— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

18. Kinofest Lünen

Lünen
15.-18.11.07
Für den unbekannten Hund (2007) von Dominik & Benjamin Reding

Erzählen in Bildern

Von Carsten Happe Daß der Film ein vorwiegend visuelles Medium ist, bewiesen die stärksten Beiträge des diesjährigen Festivals für deutsche Filme im westfälischen Lünen auf eindrucksvolle Weise. Sie wußten ihre Geschichten vornehmlich über Bilder zu erzählen, poetische wie panoramische Bilder, die die Sprachlosigkeit vieler Protagonisten entsprechend kontrastierten. So wie in Martin Gypkens‘ weltumspannender Sinnsuche in Cinemascope, Nichts als Gespenster, die als Abschlußfilm lief und für die Festivalleiter Mike Wiedemann die selbstbewußte Haltung des Verleihs verriet, er schicke zu diesem Film keine Sichtungs-DVDs, Nichts als Gespenster gehöre allein auf die große Leinwand. Ein wahres Wort.

Dominik Grafs aktuelles Werk dagegen ist fürs TV gedacht, sorgt aber zuvor auf diversen Festivals zu Recht für Furore: Das Gelübde ist ein ebenso bestechendes wie eigenwilliges historisches Drama, das gänzlich auf Kostümkitsch und pompöse Inszenierung verzichtet, seinen Figuren dafür umso näherkommt und mit seinen gewagten Bildkompositionen fast zu schade für die Flimmerkiste ist.

Schließlich der zweite Streich der Reding-Brüder mit dem sperrigen Titel Für den unbekannten Hund, ein ungehobelter, ungemein kraftvoller Parforceritt durch die hermetische Welt wandernder Handwerksgesellen. Ein Film mit einigen Schwächen, aber auch zahlreichen magischen Momenten, wenn jegliche Konventionen des Geschichtenerzählens über Bord geworfen werden und der Macht der Bilder vertraut wird. Für den unbekannten Hund lief in der Nebensektion »Lünen-Premieren«, zusammen mit anderen, bundesweit bereits ausgewerteten Arthouse-Hits wie Du bist nicht allein und Auf der anderen Seite, die die Kleinstadt jedoch bisher nicht erreichten.

Die Wettbewerbsfilme, die um die mit 10.000 Euro dotierte Lüdia konkurrierten, waren allerdings von durchwachsener Qualität. Echte Glanzlichter wie Sonja Heiss‘ entwaffnender Asientrip Hotel Very Welcome waren rar. Ben von Grafensteins Blindflug, sein Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, überzeugte zumindest durch seinen gut getimten Dialogwitz. Über Leroy decken wir lieber den Mantel des Schweigens, und Tom Zenkers Der blinde Fleck verfängt sich letztlich in konventionellen TV-Schemata. Überraschenderes förderten schließlich zwei Dokumentationen im Wettbewerb zu Tage: Die eine folgte Christof Wackernagel, Schauspieler und Ex-RAF-Mitglied, in sein neues Lebensumfeld nach Mali, wo er als Der Weiße mit dem Schwarzbrot die Gesellschaft des afrikanischen Staats mit gebremstem, fast lebensweisem missionarischem Eifer im Kleinen verändern möchte. Amüsante Einblicke in sein Leben und seine Art Filme zu machen, ermöglichte auch Wim Wenders, der in Von einem der auszog – Wim Wenders‘ frühe Jahre mal schweigsam, mal bereitwillig über seine ersten Karriereschritte Auskunft gab. Marcel Wehns Film punktete außerdem mit unverblümten Interviews mit Wenders‘ langjährigem Editor Peter Przygodda und Yella Rottländer, der Hauptdarstellerin aus seinem wohl schönsten Film Alice in den Städten. Auch dies ein Film, dessen zeitlose Bilder jedes Wort überflüssig werden lassen. Und so schweigt Wim Wenders sekundenlang in die Kamera. Alles ist gesagt. 2007-11-23 12:46
© 2012, Schnitt Online

Sitemap