurde anläßlich seines Todes noch einmal mit einem seiner heitersten Filme gewürdigt, dem Lächeln einer Sommernacht.

In Die Kunst des negativen Denkens zergeht Geirr, der nach einem Autounfall querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, in Selbstmitleid. Seine verzweifelte Frau sucht Unterstützung bei einer Gruppe von Behinderten, die unter Anleitung einer Therapeutin gelernt haben, positiv mit ihrem Schicksal umzugehen. Sie sollen helfen, Geirr aus seiner Isolation zu befreien. Doch der Misanthrop versteht es, stattdessen die Heucheleien und Lebenslügen der Gruppe zu demaskieren. Mit Bråd Breiens tiefschwarzem »Feelbad Movie« aus Norwegen wurde ein würdiger Träger des NDR-Filmpreises gefunden. Der Film behandelt das Thema Behinderung »schonungslos, konsequent und mit radikalem Witz«, wie es in der Jurybegründung heißt. »Dabei ist er niemals denunzierend. Wenn sich wahrhaftige Figuren mit Schuldgefühlen auf Seiten der Behinderten und Nichtbehinderten entblößen, wirkt es auf den Zuschauer wunderbar befreiend.« Weitere Preise gingen an die schwedischen Familiendramen Mit offenen Armen (Underbara älskade) von Johan Brisinger und Åke Sandgrens Wen man liebt (Den man älskar).

Künstlerisch hatte der Jahrgang 2007 dennoch wenig Innovatives zu bieten. Die etablierten Regisseure enttäuschten. Allen voran Lars von Trier, der vor kurzem noch selbst zu Protokoll gab, sich in einer Schaffenskrise zu befinden. Aus der ist er mit The Boss of It All noch nicht herausgekommen. Ravn, Besitzer einer IT-Firma, erfindet darin aus Angst, für unpopuläre Entscheidungen einstehen zu müssen, einen fiktiven Vorgesetzten, den er vor seinen Angestellten für alles verantwortlich macht. Das geht so lange gut, bis ein neuer Investor den großen Chef persönlich kennenlernen will. In seiner Not engagiert Ravn einen Schauspieler, der den »Boss of It All« spielen soll. Triers geradlinig, aber auch simpel erzählte Komödie konnte das Publikum ebenso wenig überzeugen wie Heimweh (Hjemve) von Lone Scherfig. Nach Italienisch für Anfänger und Wilbur Wants to Kill Himself ließ sich die Dänin fünf Jahre Zeit für ihren neuen Film. Ihre burleske Heimatkomödie um die Einwohner eines idyllischen Dorfes, deren Gemeinschaft erschüttert wird, als nachts ein Fremder nackt durch die Straßen läuft, wimmelt vor skurrilen Figuren, deren Skurrilität schlicht zu gewollt wirkt.

Einzig Petter Næss wurde seinem Ruf gerecht. Der Elling-Regisseur war mit zwei Filmen vertreten: Gekrallt (Tatt av kvinnen), ebenfalls eine leichte Komödie, eröffnete die Filmtage und erzählt auf unterhaltsame Weise die alte Geschichte, daß Männer und Frauen eigentlich nicht zusammenpassen. Ernsthafter geht es in Hoppet zu, um den zwölfjährigen kurdischen Flüchtlingsjungen Azad. Dieser wollte mit seiner Familie vor dem Krieg in seiner Heimat nach Deutschland fliehen, doch nachdem sie von Schleusern betrogen wurden, landen Azad und sein traumatisierter, stummer Bruder Tigris alleine mit einem ungeliebten Onkel und dessen Familie in Schweden. Hoppet gewann den Kinder- und Jugendfilmpreis der Nordischen Filminstitute und belegt einmal mehr eine der ganz großen Stärken des skandinavischen Kinder- und Jugendkinos: die Gabe, ausgesprochen ernsthafte und auch politische Themen auf sehr einfühlsame Weise zu erzählen und sein junges Publikum dabei immer ernstzunehmen.

Überhaupt: Bei einem Blick auf das Programm der 49. Nordischen Filmtage, mit all seinen dazugehörigen Rahmenveranstaltungen, konnte man zu Beginn des Festivals den Eindruck gewinnen, dies werde das Jahr der jungen Filmfreunde. Neben Azad bereicherte eine Fülle kleiner Helden das Kinder- und Jugendfilmprogramm. In Es war einmal ein Junge, der eine Schwester mit Flügeln bekam (Lillesøster med vinger) ist der zehnjährige Kalle davon überzeugt, daß zwei Hautlappen am Rücken seines neugeborenen Schwesterchens Flügel sind. Der neue Film des Regieduos Michael Wikke und Steen Rasmussen, die 2001 auf den Nordischen Filmtagen mit Die fliegende Oma den Preis der Kinderjury gewannen, mag den erwachsenen Zuschauern mit seinen knallbunten Bildern und Musical-Auftritten ein wenig zu viel des guten sein, doch für die Kleinen ist er ein großer Spaß. Neben dem vielfältigen Programm wurde in diesem Jahr auch abseits der Leinwand ein Schwerpunkt auf Kinder und Jugendliche gelegt. So gab es zum ersten Mal das Projekt »Junge Journalisten«, in dem Jugendliche unter fachlicher Anleitung die Filme des Kinder- und Jugendprogramms rezensieren und erste Erfahrungen als Reporter und Filmkritiker sammeln konnten.

Kritisiert werden muß jedoch die Retrospektive, eigentlich heimliches Highlight jedes Festivals. Bevor die Nordischen Filmtage im kommenden Jahr zum 50jährigen Jubiläum auf die großen Klassiker der skandinavischen Filmgeschichte zurückblicken, sollten 2007 auch hier die »Höhepunkte des skandinavischen Kinder- und Jugendfilms« zu ihrem Recht kommen. Doch das Ergebnis war mager: Ganze sieben Filme umfaßte die Retrospektive, die ihren Namen somit kaum verdient hatte. Ein Wiedersehen gab es immerhin mit kleinen Klassikern wie Lasse Hallströms Mein Leben als Hund, Allan Edwalls Åke und seine Welt und Goldregen von Sören Kragh-Jacobsen. Das Fehlen einer Begleitpublikation wertete die Retrospektive jedoch zusätzlich ab. Und Astrid Lindgren, die in diesen Tagen einhundert Jahre alt geworden wäre, mit nur einem Film, nämlich Pippi Langstrumpf, zu würdigen, (Neues von uns Kindern aus Bullerbü lief zudem in der Retrospektive), war schon eine kleine Frechheit.

Grund für dieses Versäumnis mag das auch so bis obenhin vollgepackte Programm der Filmtage sein. Auch in diesem Jahr strömten wieder über 20.000 Besucher in die Vorstellungen. Die Erweiterung des Festivals auf fünf Tage im vergangenen Jahr hat dabei nur bedingt zur Entspannung beigetragen. Wieder waren fast alle Vorstellungen ausverkauft. Auf der einen Seite fraglos ein Grund, stolz zu sein – wer solchen Zuspruch erhält, muß Vieles richtig gemacht haben. Auf der anderen Seite wird der Andrang zum 50. Geburtstag im kommenden Jahr sicher nicht geringer, und eine Expansion heraus aus dem Festivalkino Stadthalle auf weitere Leinwände in Lübeck scheint unumgänglich, will man dem Zuschauerandrang 2008 Herr werden. 2007-11-12 10:20
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